Sechzig Fotografien


In der Avenue de l'Opera gibt es ein englisches Ansichtskartengeschäft, da kaufen die Engländer und Amerikaner ihre Postkarten aus Paris (nicht alle – manche kaufen sie auch noch anderswo). Vor dem Schaufenster blieb ich stehen und sah zartsinnige Mädchenköpfe, edle Reitpferde, Füllfederhalter, Bücher und Ledermappen im Geschmack der Fabrikanten der reichen Leute. Und dazwischen ein paar Fotografien mit Totenschädeln. Was war das? Das waren Andenken aus dem Weltkrieg,

Sie liegen vor mir. Es sind sechzig Fotografien, das kleinste Assortiment, das zu haben war – es gibt auch noch reichlichere. Das Ganze ist eine nette kleine Erinnerung für das Touristenpublikum. Aber für uns auch.

Die Fotografien sind von der andern Seite her aufgenommen worden, also von Franzosen und Engländern, und obgleich ich auch im Kriege viel dergleichen gesehen hatte, ist so etwas doch immer interessant. Um es vorweg zu sagen: die Bilder sind tendenzlos (mit einer Ausnahme), sie enthalten keine Dokumente über angebliche oder wirkliche Greuel, es sind einfach Tatsachenbilder, denen man das Motto geben könnte, das ein herziger Feldpastor einmal einem Soldaten ins überreichte Gesangbuch geschrieben hat: »Zur freundlichen Erinnerung an den Weltkrieg.« Damit er ihn nicht vergesse, wahrscheinlich.

›Boches readed‹. Ein tiefer Graben, unten, gekrümmt, hingepackt, schon halb vergraben, die Leichen. Ringsherum die trostlose Landschaftslosigkeit des Kriegsschauplatzes zweier Welten, ›Dead Germans‹. Ein Bündel Kleider, wie ein Haufen Flicken, heraus ragen zwei Paar Stiefel: dies waren Menschen. ›Wounded Boche‹. Im Graben, an einer unendlich langen leeren Bahnstrecke liegt ein dunkler Haufen, auf dem Bilde bewegungslos, Zerschossene Deutsche, verstümmelte Deutsche, verweste Deutsche, Deutsche verschüttet und Deutsche friedlich im Tode schlafend – und ein Gerippe in Uniform. Und noch ein Gerippe. Und auf einem Bild eine riesige Grube mit Schädeln, mit Knochen und spitzigen Beinen.

Und damit der Beschauer auch das anheimelnde Bild des Friedens vor sich habe: der alte Hindenburg, gut genährt, aber streng blickend, Blech an Deutsche verteilend. Und, wahrhaftig; ›Kaiser, von Kluck, Crownprinz‹ (r – nicht l), ›G. H. Q.‹ Da steht der Selige, lächelt vergnügt und verleiht gleichfalls. Und wieder der Kronprinz, wie er die andern grüßt, die andern, die in den Tod gehen. (Übrigens soll man dem Mann nicht unrecht tun – auch er hat Mut bewiesen: er hat auf seiner Flucht nach Holland einem Deutschen, der Kühe trieb und so seinen Dienst tat, gehörig die Meinung gesagt. Alles, was recht ist.) Und Gräber und Kreuze. Kreuze und Gräber. Und immer wieder verfaulende Kleiderlumpen im Sand, ein Stück Kopf, ein Gewehrschaft und das Allerschrecklichste: ›Dead Boche. Veaux near Soissons‹. Deutsche Soldaten liegen auf einem Krümperwagen verpackt, wie das Vieh, und werden in die Grube abgefahren. Die Köpfe sauber übereinandergeschichtet. Allez – hop!

Und winzige Aufnahmen aus den Kämpfen, springende Soldaten im Sturmhelm, Schießende und Laufende, Abschuß von Kanonen und zerschossene Tanks und Flugzeuge, unentwirrbares Eisen- und Drahtmaterial. Und auch: ›The King of Saxonie‹ – aber davon wollen wir lieber gar nicht reden. Und: ›German prisoners. Marne‹.

Da gehen sie. Da gehen Proletarier in Lumpenjacken, in den zerfetzten Röcken ihres Kaisers, vom und an den Seiten berittene Soldaten, die den Auftrieb begleiten, Männer und Frauen stehen dabei, mit Rädern und Körben, und sehen zu. Man kann nicht hören, was da gesprochen wird.

Aber man kann hören, was da geschrien wird!

Diese Bilder rufen. Sie sagen aus von unermeßlicher Qual, von Hunger und Durst, von Hitze und Kälte, von Schmerzen, von faulenden Wunden, von Erniedrigungen, von Stumpfsinn, von Ungeziefer, von stinkendem Stroh, von menschlichen Niedrigkeiten, von Wahnsinn und Tierheit, von Schmerz und Todesnot und endloser, unmenschlicher Einsamkeit. Das große Wort von Karl Kraus steht über diesen Bildern geschrieben: »Vor sich den Feind, hinter sich das Vaterland und über sich die unendlichen Sterne.«

Und wer ist der Rohe: der die Wahrheit über den Krieg sagt, oder der die Unschuldigen in den gemeinsten Tod hetzt, den die Menschheit erfunden hat? Sind das noch menschliche Gesichter auf dem (einzig tendenziösen) Bild: ›Germans entertainment‹? Da sind sie noch einmal, die jungen Herren und die altern, die der Krieg jung – und wie jung! – werden ließ, sie spielen Gitarre, und einer hat den Stiefel auf die Schultern des andern gelegt, Volksschullehrer, Baumeister, Bankbeamte, sie sind alle sehr vergnügt: eine Uniform und eine Seelenlosigkeit. (Nur den Herrn Cossmann von den ›Süddeutschen Monatsheften‹ habe ich nirgends entdecken können. Aber auf dem Umschlag, den mir das Geschäft zu den Bildern mitgegeben hat, steht: ›Société anonyme‹. Das kann man wohl sagen.)

War das auf der andern Seite besser? Keineswegs. Aber es ist Pflicht jedes einzelnen, diesen Wahnsinn bei sich auszubrennen, im eignen Hause und nicht bei den andern. Ich möchte mir auch nicht von einem französischen Pazifisten Abrüstung predigen lassen. Er soll bei sich anfangen. Fangen wir bei uns an.

Der sentimentale Pazifismus, der die wirtschaftlichen Voraussetzungen dieses Greuels nicht sieht, hat keine Zukunft. Aber um an Stelle der gemeinsten, wildesten Anarchie, die heute zwischen den Staaten herrscht, ein planmäßiges Zusammenarbeiten zu setzen, den frechen Glauben an die absolute Souveränität des Staates auszurotten, dazu genügen keine internationalen Konferenzen. Dazu gehört etwas andres.

Dazu gehört eine Partei, die, in Deutschland, den Mut hat, die Unzulässigkeit der allgemeinen Wehrpflicht offen auszusprechen; dazu gehört vor allem eine Arbeiterpartei, die den Mut und die Sauberkeit hat, ihren Anhängern dieses zu erklären:

»Du schießt drüben immer den Kamerad Werkmeister tot – niemals den einzigen Feind, den du wirklich hast. Dein Blut verströmt für Dividende. Dein bißchen Sterben, dein armseliges Verrecken wird mühsam mit einer Gloriole von Romantik umkleidet, erborgt aus den Emblemen von Jahrhunderten, entliehen aus verschollenen Zeiten. Wirf deine Flinte weg, Mensch! Es wird immer Kriege geben? Solange du willst, wird es sie geben. Nagle dir diese Bilder an die Wand, zeig deinen Kindern, was das für eine Schweinerei ist: der Krieg; was das für eine Lüge ist: der Krieg; was das für ein Wahnsinn ist: der Krieg! Und dann setze dich mit deinen Arbeitsgenossen auf der andern Seite hin, vertraue ihnen, denn es sind dieselben armen Luder wie du – und gib ihnen die Hand.

Nieder mit dem Staat! Es lebe die Heimat!«

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 05.06.1924, Nr. 23, S. 768.





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