Otto Wallburg


kommt herausgetrudelt, Atem hat er draußen geschöpft, und was er nun sagt, hört sich ungefähr folgendermaßen an:

»Also – erlauhm Sie mal, wie komm Sie überhaupt dazu, einfall-lächerlich! Sie haben mir doch erst gestern am Telefon – liieber Freund! Dann gehört der Kerl ins Zuchthaus! Ins Zuchthaus! Sag ich Ihnen! Sie mit! – Ham Sie ne Zigarre?« Diese Fettkugel spricht Stenographie (Debattenschrift); die Sätze fallen, fertiggenäht, aus dem Mund, sind hundertmal gesprochen, werden als bekannt vorausgesetzt und daher nur leicht angeschlagen. »Es erscheint mir nicht nötig, hier noch umständliche Einwendungen zu machen« heißt: »Al' machn Se doch keine –«, und den Rest hat man sich zu denken.

Er ist immer ein bißchen naß, weil er schwitzt, immer in Bewegung, und was er einmal in einer Posse zu sagen hatte, könnte sein Wahlspruch sein: »Nehmen Sie nur! Ich habe davon vierhundert Stück.« Er hat von allem vierhundert Stück, auch von jeder Gemütsbewegung. Er muß, dem Akrobaten gleich, immer trippeln, sonst fällt er von der Kugel, Ruhe ist Tod, Stillstand Verderben. Da bewegt er sich lieber.

Ein Teil seiner Komik liegt darin, dass er die Glaswände der Würde, die um jeden Menschen enger oder weiter aufgerichtet sind, unbekümmert durchbricht: für ihn gibts das nicht, er sieht sie nicht einmal. Wenn die Wände klirrend zu Boden krachen, und der Angepackte den Eindringling betroffen anstarrt, fuchtelt er mit Händen und Füßen, und die Hörer lachen, weil es immer Spaß macht, dergleichen zu sehen. Der Wallburgsche Spießer, durch Konversationslexikon, etwas Radio und viel Zeitung genau so weit aufgeklärt, wie das fürs Geschäft der andern notwendig ist, geht ran, respektiert keine Würde und böte auch noch einem Shakespeareschen König eilig und gutmütig eine Zigarre an.

Denn gutmütig ist er. Im Grunde schüchtern, wird er leicht frech – das soll in Deutschland vorkommen, niemand war ja feiger als der Selige aus Doorn, und daher auch dessen große Schnauze. Wallburg ist häufig sein getreuer Untertan, forsch, maßlos beschäftigt und immer hinter irgend etwas her. Nur hat er – im Gegensatz zu dem Herminerich – Herz.

Und ist daher kein hoffnungsloser Spießer. Ob er wirklich dem König im ›Macbeth‹ eine Zigarre reichte? Vielleicht wendete er sich an das Hofmarschallamt, aus Respekt, aus irgendeinem vagen Gefühl für Größe. Das ist denkbar. Wie man sich ja überhaupt diesen Komiker zum Beispiel an einem Grab denken könnte, er weinte wirklich, er mag Kinder gern, er hat eine dickliche weiche Hand, sein Fett wackelt gutmütig, und war ihm nicht grade in Geschäften im Wege steht, dem ist er hold gesinnt. Eine Spur kesser: und er wäre ein idealer Wendriner.

So aber hopst er über die Bühnen, verhapselt, verhaspelt, verhapselt sich, ververspricht sich, »Tante Emmy hat mir aber doch selber gesagt, sie paßt aufs Kind auf, wenn das Kind in die Badewanne fällt, wer läßt denn eine Badewanne ohne Aufsicht ... 'n Augenblick mah! 's Telefong klingelt! Marie! Marie! Warum geht denn keiner ... !«

Man hats nicht leicht in den Stürmen des menschlichen Lebens. Auf den weißen Wogenkämmen aber tanzt der Dicke, ein Badeengel aus Zelluloid.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 15.02.1927, Nr. 7, S. 274.





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