Kunst und Spekulation


Diese Anschauung des sich selbst gestaltenden oder sich objektiv findenden Absoluten kann gleichfalls wieder in einer Polarität betrachtet werden, insofern die Faktoren dieses Gleichgewichts, auf einer Seite das Bewußtsein, auf der anderen das Bewußtlose überwiegend gesetzt wird. Jene Anschauung erscheint in der Kunst mehr in einen Punkt konzentriert und das Bewußtsein niederschlagend, — entweder in der eigentlich sogenannten Kunst als Werk, das als objektiv teils dauernd ist, teils mit Verstand als ein totes Äußeres genommen werden kann, ein Produkt des Individuums, des Genies, aber der Menschheit angehörend, — oder in der Religion als ein lebendiges Bewegen, das als subjektiv, nur Momente erfüllend, vom Verstand als ein bloß Inneres gesetzt werden kann, das Produkt einer Menge, einer allgemeinen Genialität, aber auch jedem Einzelnen angehörend. In der Spekulation erscheint jene Anschauung mehr als Bewußtsein, und im Bewußtsein Ausgebreitetes als ein Tun subjektiver Vernunft, welche die Objektivität und das Bewußtlose aufhebt. Wenn der Kunst in ihrem wahren Umfang das Absolute mehr in der Form des absoluten Seins erscheint, so erscheint es der Spekulation mehr als ein in seiner unendlichen Anschauung sich selbst Erzeugendes; aber indem sie es zwar als ein Werden begreift, setzt sie zugleich die Identität des Werdens und Seins, und das als sich erzeugend ihr Erscheinende wird zugleich als das ursprüngliche absolute Sein gesetzt, das nur werden kann, insofern es ist. Sie weiß sich auf diese Art das Übergewicht, welches das Bewußtsein in ihr hat, selbst zu nehmen, — ein Übergewicht, das ohnehin ein Außerwesentliches ist. Beides, Kunst und Spekulation sind in ihrem Wesen der Gottesdienst, — beides ein lebendiges Anschauen des absoluten Lebens und somit ein Einssein mit ihm.

Die Spekulation und ihr Wissen ist somit im Indifferenzpunkt, aber nicht an und für sich im wahren Indifferenzpunkt; ob sie sich darin befinde, hängt davon ab, ob sie sich nur als eine Seite desselben erkennt. Die Transzendentalphilosophie ist eine Wissenschaft des Absoluten, denn das Subjekt ist selbst Subjekt-Objekt und insofern Vernunft; setzt sie sich als diese subjektive Vernunft als das Absolute so ist sie eine reine, d. h. formale Vernunft, deren Produkte, Ideen, einer Sinnlichkeit oder Natur absolut entgegengesetzt sind und den Erscheinungen nur als die Regel einer ihnen fremden Einheit dienen können. Indem das Absolute in die Form eines Subjekts gesetzt ist, hat diese Wissenschaft eine immanente Grenze; sie erhebt sich allein dadurch zur Wissenschaft des Absoluten und in den absoluten Indifferenzpunkt, daß sie ihre Grenze kennt und sich und dieselbe aufzuheben weiß, und zwar wissenschaftlich. Denn es ist wohl ehemals viel von den Grenzpfählen der menschlichen Vernunft gesprochen worden, und auch der transzendentale Idealismus anerkennt unbegreifliche Schranken des Selbstbewußtseins, in die wir einmal eingeschlossen sind; aber indem die Schranken dort für Grenzpfähle der Vernunft, hier für unbegreiflich ausgegeben werden, erkennt die Wissenschaft ihr Unvermögen, sich durch sich selbst, d. h. nicht durch einen salto mortale aufzuheben oder von dem Subjektiven, worein sie die Vernunft gesetzt hat, wieder zu abstrahieren.

Weil die Transzendentalphilosophie ihr Subjekt als ein Subjekt-Objekt setzt und hiermit eine Seite des absoluten Indifferenzpunktes ist, so ist allerdings die Totalität in ihr; die gesamte Naturphilosophie selbst fällt als ein Wissen innerhalb ihrer Sphäre, und es kann der Wissenschaft des Wissens, die nur einen Teil der Transzendentalphilosophie ausmachen würde, nicht verwehrt werden, so wenig als der Logik, auf die Form, die sie zum Wissen gibt, und auf die Identität, die im Wissen ist, Anspruch zu machen oder vielmehr die Form als Bewußtsein zu isolieren und die Erscheinung für sich zu konstruieren. Aber diese Identität, von allem Mannigfaltigen des Wissens abgesondert, als reines Selbstbewußtsein, zeigt sich als eine relative darin, daß sie aus ihrem Bedingtsein durch ein Entgegengesetztes in keiner ihrer Formen herauskommt.


 © textlog.de 2004 • 17.10.2017 15:23:37 •
Seite zuletzt aktualisiert: 10.11.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright