Der innere Monolog


Ça c'est du monologue de théâtre, une de ces choses qu'il se surprenait à dire, ou même seulement à penser, pour des spectateurs imaginaires.

Valéry Larbaud:

›Mon plus secret conseil‹


Seit James Joyce, der Ire, sein Buch ›Ulysses‹ in die Welt geschleudert hat, dieses Buch, das die Engländer verbrennen, wo sie es nur bekommen können, und das daher in Paris hat neu aufgelegt werden müssen, voll von dubliner Lokalanspielungen, so verzwickt, dass sie sogar für einen Dubliner nicht ganz leicht verständlich sind – seit diesem merkwürdigen Buch hört in Frankreich die literarische Diskussion über eine Sache nicht auf, die man den ›Inneren Monolog‹ getauft hat.

Was gemeint ist, läßt sich leicht erklären. Es handelt sich um die literarische Darstellung jener Denkvorgänge, die sich im Menschen abspielen, wenn er ein unhörbares Selbstgespräch führt, wenn er, etwa während einer schlaflosen Nacht oder vor einem wichtigen Entschluß, bei sich meditiert, mit sich zu Rate geht, im Inneren monologisiert.

Die literarische Form ist uns nicht neu. Schnitzler, der sie jetzt wieder in seinem letzten Werk angewandt hat, hatte uns schon damals im ›Leutnant Gustel‹ etwas Ähnliches gegeben, die gesamten Erinnerungsbilder, Empfindungen und Gefühle eines einzelnen Menschen. In der modernen französischen Literatur hat sich Valéry Larbaud (der übrigens verdiente, in Deutschland recht bekannt zu werden) dieser Form in bewußter Anlehnung an Joyce bedient, zum Beispiel im ›Amants, heureux amants!‹ und er führt ihren Ursprung seinerseits auf das Buch Edouard Dujardins ›Les lauriers sont coupés‹ zurück, das im Jahre 1887 erschienen ist. Was hat es nun mit diesem inneren Monolog auf sich?

Die literarische Form ist reizvoll und interessant. Das Individuum wird scheinbar ganz im Inneren belauscht, gibt sich scheinbar so, wie es wirklich ist, wird vom Leser völlig durchschaut; dazu kommt der Reiz der indirekten Darstellung: vieles wird nicht geradezu gesagt, sondern muß aus dem Monolog heraus erraten werden ... kurz, für einen Dichter ist da viel zu holen. Aber entspricht nun diese Form der psychologischen Wirklichkeit?

Es gibt wohl keinen gesunden Menschen, der jemals in seinem Leben in folgender Form gedacht hat: »Obgleich es heute regnet, werde ich meinen Regenschirm nicht mitnehmen.« Wenn seine Gedanken überhaupt in grammatikalische Sätze gekleidet sind, so geht diese Überlegung in folgender Form vor sich: »Es regnet. Soll ich da 'n Regenschirm mitnehmen? Ach, ich werde lieber keinen mitnehmen!« So primitiv und abgehackt denkt man tatsächlich sehr häufig. Das kann der Dichter aber nicht gebrauchen, weil dergleichen lange Seiten hindurch nicht zu halten ist, und so fälscht er die grammatikalische Form. Er fälscht nicht nur sie.

Tatsächlich denken wir meist überhaupt nicht in grammatikalischen Sätzen, was schon mit der ungeheuren Schnelligkeit, mit der gedacht wird, nicht vereinbar wäre, sondern die Gedanken wälzen sich, rollen und passieren vorüber je nach der Veranlagung des Individuums, optisch, akustisch, Nervenreiz kopierend, oder in der Mehrzahl der Fälle in jenen blitzschnell laufenden Abstraktionen, die man ›Ideen‹ genannt hat. Man prüfe sich ehrlich und überlege, was einem alles in schlafloser Nacht ›durch den Kopf‹ gegangen ist, welche unermeßliche Fülle von Reminiszenzen an Personen und Sachen, von Plänen, Befürchtungen, Hoffnungen, peinlichen und angenehmen Empfindungen. Ganz abgesehen von dem Tempo dieser Gedankenvorgänge, entspricht auch ihre Form niemals der eines literarischen inneren Monologes. »Und nächstes Jahr, dann kommt es wohl vor, dass sie den jungen Menschen als Ehemann wiederfindet, schon mitten drin im Trott seines Lebens und ohne Abenteuer, ein Honoratior«, heißt es in solch einem Monolog einmal bei Larbaud. Den lebenden Menschen möchte ich sehen, der so denkt. Das heißt den abgeschossenen Pfeil vom Boden aufheben und ihn seine Laufbahn mit erhobenen Händen noch einmal entlangtragen. Seht, so ist er geflogen! Aber er ist eben geflogen, und dies hier ist eine Karikatur. Das, was wir mit uns treiben, wenn wir allein sind, ist auch bei langsamer denkenden Menschen im Vergleich zur literarischen Darstellung immer noch ein Automobilrennen. Alles wird nur angeschlagen, nur getippt, und selbst wenn es einmal im Übermaß des Schmerzes oder der Lust voll ausgedacht wird, so ist es ein seltsames Scheinleben, das die Personen dieses inneren Theaters da führen. Sie sind an nichts gebunden, an keine Grammatik und an keine Logik, an keinen Rhythmus der Realität und an keine Form.

Dazu kommt ein anderes. Der Dichter, der den inneren Monolog wiedergeben will, kann bei der Darstellungskunst, die unserer Literatur zugrunde liegt, immer nur einen Gedanken nach dem andern abwickeln. So denken wir aber nicht. Zivilisierte Menschen denken polyphon, und eben das kann der innere Monolog überhaupt nicht wiedergeben. Dieser Grundbaß: »Meine Mutter ist gestorben«, und darüber die zweiten, dritten und vierten Stimmen, die die Melodie halten oder scheinbar verlassen, die plötzlich vom Thema abspringen und still für sich Achteltakte lang ein kleines, fast nicht mehr trauriges Menuett tanzen, dieses Orchester der Gleichzeitigkeit kann der Schriftsteller nicht wiedergeben. Aber eben das macht das Wesen des inneren Monologes aus, dass er nicht eindimensional ist. Ob man an dreierlei Dinge zu gleicher Zeit denken kann, steht dahin. Daß man aber bei der ungeheuren Schnelligkeit, mit der das Gehirn arbeitet, vielerlei Empfindungen haben kann, die für den Empfindenden so schnell erfolgen, dass er sie gleichzeitig empfindet, ist sicher.

Mir scheint dieser innere Monolog ein Fressen für Psychologen und Psychoanalytikers. Gelingt es ihnen, durch die Tiefenforschung der Seele Ausdrucksmittel für diese bisher dunkeln Vorgänge zu finden, so hätte damit die Literatur ein ungeheures neues Feld und eine neue Darstellungsmöglichkeit gewonnen. Die abstrusen Sätze: »Ha, dachte der Graf, ich werde dem Mädchen, wenn ich es wiedersehe, die fünf Franken schenken, die mir meine Tante gegeben hat«, werden damit aufhören, die Dichter hätten nicht mehr nötig, die Gedankenmusik des inneren Monologes in Worte zu übertragen, die ihnen allen Reiz nehmen, und die Literatur gewönne etwas wirklich Neues, das es bis heute nicht einmal in seinen kümmerlichsten Anfängen gibt: den inneren Monolog.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 22.03.1927.





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