Bei dem Autor der »Garçonne«


Eine gute alte Freundin von mir hat einmal das Gebot geprägt: »Du sollst nicht alles mit der Sexu-Elle messen –!« Die Menschen scheinen anders zu messen, denn sonst wäre ein Welterfolg wie der der »Garçonne« von Victor Margueritte nicht zu erklären. Dieses Buch hat den europäischen Kontinent überschwemmt und den südamerikanischen erobert, es liegt auf den Nachttischen der Junggesellen, wird unter den Kopfkissen der jungen Damen verborgen und ist überall. (Es gibt sogar schon eine dicke Parodie, von Hans Reimann.) Und warum dieser Widerhall auf der ganzen Erde? In Verkennung und Überschätzung des Stoffes? Als Ersatz für ungelebte Abenteuer? Wie dem auch sei: hier ist – vor zwei Jahren – der Typus der vermännlichten Frau zum erstenmal angezeigt, hier ist nichts erfunden, sondern ein Vorhandenes scharf geschildert – Victor Margueritte hat den Bubenkopf in die Literatur eingeführt.

 

*

Wenn man von Cannes die Küste des Mittelmeers südwärts fährt, über St. Raphael hinaus, zu den Orten, wo das blaue Meer aufhört, nur ein dekorativer Hintergrund zu perlengewohnten Kais zu sein, fort von Orten, wo die feinen Leute die schwere Arbeit ihrer Erholung leisten: so kommt man an den winzigen Hafen von Sainte-Maxime. Er liegt auf der Nordseite einer Bucht, gegenüber sieht man die kleinen Häuschen von St. Tropez, bewaldete Erhöhungen schließen die Ufer ein. Ich gehe durch den Ort, das schaumgekräuselte Wasser zur Rechten, es ist warm, nur ein stoßartiger Wind schüttelt die Blätter und jagt geriffelte Schauer über die glatte Fläche des Meeres. Jetzt bin ich fast aus dem Ort hinaus, die Straße zieht sich in den schattigen Wald – und da vorn, vor der Mauertür seines Besitztums – steht ein hochgewachsener Mann in braunen Hosen, brauner Bauernjacke, die den kräftigen Hals freiläßt, mit einem schwarzen Gürtel, ohne Hut, die hellen Haare machen den Mann jünger, als er sein mag. Das ist Victor Margueritte.

Wir begrüßen uns und gehen, durch eine kleine Pforte, einen steilen Weg hinauf, zu seinem Haus. Da ist Frau Margueritte, die den Gast willkommen heißt: eine lebhafte, schwarzhaarige Dame mit wunderschönen Augen. Das Haus ist im provençalischen Bauernstil gebaut: rötlich-gelb im Ton, mit einer großen Veranda, die vorn offen ist und an der Seite kleine Fenster aufweist; nach unten verbreitert sich das Haus sanft geschweift; wie es denn auch überhaupt keine Ecken hat, sondern überall abgerundete Kanten. Hinter dem Haus steigt der Wald jäh an und schützt Garten und Villa vor dem Wind. Wir gehen ins Haus.

An der kleinen Inschrift des Eingangs vorbei: »Vitam impendere vero« – in das Innere, wo ländliche Geräte und Erinnerungen von allen Wänden grüßen: Kessel und Bilder und Strohhut und Sonnenschirm einer alten Bäuerin ... Die Fenster des Arbeitszimmers gehen aufs Meer, man sieht noch Hügel und Ufer der gegenüberliegenden Halbinsel, dann die unendliche Weite.

Das Gespräch nimmt seinen Ausgang bei der berühmten Tochter des Hauses: bei der »Garçonne«. Sie ist im Jahre 1922 erschienen. Zensurverbot? Man hat's versucht. Eine Liga von Familienvätern nahm Anstoß und reichte eine Klage ein. Die Staatsanwaltschaft, in einer diffizilen Lage, wandte sich an den damaligen Justizminister, Herrn Barthou. Der sagte – aus innerpolitischen und persönlichen Gründen –: Nein. Da verfielen die Verfechter der Sittlichkeit auf einen anderen Ausweg. Margueritte war Offizier der Ehrenlegion. Im November 1922 waren sie abgewiesen worden. Bereits im Dezember lagen dem maßgebenden Mann der Legion, dem General Dubail, demselben, der schon in den Affären Sarrail und Caillaux seine Rolle gespielt hatte, dreitausend Unterschriften vor, die die Entfernung des Schriftstellers aus der Legion forderten. Und er wurde entfernt! Es war der erste Fall seit Bestehen der Legion, dass ein mit der Rosette Geschmückter seines Abzeichens beraubt wurde, ohne dass eine gerichtliche Verurteilung vorausgegangen wäre. Das Kabinett Herriot will den Fehler wiedergutmachen. Margueritte rührt keinen Finger und sieht gemächlich zu, wie sich die Dinge weiterentwickeln.

Inzwischen fraß der Erfolg des Buches weiter, noch geschürt durch das Geschrei auf der andern Seite. Man steht jetzt beim 565. Tausend – allein, was die französische Ausgabe angeht. Das Buch ist in fast alle Sprachen übersetzt. Bevor die rechtmäßige spanische Ausgabe herauskam, lagen sieben unbefugte Nachdrucke in Spanien vor; in Argentinien haben sie die französische Ausgabe Seite für Seite fotografiert und so herausgegeben; und selbst der Osten, wo schon der Chinese Werthern und Lotte zierlich auf Glas gemalet, blieb nicht zurück: es gibt auch eine japanische Übersetzung der »Garçonne«.

Es gibt auch eine deutsche. »Ich autorisiere Sie«, sagte Victor Margueritte, »zu sagen: Diese Ausgabe ist nicht nur eine Verballhornung, ein Verrat an meinem Werk – sie ist auch ein Diebstahl!« (»Ce n'est pas seulement un trahison – c'est un vol!«) Was den Verrat angeht, so ist zu bemerken, dass die deutsche »Garçonne« tatsächlich in einer Aufmachung und in einer (gekürzten und schludrigen) Übersetzung herausgekommen ist, die dieses harte Wort durchaus rechtfertigt. Was den Diebstahl betrifft, so wird eine Reklameberichtigung nicht ausbleiben. Aber schließlich muß ja der Autor wissen, ob er sein Geld bekommen hat oder nicht, und es scheint mir für das Ansehen der deutschen Verleger im Ausland nicht grade förderlich zu sein, wenn die Übertragung eines Verlagsrechts oder seine Nichtübertragung mit einem Prozeß zwischen dem deutschen Verleger und dem französischen, Herrn Flammarion, anhebt. Kein Ruhmesblatt.

Die »Garçonne« ist das erste Stück einer Trilogie »La femme en chemin«, die jetzt fertig vorliegt: »La Garçonne« – »Le Compagnon« – »Le Couple«. Die Wirkung dieser Trilogie ist interessant genug. Ich frage: »Was sagen die Frauen zu Ihrem Werk?« Er: »Die Frauen des arbeitenden Volkes sind alle für mich. In der kleinen Bourgeoisie sind die Ansichten der Frauen geteilt – sagen wir: zwei Drittel dafür, ein Drittel dagegen. In den höheren Schichten sind sämtliche Frauen dagegen.« Frau Margueritte sagt: »Eine Frau, die angekettet ist und die vom Mann lebt, liebt solche Schilderungen nicht.« Und dann gleitet das Gespräch auf ein Thema, das man hier eigentlich nicht erwarten sollte. Wer aufmerksam die französische Presse liest, den verwundern nicht. Victor Margueritte ist Pazifist.

Die »Ere Nouvelle« hat bereits vor einiger Zeit Aufsätze Marguerittes gebracht, die sich mit der Frage der Kriegsschuld befassen und die in der schärfsten Form die Alleinschuld Deutschlands am Kriege bestritten. Dieser alte Offizier von den 27. Dragonern, der heute noch mit vielen Erforschern dieses strittigen Gebietes, so mit dem Baron Baudran, in enger Fühlung steht, dieser so erfolgreiche Romancier arbeitet zur Zeit an einem mehrbändigen Werk über den Krieg und den Versailler Vertrag, der erste Abschnitt wird den Titel führen: »Les crimenels«. Er fragt nach den demokratischen Strömungen Deutschlands, nach den Pazifisten, nach den Aussichten für eine endgültige Verständigung, die neues maßloses Unheil verhüten könne. Er wird lebhaft, zeigt Ausschnitte und Proben, bekämpft den Versailler Vertrag, der Europa zugunsten profitierender Dritter in immer neue Streitigkeiten stürzen werde – und nun wird auf einmal klar, warum damals diese hitzige Verfolgung durch den Bloc National in der Angelegenheit der Ehrenlegion eingesetzt hat. Es war gar nicht so sehr die »Garçonne«, die die Gemüter in Wahrheit erregt hatte – es war etwas ganz andres. Es war »Au bord du goufre« (Am Rande des Abgrunds), die äußerst scharfe Kritik des Militärs Margueritte an seinen ehemaligen Kameraden, eine haargenaue, vernichtende Untersuchung des Wirkens und Werdens des französischen Großen Generalstabs, ein Buch, das unter anderm zeigt, wie sehr sich die Militärs aller Länder gleichen, und das nach seinen detaillierten Schlachtenplänen und historischen Schilderungen, die bis auf das Jahr 1871 zurückgehen, zu dem schönen Schluß kommt:

»Wie fruchtbar könnte die Zukunft sein und wie schön das Leben, wenn wir, des Blutvergießens satt, an Stelle des alten scheinheiligen Sprichworts: ›Si vis pacem, para bellum!‹ – den Rat hören wollten, der gebieterisch aus den Gräbern tönt:

›Si vis pacem, para pacem!‹ «

Das hat die Rosette der Ehrenlegion gekostet.

Aber das ist schließlich Sache der Franzosen und ihre Angelegenheit. Aus allem aber, was Margueritte mir sagte, hatte ich den Eindruck, den ich hier nun schon so oft gehabt habe: Es ist vielen verständigen Franzosen ernst mit einem wahren Versöhnungswillen, sie wollen den Frieden, das Entgegenkommen, und sie wollen die Versöhnung. Immer und immer wieder hat man mir gesagt, wie unbillig der Vertrag Clemenceaus empfunden würde – der Deutschland aller Kolonien beraube und damit dem Bevölkerungsüberschuß kein Ventil gäbe, gefährliche Spannung, neuer Grund zu Reibereien und neuen Kriegen. Margueritte bestätigts, gibt dem scharfe Formulierung, arbeitet dafür und wird gehört.

Wir gehen in den kleinen Garten hinaus. Hier ist alles, Stück für Stück, gesammelt, in langen Jahren aufgebaut und angelegt. Der Vater, Kolonisator in Algier, hat vielleicht diese Freude am Bauen in die Söhne gelegt (von denen der frühere Mitarbeiter Victor Marguerittes, Paul, im Jahre 1918 gestorben ist).

Am Strand gibt er mir die Hand, wir nehmen Abschied. Ich sehe die braune Jacke langsam um die Wegkrümmung verschwinden. Wieder stößt der Wind in die Bäume, er bringt Staub mit sich und wirbelt Blätter, es ist der Mistral, der in der Nähe nicht immer so heroisch wirkt wie jenes unsterbliche Gedicht ... Die kleinen dicken Palmen auf kugeligem kurzem Stamm, die aussehen wie in die Erde gepflanzte Ananasfrüchte, bewegen heftig ihre langen Fächer. Um die Landzunge schraubt sich ein Auto in die Landschaft, sein böses Summen hört sich an, wie wenn der liebe Gott einen riesigen Zahn plombiert – und da bin ich am Hafen, wo die altmodischen Segelschiffe liegen. Das Wasser ist jetzt dunkellila, über den Bergen ist der Himmel ganz bezogen, und nur im Norden strahlt er noch – Abend zugleich anzeigend und Süden – in einem tiefen kobaltfarbenen Blau.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 22.11.1924, Nr. 555, S. 2.





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