Französischer Kriegsfilm


›Les Gueules Cassées‹ – die zerhauenen Visagen – heißt eine Vereinigung französischer Schwerkriegsverletzter. Die haben, mit Unterstützung des französischen Kriegsministeriums, zugunsten ihrer Kassen einen Film herausgebracht, der, vor abendlich ausverkauften Häusern, zur Zeit in Paris läuft.

Der Film heißt bezeichnenderweise ›Pour la Paix du Monde‹ und so wirkt er auch. Denkt man an den unsäglichen Hugenberg-Film, der in Deutschland ungestraft die Leute zu neuen Kriegen aufhetzen darf (für dieses Delikt gibt es keinen Paragraphen im neuen Strafgesetz), dann wird man traurig. Dort gestellter Kitsch und Geschichtslügen – hier die nackte Realität.

Die Filmstreifen, die hier laufen, haben vier Operateuren das Leben gekostet; vier weitere sind bei den Aufnahmen schwer verwundet worden. Man sieht aber auch fast alles:

Aufmarsch der Truppen und die unsäglichen Qualen in den Ackergräben; Essenholer und im Schlamm versinkende Kanonen, Menschentiere holen sie wieder heraus; schwindelerregende Luftkämpfe, Absturz eines Flugzeuges – es ist übrigens merkwürdig, wie in solchen Filmen fast immer nur der Feind fällt; zerschossene Dörfer, eine Operation im Lazarett und geradezu grauenerregende Aufnahmen der Gefallenen: Bündel, Fetzen, faulende Stücke von Leichen – und das Allerstärkste: eine Patrouille, die aus dem Graben steigt, sich an einen deutschen Posten heranschleicht und nun Gefangene mitbringt ... Man sieht diese Gefangenen: arme Irre, laufen sie mit emporgeworfenen Armen in den französischen Graben.

Und die langen Züge der deutschen Gefangenen, diese jungen, ausgemergelten, zu Tode erschöpften Gesichter ... Einmal kam ein ganzer Trupp von vom und begegnete nun unterwegs einem zweiten französischen Stoßtrupp, der vorrückte. Mir wird die Bewegung, mit der die vordersten deutschen Soldaten die Arme hochhoben, fast wie zum Gruß, so selbstverständlich, eilig und nichtssagend, ewig unvergeßlich bleiben: die einzige humane Geste in diesem Treiben. Und brennende Städte und die zurückkehrenden Bauern, und als Rahmen die Ansprache eines blind geschossenen französischen Generals, der seine Mitkämpfer vorstellt: da tauchen sie, in Zivil, aus dem Dunkel auf, einer nach dem andern, wie eine Vision: zerschossene, zerschlagene, verstümmelte, schreckliche Gesichter, die kaum noch Gesichter sind. Aber nun haben die Opfer einen Sonntagsrock an und sind keine Soldaten mehr, sondern wieder brave Leute, denen man nichts mehr ansieht.

Eine schwere Stille lastete auf dem Saal. Nur einmal klatschten ein paar Frauen: eben, als die Franzosen die deutschen Gefangenen heimbrachten – die Schule hatte es ihnen wohl nicht besser gesagt. Aber als sie nachher die Leichen sahen, da war es ganz still ...

In der seltsamen Zusammensetzung, wie sie Franzosen manchmal lieben, hatte man vorher ›Charlot Soldat‹ gegeben, diese im ersten Teil himmlische Kriegsgroteske. Kein anderer hätte wagen dürfen, mit dem Entsetzlichen so Spott zu treiben, wie es sein Genie getan hat – diese Verhöhnung des Militarismus, diese skurrile Komik der Bewegungen, dieser blitzschnelle Wechsel von Sentimentalität, echtem Gefühl, Klamauk und Karikatur, das ist etwas völlig Einzigartiges. Einmal kommt in diesem herrlichen Film ein zerschossenes Haus vor – nachher, als es ernst wurde, zeigte das Bild fast genau dasselbe Haus ... Und ich suchte immerzu auf der Leinwand der Historie den kleinen zappelnden Mann, der durch ein Augenzwinkern das ganze Pathos in den Mond jagt ...

Ach, er war nicht da. Aber es muß doch einmal gefragt werden, ob sich denn in allen Ländern, die dabei gewesen sind, keine Regierung findet, die den Mut aufbringt, auch einmal fremde Kriegsfilme im eigenen Lande laufen zu lassen. Dann würde sich nämlich zeigen (was man zum Beispiel auch in dem schönen Soldatenbuch von Dos Passos ›Drei Soldaten‹ sehen kann): dass es überall das gleiche gewesen ist. Daß auf allen Seiten anständige Kerls gekämpft haben und Rohlinge, Verbrecher und Getäuschte, Idealisten und ein paar wirkliche Helden. Man zeige einmal alles: man zeige die Nahkampfaufnahmen, die in allen Generalstäben existieren, man zeige, wie Leute fallen, hinsinken, sich auf dem Boden zerquälen – man zeige Trümmer und zerfetzte Pferde, denen die Eingeweide herausquellen, vergaste und brüllende Menschen, hingemordete Jünglinge und blutende Männer. Man zeige das, und es wird sich herausstellen, ob die Menschheit, die phantasieloser als böse ist, sich nicht erhebt und nach diesen Verlusten, nach diesen Leiden und nach diesen Schmerzen in millionenfachem Schrei etwas zurückweist, das nicht sein muß: das Verbrechen des Krieges.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 02.11.1927.





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