E. J. Gumbel, ›Vom Rußland der Gegenwart‹


E. J. Gumbel ›Vom Rußland der Gegenwart‹ (E. Laubsche Verlagsbuchhandlung in Berlin). Hundert Seiten – aber das hats in sich.

Das Beste scheint mir diese Stelle, wo Gumbel von den tintenschwarzen und den brustzuckerrosa Schilderungen spricht, die wir so über Rußland zu lesen bekommen. »Wesentlich ist ... , dass Rußland ... weder mit dem ersten noch mit dem zweiten Bild übereinstimmt, erst recht aber nicht in der Mitte liegt, sondern auf einer ganz andern Ebene.« Das ist es. Und auf diesen Ton ist das Buch gestimmt. Nicht in der Mitte – auf einer andern Ebene.

Man muß, sagt Gumbel, Rußland mit sich selbst vergleichen: das Land vor dem Kriege und das Land nach dem Kriege – dann kommt man vielleicht zu einem Resultat. Er zeigt, wie der ›Bolschewismus‹, der niemals Kommunismus gewesen ist, damit begonnen hat, dass er den Landhunger der rückkehrenden Soldaten aufzufangen verstand – »zu dieser schon vorhandenen Bewegung schufen sie die notwendige Theorie. Dieser Akt staatsmännischer Klugheit, eine vorhandene starke volkstümliche Bewegung auszunutzen, auch wenn sie der Parteidoktrin widerspricht, kennzeichnet die ganze Politik der Kommunisten.« (Man vergleiche damit die nichtsnutzige Haltung der deutschen Sozialdemokratie im Jahre 1918.) Gumbel erzählt, wie Lenin dann die große historische Umkehr vollzog – mit welchem Mut er umkehrte, und wie trotz alledem der ›Privatbesitz‹ in Rußland, »um den der Spießer bangt, wenn er von Sozialismus hört« besteht, und wie das mit der Staatswirtschaft gar nichts zu tun hat. (Auch das Erbrecht ist geblieben!) Ganz besonders erquickend die Stelle, wo von der Staatstheorie und der Rechtstheorie der Sowjets die Rede ist. Es gibt keine Demokratie – das ist eine Fiktion, »Von allen andern Staaten unterscheidet sich nun der russische dadurch, dass er diese Fiktion aufgibt und seine klassenmäßige Struktur offen zugibt. Das gilt auch für seine Rechtsprechung.« Und da es eine Gesellschaftsstruktur ist, die wir bejahen, so bejahen wir auch den Mut, mit der die Folgerungen gezogen sind.

Aber Gumbel ist durchaus nicht so begeistert, wie die übereifrigen Reisenden, deren Hallo stets ein bißchen kindlich anmutet: die guten Russen! und alles so schön und sauber! und so gerecht! Die haben Sonne im Herzen ... Gumbel hat Verstand. »Das wahre Symbol dieses Staates ist nicht Sichel und Hammer, die man verschwenderisch, womöglich vergoldet, überall sehen kann, sondern das Kugelrechenbrett, das neben jedem Beamten liegt. Denn die Kenntnis des großen Einmaleins ist nur schwach verbreitet.« Wobei allerdings zu sagen ist, dass das im gebildeten Kurland genau so gewesen ist: eine Sitte, keine Schwäche. Scharfe Schilderungen aus dem Leben der Strafgefangenen; scharfe Kritik an der russischen Presse: »Das Bild, das die russischen Zeitungen vom kapitalistischen Europa entwerfen, ist genau so grotesk verzerrt, wie das Bild, das die meisten europäischen Zeitungen von Rußland bieten.« Was sich leider an den Weisungen kontrollieren läßt, die die deutschen und französischen Kommunisten von Moskau empfangen. Daß sie Weisungen, Führer und Geld ›vom Ausland‹ beziehen, ist rechtens; dass Führer und Befehl nicht besser sind, beklagenswert. Und von der Wohnungsnot ist die Rede, die nur in Moskau herrscht – und: »Kein Priester darf eine Schule betreten« – ach, ist das weit von Berlin bis nach Moskau! So weit! Und es ist lehrreich, zu sehen, in wie winzige Nichtigkeiten die modernen Staaten zusammensinken, wenn man ihr Tun und Treiben gewissermaßen medizinisch betrachtet: also marxistisch – dann ist es auf einmal aus mit der Würde und den Fahnen und den Senatoren und dem Reichsrat – dann kommt die Wahrheit heraus, und die sieht elender aus als das, was der tapfere und wahrheitsliebende Gumbel in diesem vorzüglichen Buch über Rußland zu berichten weiß.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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