Das Gleichgewicht des Lebens


»Also, mein Jazintho, in der Stadt, dieser widernatürlichen Schöpfung, wo der Boden von Holz und Filz und Teer ist und der Steinkohlenrauch den Himmel bedeckt und die Leute in ihren Etagen verstaut wohnen wie Stoffe in den Manufakturläden, und wo das Licht durch Rohre fließt und die Lügen durch Drähte geflüstert werden –«


Die ›Liebesgeschichte‹, die in diesem Heft abgedruckt ist, entstammt einem alten Buch. ›Stadt und Gebirg‹ heißt es, und sein Verfasser, ein Portugiese, ist José Maria Eça de Queiroz. (Der Roman ist anno 1903 in einer ganz unzulänglichen Übersetzung bei der Deutschen Verlags-Anstalt zu Stuttgart erschienen.) Das Buch hat mir eine Freundin zugeschickt, und ich habe mich sehr bei ihr zu bedanken. So etwas habe ich lange nicht gelesen.

Es ist ein Roman der besten naturalistischen Schule. Also zuerst einmal ein richtiger Roman, nicht so ein künstlich aufgepustetes und emporgerecktes Ding, das, zu kümmerlich, um eine ordentliche Novelle abzugeben, heutzutage, großgedruckt und mit schönen Widmungen versehen, diesen europäischen Ehrentitel mißbraucht. Man muß ihn auch langsam lesen, und man muß an gute französische Vorbilder denken: wie da eine einzelne Situation so scharf und klar geschildert wird, dass die Worte ein für alle Mal gelten, wie es das kleine Zitat da oben zeigt.

Die Sache ist ganz einfach:

Jazintho, der Freund des Erzählers, lebt in Paris in märchenhaftem Luxus. Luxus und Stadt werden ihm über – er zieht auf eine Besitzung in Portugal, aus schalem Ekel an der Stadt wird sentimental-lyrische Überschätzung des Landlebens, der Zeiger pendelt aus, und er findet schließlich das Gleichgewicht des Lebens. Non multa, sed multum.

Dies alles ist ganz unpathetisch und ohne jede Lehrhaftigkeit erzählt. Dieser Jazintho ist nicht nur ein Faktor in einer moralischen Rechnung, sondern durchaus gestaltet, ein bißchen bläßlich – lange nicht so scharf wie der ›Ich‹, der erzählt. Die Stadien, die der Überdruß am Stadtleben durchläuft, sind köstlich ausgemalt. Die Äußerlichkeiten haben gewechselt, das andre ist geblieben – und ob es nun damals der Morse-Telegraf war und heute Radio, das ist ja Edschmid wie Otto Ernst. Himmlisch der Anfang, ein Holzschnitt von Dickens, und himmlisch die plappernde und lärmende Unwichtigkeit des pariser Lebens. Wie da einer immerzu etwas verrichtet aber nichts tut, wie das Telefon läutet, die Briefe rascheln, die Diener sausen, die Besuche flüstern, und wie nichts, nichts, nichts dabei herauskommt – da ist man versucht, zu nicken: Wem sagen Sie das!

Dieses Stadtleben ist mit glanzvollem Witz geschildert, weder mit der faden Attitüde des mäßig begabten Knaben aus kleinbürgerlicher Familie, dem es entsetzlich imponiert, noch mit den allzubunten Farben des Sehnsüchtlings: dies hat ein Mann von Welt geschrieben, der den Dingen nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig Wert beimaß. Da sind kleine kostbare Kapitel, die die geistigen Seuchen einer Stadt schildern; dass es grade Paris ist und Paris in einer bestimmten Epoche, das verschwindet neben dem diabolischen Feixen des Verfassers. Das Leben einer großen Frau mit viel Reispuder, in ein paar Zeilen eingefangen, wie sie sich nicht um den Mann kümmert, wie puppenhaft das daherlebt (»Im übrigen, in der Dämmerung, auf einem Sofa, ein paar kurze Seufzer in den Armen eines, dem sie treu war ... «). Die unendlich witzige Schilderung einer falschen Art zu reisen, die nach tausend Fährlichkeiten und mechanischen Wiederholungen mit dem erleichterten Uff-Seufzer schließt: »Ich hatte sechstausend Francs ausgegeben. Ich war gereist.« Kurz: eine Prachtsache. Die sich zu einer grandiosen Betrachtung der Stadt, von Sacré Coeur gesehen, steigert, einem Meisterstück.

Und dann bekommt es der Freund satt und geht aufs Land. Das ist mit viel Hallo verbunden (»Gleich am selben Morgen entwickelt er eine Tätigkeit, in der ich die mit Übelkeit verbundene Eile eines Menschen, der Rizinusöl getrunken hat, wiedererkannte«). Sie fahren also nach Portugal, unter unendlichen Vorsichtsmaßregeln, alle Zutaten der Zivilisation werden mitgenommen, die Telefone, Zeitungen, Bibliotheken – heiliger Spitzweg, welche Packszene! –, die Teppiche, Waschtische und W.C.s machen sich alle gleichfalls auf, nach Portugal zu rollen. Reizend, diese Schilderungen: »Die Bahnhofsglocke bimmelte sacht, und der Zug glitt gelassen weiter, als fahre er zu seinem Vergnügen auf zwei Stahlbändern spazieren, um leise pfeifend die Schönheit der Erde und des Himmels zu genießen.« Nun bleiben die Koffer liegen, werden fehlgeleitet, der feine Mann sitzt da mit dem ungewaschenen Hals. Und beginnt ein neues Leben.

Und das nun so himmlisch falsch, mit so verdreht lustigen Quietschtönen bukolischer Lyrismen, mit einer solch prätentiösen Nachahmung des Virgil, dass dem Freund angst und bange wird ... Und dann legen sich die Wogen, er heiratet (mit welchem Takt ist die Liebesgeschichte, die man fürchtend kommen sieht, in einem Satz erledigt) – und der Glückliche hat, was wir alle ersehnen: das Gleichgewicht des Lebens.

Die Zeit ist weitergegangen, das Buch ist stehen geblieben. Man könnte beispielsweise sagen, dass dieser Roman auf der Rente des Helden basiert, ohne sie nicht geschrieben sein könnte; es ist auch zuzugeben, dass die gefühlsmäßig-patriarchalische Lösung der sozialen Frage zum Schluß für unsre Augen etwas Dürftiges hat: aber hier hat dennoch ein Mann von Welt und Weltkenntnis begriffen, was es mit der großen Stadt auf sich hat.

Und zum Entzücken gar ist der kleine Rückfall des Erzählers, der noch einmal, auf eine kurze Spanne Zeit, nach Paris kommt. Wie schal ihm da alles ist, mit welch einfacher Ironie er nur die Dinge beim Namen zu nennen braucht, um sie zu töten – und wie verständlich ist diese Empfindung: ihm ist, als sei er gar nicht fortgewesen. »Und in einem großen Landauer setzte Madame de Trèves ihr Lächeln fort, das sie schon vor fünf Jahren gehabt, mit zwei schlaffern Falten in den Ecken der trocknen Lippen.«

Und dabei ist ein kleines Zeichen von Ehrlichkeit, das registriert zu werden verdient. Da ist diese kleine Liebesepisode gewesen, die mit der Madame Colombe – sie gemahnt übrigens in ihrer irren Ziellosigkeit an Wedekinds herrliches Kapitel: ›Bei den Hallen‹. Und obgleich er weiß, was das für eine finstere Geschichte war, wie sehr ihn das heruntergezogen hat – obgleich er das alles weiß, gibt es ihm doch nach den langen Jahren, als er wieder nach Paris kommt, einen kleinen Stich – noch einmal ist sie da ... Colombe ... die mit den Haaren ... und dann geht es vorüber.

Und welch ein Schlußschnörkel! Er hat sich für die Rückfahrt nach Portugal Zeitungen gekauft, drei Kilogramm pariser Zeitungen, voll nackter Prinzessinnen und schluchzender Dragonerrittmeister. Als sein Jazintho das sieht, ruft er lustig-entsetzt: »Wirf das weg!«

»Und ich warf den faulen Auswuchs der Zivilisation auf einen Kehrichthaufen im Winkel des Hofes. Dann stieg ich auf. Wie ich aber in den steilen Bergweg einbog, wandte ich mich, um dem Pimenta, dem dicken Stationsvorsteher, ein Lebewohl zuzurufen, was ich vergessen hatte. Der würdige Bahnchef neigte sich über den Kehrichthaufen, sammelte, schüttelte und trug liebevoll die schönen Holzschnitte hinweg, die ja von Paris gekommen waren, von den pariser Wonnen erzählten, durch die Welt den verführerischen Zauber von Paris verbreiteten! Im Gänsemarsch erklommen wir die Serra.«

Lernen kann man aus diesem Buch für die Lösung der Frage: ›Stadt und Gebirg‹, Zivilisation und Natur wohl nur, dass sich empfiehlt, eines schönen Morgens mit einer reichen Rente aufzuwachen. Weil es aber lustig und wahrhaftig und blitzend und weit an Horizont und gar nicht völkisch, sondern voll wahrer Liebe zu einer Heimat ist – deshalb sei es angelegentlichst empfohlen.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 26.06.1924, Nr. 26, S. 889.





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