Grundsätze


Fichte hat in der Wissenschaftslehre für die Darstellung des Prinzips seines Systems die Form von Grundsätzen gewählt, von deren Unbequemlichkeit oben die Rede war. Der erste Grundsatz ist absolutes Sich-selbst-Setzen des Ich, das Ich als unendliches Setzen; der zweite absolutes Entgegensetzen oder Setzen eines unendlichen Nicht-Ich; der dritte ist die absolute Vereinigung der beiden ersten durch absolutes Teilen des Ich und des Nicht-Ich, und ein Verteilen der unendlichen Sphäre an ein teilbares Ich und an ein teilbares Nicht-Ich. Diese drei absoluten Grundsätze stellen drei absolute Akte des Ich dar. Aus dieser Mehrheit der absoluten Akte folgt unmittelbar, daß diese Akte und die Grundsätze nur relative oder, insofern sie in die Konstruktion der Totalität des Bewußtseins eingehen, nur ideelle Faktoren sind. Ich = Ich hat in dieser Stellung, worin es anderen absoluten Akten entgegengesetzt wird, nur die Bedeutung des reinen Selbstbewußtseins, insofern dieses dem empirischen entgegengesetzt ist; es ist als solches bedingt durch die Abstraktion von dem empirischen, und sogut der zweite Grundsatz und der dritte bedingte sind, sosehr ist es auch der erste Grundsatz; schon die Mehrheit absoluter Akte deutet unmittelbar darauf, wenn ihr Inhalt auch ganz unbekannt ist. Es ist gar nicht notwendig, daß Ich = Ich, das absolute Sich-selbst-Setzen, als ein Bedingtes begriffen wird; im Gegenteil haben wir es oben in seiner transzendentalen Bedeutung als absolute (nicht bloß als Verstandes-)Identität gesehen. Aber in dieser Form, wie Ich = Ich als einer unter mehreren Grundsätzen aufgestellt wird, so hat er keine andere Bedeutung als die des reinen Selbstbewußtseins, welches dem empirischen, die der philosophischen Reflexion, welche der gemeinen entgegengesetzt wird.

Diese ideellen Faktoren des reinen Setzens und des reinen Entgegensetzens könnten aber nur zum Behuf der philosophischen Reflexion gesetzt sein, welche, ob sie zwar von der ursprünglichen Identität ausgeht, gerade (um das wahre Wesen dieser Identität zu beschreiben) mit der Darstellung absolut Entgegengesetzter anfängt und sie zur Antinomie verbindet, — die einzige Weise der Reflexion, das Absolute darzustellen, um die absolute Identität sogleich aus der Sphäre der Begriffe wegzunehmen und sie als eine Identität, die nicht von Subjekt und Objekt abstrahiert, sondern als eine Identität des Subjekts und Objekts zu konstituieren. Diese Identität kann nicht so gefaßt werden, daß das reine Sich-selbst-Setzen und das reine Entgegensetzen beides Tätigkeiten eines und ebendesselben Ich sind; eine solche Identität wäre durchaus nicht eine transzendentale, sondern eine transzendente; der absolute Widerspruch der Entgegengesetzten sollte bestehen, die Vereinigung beider reduzierte sich auf eine Vereinigung im allgemeinen Begriffe der Tätigkeit. Es wird eine transzendentale Vereinigung gefordert, worin der Widerspruch beider Tätigkeiten selbst aufgehoben und aus den ideellen Faktoren eine wahre, zugleich ideelle und reelle Synthese konstruiert wird. Diese gibt der dritte Grundsatz: Ich setzt im Ich dem teilbaren Ich ein teilbares Nicht-Ich entgegen.12) Die unendliche objektive Sphäre, das Entgegengesetzte ist weder absolutes Ich noch absolutes Nicht-Ich, sondern das die Entgegengesetzten Umschließende, von entgegengesetzten Faktoren Ausgefüllte, die sich in dem Verhältnis befinden, daß, soviel der eine gesetzt ist, soviel der andere nicht, — insofern der eine steigt, der andere fällt.

 

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12) Fichte, Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre, SW, Bd. 1, S. 110


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