Die Platte Electrola EG 178


Wenn das Klavier ein wenig synkopiert hat, ist da wohl ein Herr an den Flügel getreten, weil ihn alle so gebeten haben, etwas zu singen, irgendein höherer englischer Kolonialbeamter oder der Sohn eines geachteten Parlamentmitgliedes. Es sind übrigens nur Herren im Zimmer, die nachdenklich in die gelben Whiskyperlen blicken, als das Klavier einsetzt. Die Leute hören satt und sorglos zu, gar nicht so verbissen in ihr murksiges Innenleben wie der kleine Mittelstand auf jenem alten Bild »Beethoven«. Es ist nichts als die Stunde nach dem dinner. Manche sehen den am Flügel auch an.

Er beginnt mit einer leichten, angenehmen Stimme, die nur leise tupft, er bemüht sich zunächst kaum, zu singen. Er ist doch ein Dilettant, und niemand verlangt von ihm, dass er leuchtende Tenorbälle in die Luft wirft. Tut er auch gar nicht. Er paßt sich so einigermaßen dem Begleiter an, manchmal läßt er fast tückisch dem Klavier einen kleinen Vorsprung und holt das dann zum Schluß der Liedzeile nonchalant wieder ein. Sie werden schon zusammen fertig werden. »When I look in your eyes«, singt er und: »Something tells me that you and I should be together«, und man weiß nicht genau, ob er sich nun über sich lustig macht oder über die Herren mit den Whiskyperlen, oder über die, der er in die Augen sieht. Da ist der Refrain. »O Caecilie! – O Caecilie! Say that you'll be mine!« Die Stimme schleift. Jetzt wird es da am Klavier im Takt sehr kompliziert. Der Herr Sänger überhören das, hüpfen aber richtig in die Schlußzeile, und wenn er einmal aus dem Rezitativ herauskommt, heben einige die Köpfe. Er kann ja singen! er hat ja eine wirklich nette, kleine Stimme, eine nette, kleine –

Die zweite Strophe setzt etwa eine Oktave tiefer ein als die erste. Das ist ein Mann, den sein Bariton auch in den untern Lagen gut trägt, einer, der männlich, kräftig und überlegen einem Mädchen gut zuredet, sie solle doch nun endlich ... Er lockt, er ist ein böser Bube und lockt. Folgt sie ihm? Es ist nicht genau herauszubekommen, wer wem folgt, aber am Schluß werden sie schon zusammen sein, daran ist kein Zweifel. Dieser Herr spielt mit dem Refrain, kugelt das Wörtchen »Caecilie« hin und her, schnellt es nach oben und steckt es ins Knopfloch und singt über alle Whiskygläser hinweg, und einmal gibt er, man hört ordentlich im Grammophon die winzige Handbewegung, das Wort Caecilie zu: als Draufgabe. Es paßt gar nicht in den Takt, aber in der Fistellage ermahnt er sie noch einmal. »Caeciilie –!« Da wird sie wohl nun folgen, das gute Kind.

Und weil ihn jetzt alle ansehen, singt er den Refrain noch einmal, schleppend, ein klein wenig niederträchtig zögernd, so dass man immer Angst hat, er werde mit dem Takt nicht auskommen. »Say that you'll be mine!« Dann tritt ein vollendeter Herr vom Flügel zurück und bedankt sich, konventionell lächelnd, für den Freundesbeifall und ist wieder ein Gleicher unter Gleichen. Beileibe kein Künstler.

Übrigens soll Jack Smith, the whispering singer, Kellner von Beruf sein und sicherlich, hängen Sie Ihre Tochter weg!, ein wildes Huhn.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 22.02.1927, Nr. 8, S. 314.





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