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Budjonnys Reiterarmee

Wenn ein Buch erschienen ist, dann machen sie sich darüber her, und die Redaktionen hallen wider vom Rascheln der Manuskripte, die alle, alle dasselbe mitteilen: Man lese das neue Buch ›Schwester Maria und frühes Leid‹ von Gebr. Mann! Und dann vergeht eine Zeit; ein Literat, der grade die Grippe gehabt hatte, kommt hinterher geklettert … und dann wird es ganz still. Ein neues Buch steigt am Horizont auf.

Um ›Budjonnys Reiterarmee‹ von I. Babel, im Malik-Verlag zu Berlin erschienen, sollte es nicht so bald still werden. Ich und mein Kater ›Parteivorstand‹ (verschnitten, weiß es aber nicht): wir haben es schon dreimal gelesen und nicht schlecht dabei geschnurrt.

Der Betroffne, der General Budjonny, soll außer sich sein über das Buch. Das ist möglich. Ebenso möglich wie die Tatsache, dass auch nicht ein Buchstabe darin der Wahrheit entspricht. Aber darauf kommt es ja gar nicht an.

Das, was dieses Buch auszeichnet, ist vor allem sein Ton. Ich kann mich nicht besinnen, eine so seltsame Mischung von Gelassenheit, Verdrehtheit, Anteilnahme, Hitze und Kälte noch einmal angetroffen zu haben. Von der Großaufnahme: »Roter Remonten-Kommandeur reitet ein halbtotes Pferd wieder lebendig« bis zur Weltanschauung ist alles da. Die Bauern und die einhertosenden Scharen der Roten Armee: das berührt sich kaum, dringt gar nicht ineinander ein, unvermischt stehen die beiden etwas irren Lager einander gegenüber und sehen sich an. Und schütteln übereinander die Köpfe und sind doch so tief verbunden … Söhne einer Mutter, Söhne der Matuschka, der Muttersau Rußland.

Manchmal erscheint ein jüdischer Kopf und läßt vorsichtig die Pajes durch die Türspalte hangen. Und sagt seins. Etwa so: »Der Pole hat mir die Augen verschlossen, der Pole, der böse Hund! Er nimmt den Juden und reißt ihm den Bart aus, ach, der Hund! Und nun wird er geschlagen, der böse Hund! Das ist bewundernswert! Das ist die Revolution! Und später kommt sie zu mir, die den Polen geschlagen hat, und sagt: Gib dein Grammophon dafür her, Gedalje! – Ich liebe die Musik, Panje, antworte ich der Revolution. – Du weißt nicht, was du liebst, Gedalje; ich werde auf dich schießen, und dann wirst du wissen, was du liebst, und ich muß schießen, Gedalje, denn ich bin die Revolution … « Und dann: »Ja, rufe ich der Revolution zu, ja, rufe ich ihr zu, aber sie versteckt sich vor mir und macht sich nur durch Schießen bemerkbar … « Und so hundertmal.

Auf welchem Planeten diese Geschichten spielen, weiß ich nicht. Die Leute auf den Kampfwagen, und die verrückten Heiligenmaler, und der Mann, der neben dem Toten schlafen muß, und dieses unbegreifliche Durcheinander … Die Perle aber ist die Geschichte eines Pferdes.

»Sawitzki, unser Divisionskommandeur, hatte seinerzeit Chlebnikow, dem Kommandeur der ersten Schwadron, seinen weißen Hengst weggenommen.« Diese Schmach muß gerochen werden, und jener rächt. Er bekommt sein Schriftstück, wonach der böse Feind verpflichtet ist, das Pferd zurückzugeben, auch ist der Divisionskommandeur nicht mehr Divisionskommandeur … Nichts wie hin. Hundert Kilometer – aber Rache muß sein. »Mit Parfum begossen, Peter dem Großen nicht unähnlich, lebte der Geächtete mit der Kosakin Pawla, die er einem Intendanten, einem Juden, samt zwanzig rassigen Pferden weggenommen hatte.« Dieser Lustmensch nun schmeißt den schimmelheischenden Chlebnikow, den Genossen, den Mitkrieger mit dem Revolver in der Faust vom Hof herunter. Und die Kosakin sieht die Schande mit an! (»Und sie ging auf den Divisionskommandeur zu, ihre Brüste bewegten sich wie Ferkel im Sack.«) Und Chlebnikow, der Geschlagne, entweicht und setzt einen Schrieb auf, eine Beschwerde an den Militärkommissar, und will überhaupt nicht mehr mitspielen. Wie in diesem Edikt gekränkte Eitelkeit, falsche Grammatik, mißverstandene Zeitungsphrasen und anständige Monomanie durcheinandergehen … wäre ich du, ich ginge hin und überredete den Sortimenter, das Buch anzuschaffen. Der Gehilfe wird versuchen, dir die Erinnerungen des Malers Vogel, die der an unsern Hindenburg hat, als Ersatz anzudrehen: ich nähms nicht. Ich bestände auf Budjonny. Dem Buch, das von Rußland erzählt und so bunt ist, wirklich so bunt, wie der Umschlag aussagt:

»Schwarze Wolken – blaue Bohnen – rote Soldaten – grüne Wälder – graues Elend – weiße Armee.«

Peter Panter
Die Weltbühne, 29.03.1927, Nr. 13, S. 517.