Rudolf Kircher,
›Fair Play‹, ›Engländer‹


Obenauf liegen zwei bunt gekleidete Bücher. Von Rudolf Kircher: ›Fair Play‹ und ›Engländer‹ (beide bei der Frankfurter Societätsdruckerei in Frankfurt am Main erschienen).

Es ist sehr merkwürdig: England ist für die deutsche Presse noch nicht entdeckt. Ob die sinnlose Überschätzung von Paris darin ihren Beweggrund hat, dass die maßgebende Generation der maßgebenden Redakteure auf der Schule Englisch nur als Fakultativfach gehabt hat oder woran immer es sonst liegen mag: England gibt es kaum. In Paris braucht sich nur die Spinelly ihren Oberschenkelschmuck, stehlen zu lassen, und Prenzlau, Königsberg und Darmstadt sind auf das ungenauste informiert. Es blitzt nur so von pariser Informationen. London? C'est là-bas ... wie sie hier in Paris sagen. Davon spricht man in feinen Zeitungen nur im politischen Teil. Es soll sich aber auch dort eine Art Leben abspielen, hörte ich ... Hier bei Kircher, dem ausgezeichneten Korrespondenten der ›Frankfurter Zeitung‹, kann mans kennenlernen.

Das Buch ›Engländer‹ ist instruktiver: es gibt da Porträts großer Briten, und, soweit das jemand beurteilen kann, der nicht in London gelebt hat, sind sie gut und überzeugend. (Ganz besonders anzumerken: die hervorragenden Fotografien.) Wir lernen, was es mit der englischen Aristokratie auf sich hat; wie das konservative Element drüben aussieht und das liberale und das sozialistische, und wie das konservative sie alle drei durchdringt ... wir sehen Reinhold Schünzel, als Churchill verkleidet, und den Deutschenfresser Northcliffe, den die Deutschnationalen jetzt bei uns, das ist die große Mode, mit einem Radauantisemiten vergleichen, was die Rolle der Deutschen unter den Nationen gut beleuchtet; wir lernen etwas von den englischen Geschäftsleuten kennen und zum Glück gar nichts von G. B. S. Ganz außerordentlich fesselnd das Kapitel über den Pfarrer von St. Pauls – dazu eine Fotografie! Daß es so etwas gibt! Herrlich. In ›Fair Play‹ wird die Untersuchung Englands fortgesetzt; Kircher versucht, mit vollem Recht, den englischen Nationalcharakter aus dem Sport zu erklären. Wie schön, dass er es nicht mit den ›Sportlichen Hochschulen für Leibesübungen‹ hat – das soll mal einer ins Englische übersetzen –, sondern dass er sagt: »Der Sinn der englischen Sportfeste ist nicht, sich und andre zu ärgern, sondern fröhlich das Leben zu genießen, wie es sich bietet.« Wo kämen wir denn da hin –! Kurz: diese beiden Bücher, besonders das erste, das dicke, soll man lesen. Man wird viel Gewinn davon haben.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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