Für Ferdinand Bonn


Über Theater wollen wir uns gar nicht unterhalten. Dieser üble Betrieb, der die Autoren erst von der Bühne hinunterjagt und sich dann wundert, dass es keine mehr gibt, diese zerwalkte Muse, die davon lebt, dass die Kritik sie ernst nimmt, ausgehalten von Snobs und Trikotagenhändlern, die sich Theaterdirektoren nennen, kaum noch auszuhalten von uns; diese Hölle, wo begabte Schauspieler täglich dreißig Tode sterben ... über Theater wollen wir uns nicht unterhalten.

Nur saß ich da neulich in einem dieser Häuser; einige Schauspieler, die abends nichts zu filmen und auch sonst keinen Zeitvertreib hatten, standen umher und sprachen ein gekürztes Textbuch von Shaw. Auf sein Stichwort trat Ferdinand Bonn aus der Kulisse.

Das ist nun schon so lange her ... Ich höre noch S. J. lachen, als er mir des Schauspielers »Gesammelte Werke« überreichte, deren dritter Band seine berliner Erlebnisse aufzeichnete: Krach im Berliner Theater, überraschende Premieren vor überraschtem Publikum; »Andalosia«, schwindsüchtige Volksschullehrer, die Stücke schreiben, wo eigentlich von Bonn sind, Intriguen, ha, Elende!, umbuhlter Kaiser und dann der Junge, der Kronprinz, der zwischen zwei Operettenaufführungen hier in hoher Kunst machte ... es war ganz heiter.

Jetzt hat der Mann weiße Haare und spielt immer noch Theater.

Und als er da neulich herauskam, da war etwas Seltsames zu bemerken. Er ist nie ein großer Schauspieler gewesen, wohl kaum mehr als ein Virtuose, einer, der sich einbildete, alle Rollen spielen zu können, und das auch getan hat. Aber wie er nun da oben saß, als ein etwas versoffner, dummschlauer alter Mann, den er zu geben hatte, da war auf einmal Theater auf der Bühne, der Mann fiel ganz und gar aus dem Rahmen, in dem er stand. Er konnte nämlich spielen.

Er hatte nämlich etwas gelernt, er beherrschte den Apparat, vor dem er saß, er hatte die Technik in den Fingerspitzen. Er hatte sein Handwerk intus.

Es waren so subtile Kleinigkeiten, die unsereiner nur an der Wirkung fühlt, am meisten dann, wenn sie nicht da sind: Atemtechnik, die Art, wie die Rede ansetzt, die ruhige Sicherheit der Akzentgebung – er konnte das. Er hatte das hundertmal ausprobiert, er wußte Bescheid, er hatte es gelernt! Alte Schule.

Mit ihren Mängeln, gewiß. Es gibt aber ein ästhetisches Vergnügen, dessen Quellen sehr tief liegen und das fast unausschöpfbar ist: das ist die Freude des Zuschauers an gut Gelerntem. Es macht Spaß, einem Arbeiter zuzusehen, der seine Handgriffe im Handgelenk hat, der mit ruhiger Sicherheit das tut, was er tut – es geht so ein Gefühl der Überlegenheit von ihm aus, man fühlt sich fast geborgen, man ist für ihn und verachtet in dem Augenblick alle Stümper, obgleich einen die ganze Geschichte vielleicht gar nichts angeht. Das ist so, wenn man einem durchgebildeten Reiter zusieht, einem Chauffeur, einem Uhrmacher, Leuten, die ihre Sache können. Um wieviel größer ist also die Freude im Theater!

Es ist so weit mit uns gekommen, dass dieser alte Bonn in einem Meer von Stümperei wie ein kleiner Fels aufragt. Sieht man von den Männern und Frauen seiner Generation ab, so liegt das Niveau des Handwerks am Theater recht tief. Auf der Schmiere lernen die Jüngern nichts mehr, denn es gibt kaum noch Schmieren. Der Film verdirbt sie, und so haben sie diese Selbstverständlichkeit des Könnens nicht, die sich immer mehr verliert. Das Parkett möchte, wundersüchtig, gern glauben, aber es wird ihm so schwer gemacht. Ohne sich Rechenschaft zu geben, wenden sie sich vom Theater ab. Es sagt in ihnen: »Was? Der da oben will ein König sein? Ich habe ihn ja noch neulich auf dem Presseball gesehn« – und was zu Bassermann hin gesprochen ein dreister Unfug wäre, hier hats seine Berechtigung: der Verkleidete ist nicht mehr als die da unten. Weil er nichts gelernt hat.

Das, was Ferdinand Bonn noch kann, verachten, die um ihn herumstehen, maßlos. Sie sollten das nicht tun. Lucie Höflich hat als Page auf den Proben der Provinztheater einen Teppich dreißigmal werfen müssen; wenn Werner Krauß flüstert, wirds im dritten Rang mäuschenstill; die können ihre Sache. Führung und Direktionslosigkeit der Jobberbühnen machen es der neuen Generation schwer, etwas zu lernen, und wir wieder können mit der Seele eines Stars nicht viel anfangen, wenn er das P nicht richtig sprechen kann.

Du guter Ferdinand Bonn! Das hätte ich nicht gedacht, dass wir dich noch einmal als Klassiker beschwören würden. Du hast nur ein Auge. Und bist ein König.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 08.02.1927, Nr. 6, S. 237.





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