Die verbrannte Tänzerin


Paris, im Mai

Als ich mir aus der Oper in Paris meine Karte für Schaljapin holte – (was ein richtiger Berichterstatter ist, der protzt erst einmal seine Leser ein bißchen an) –, da sah ich, dass es in der Oper auch ein kleines Museum gibt. Im Baedeker: zwei Zeilen. Das spricht dafür. Ich hin.

Das Museum ist ein kleiner Saal, angefüllt mit Erinnerungen an die glorreichen Jahre der Oper. Sie kennen gewiß diese Schwäche für profane Gegenstände, die einmal von großen Leuten benutzt worden sind – es hat etwas Rührendes und etwas Lächerliches, ich weiß – aber man kommt schwer davon los. Da liegen:

Geigenbogen von Paganini. Sein Kolophonium. Die Kastagnetten und die Tanzschuhe Fanny Elßlers. Die Stimmgabel, die Meyerbeer benutzt hat. (Doch. Es steht drunter.) Ein süßes kleines Fernrohr, in blauer Emaillearbeit, das war ein Opernglas. Bilder von der Malibran. Karikaturen von Berlioz. Von Offenbach. Von Richard Wagner. Das Porträt Wagners von Renoir. Bühnenbilder, auf kleinen Puppentheatern in Pappe nachgebildet, von einer so bezaubernden Kitschigkeit, dass man nur wünschen kann: Wollte Gott, sie sind so gewesen! Goldene Dosen, Ehrenketten, Taktstöcke – und viel angebrannter Fundus.

Denn das Pariser Opernunternehmen hat dreimal gebrannt: 1763 und 1781 und 1873. (Da stand es noch nicht an dieser Stelle, sondern war im Palais Royal und anderswo.) Und Hosenträger von Rossini. Und kleine Puppenfigurinen: »Le jeu« – mit Spielkarten auf dem Bauch. »Le feu« – dito mit Flammen. Und an einer Tür alte, verrostete Rampenlichter, Soffittenlampen – ach, du lieber Gott! diese Funzeln haben einmal Licht und Helligkeit und Freude verbreitet! (Aber vielleicht mehr als unsere Hundertkerzigen.) Aber sie haben nicht immer nur Licht und Freude ausgestrahlt. Einmal auch den Tod. Da liegen unter Glas verbrannte Tüllfetzen, mit braunen Flecken, in einem kleinen Holzsarg. Das sind die Überreste der Tänzerin Emma Livry.

Gleich neben dem Museum ist die Opernbibliothek, und weil ich doch ein richtiger Brillendeutscher bin, habe ich ein bißchen gegraben und folgendes gefunden:

Am 15. November 1862, es war ein Sonnabend, gab man »Die Stumme von Portici«. Das Fräulein Livry, ein junges Mädchen von zweiundzwanzig Jahren, hatte im zweiten Akt, auf einem Praktikabel stehend, auf der Bühne zu erscheinen und zu tanzen. Sie war schon vor ihrem Auftritt da, um einen Sänger singen zu hören. Damals hatte man noch offene Gasflammen auf der Bühne. Die Direktion hatte versucht, den Tänzerinnen imprägnierte Trikots anzuziehen – aber das gesamte Corps de ballet war rabiat geworden: das nähme den Stoffen die Appretur, solches Zeugs zögen sie nicht an, und so blieb alles beim alten. Die Livry stand da, mit ihren elf Jupons übereinander. Die Uhr war neun.

Und mit diesen elf Jupons kam sie der offenen Flamme zu nahe, fing sofort Feuer und merkte es im ersten Augenblick nicht. Der wachthabende Feuerwehrmann rief »Stillstehn!« – weil er löschen wollte. Da erst drehte sich Fräulein Livry um, schrie und lief – brennend – zweimal über die Bühne. Das Theater heulte vor Entsetzen. Und die Tänzerin rief um Hilfe, aber niemand wagte, an sie heranzukommen. Bis schließlich ein Feuerwehrmann sich auf sie stürzte, sie zu Boden riß und sie mit Tüchern umwickelte. Dann ging das Feuer aus. Der Mann hieß, wirklich, Müller.

Die Tänzerin wurde in ihre Wohnung in die Rue Laffitte gebracht, das ist nicht weit von der Oper. »Der Transport«, sagt ein Bericht, »war ein einziger Schrei.« Sie hat dann noch ein Vierteljahr gelebt; es ist nicht gelungen, sie mit diesen schrecklichen Brandwunden, die sie davongetragen hatte, durchzubringen. Sie starb im Alter von 23 Jahren.

Ihre Büste steht in der Oper. Es muß eine schöne, stattliche Blondine gewesen sein, mit ausdrucksvollen Zügen und der etwas länglichen französischen Nase, die man hier häufig an Frauen sieht. Und noch etwas ist aufbewahrt: der Abguß ihres Beins, hergestellt, als sie noch am Leben und gesund war. Ein gut geformtes, schlankes Tänzerinnenbein. Der Rest liegt in dem kleinen Holzsarg. Sie könnte vielleicht noch heute leben, wenn das nicht geschehen wäre – das Ganze liegt jetzt zweiundsechzig Jahre zurück.

Das wäre das Neueste, das ich aus Paris zu berichten wüßte.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 04.06.1924, Nr. 264, S. 3.





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