4) Scheintod durch kohlensaures Gas

4) Scheintod durch kohlensaures Gas. Entsteht am häufigsten durch Kohlendampf in verschlossenen Zimmern, besonders des Nachts, wenn im Schlafzimmer ein Kohlenbecken steht oder wenn während des Schlafs hier Feuer bei verschlossenen Fenstern und Türen ausbricht; — auch durch Sumpfluft, durch die Luft in lange verschlossen gewesenen Kellern, Gewölben, Gefängnissen, Brunnen, durch gärende Flüssigkeiten, z. B. in Bierkellern, durch Traubenbottiche, durch Kalköfen, durch zu frühes Zustecken der Windöfen u. s. w.

Zufälle. Angst, Steifheit in der Kinnlade und den Waden, Schwindel, Verdunkelung vor den Augen, Bewusstlosigkeit, Zuckungen, aufgetriebenes blaurotes Gesicht, stark erweiterte Pupille, dicke hervorgetriebene Zunge, schwarze Lippen und Nase, blaue Flecken am Körper.

Behandlung. Man bringe den Menschen in frische Luft. Befindet sich der Mensch in Gruben und Kellern, so verbessere man erst die Luft durch Hineinschütten von frisch bereitetem Kalkwasser, sonst ist der Retter in großer Gefahr, und man hat Beispiele, dass fünf, sechs und mehrere Menschen in solchen Gemächern erstickten, ohne den Scheintoten, den sie holen wollten, zu retten. Der Retter muss einen Schwamm mit Essig, noch besser mit Chlorwasser, mit verdünntem Salmiakgeist, mit Kalkwasser, vor den Mund binden, an einem Stricke befestigt sein, damit man ihn im Notfall schnell herausziehen könne, auch ein brennendes Licht in der Hand haben, so lange dieses brennt, geht auch sein Lebenslicht nicht aus. In manchen Fällen lässt sich in Gruben die Luft dadurch schnell verbessern, dass man mittelst eines großen Schmiedeblasebalgs, der an einem Feuerspritzenschlauch befestigt wird, frische Luft hineinbläst. Wo es darauf ankommt, kohlensaures Gas aus einem Raum zu entfernen, damit man sich ohne eigene Lebensgefahr einem darin Verunglückten nähern könne, da erinnere man sich, dass das kohlensaure Gas, so lange es sich nicht (was nur allmählich geschieht) mit der atmosphärischen Luft vermengt hat, in derselben durch seine spezifische Schwere zu Boden sinkt, dass es also aus einem bloß nach oben geöffneten Raum, z. B. einem Brunnen, nur sehr langsam entweicht. Man bringt deshalb Luftzugöffnungen, am besten am untern Teile oder doch an der Seite des Raums an, damit das kohlensaure Gas daraus gleichsam, wie Wasser abfließen könne; die Retter müssen sich aber dabei in Acht nehmen, dass sie nicht selbst von dem Gase überschwemmt werden, müssen also wenigstens ihren Kopf über der Öffnung halten. Wo es nicht rasch genug möglich ist, auf diese Weise einen Abzug des kohlensauren Gases zu bewirken, kann man versuchen, durch über dem Raum angebrachtes Feuer (Anzünden von Strohwischen, Hobelspänen u. s. w.) Luftzug und möglichste Entfernung der Kohlensäure zu bewirken; oder man gießt Wasser, 10—20 Eimer voll, kochend heiß, in den Raum, den Brunnen u. s. w.; die Hitze dehnt die Luft aus und treibt so die giftige Gasart hinaus.

Ist der Scheintote aus der schädlichen Luft entfernt, so bringe man ihn in die frische Luft, selbst die Kälte schadet anfangs nicht; man wasche den ganzen entkleideten Körper mit Essig, mache Essigumschläge, dann reibe man ihn mit warmen wollenen Tüchern trocken, presse durch einen gelinden Druck auf den Unterleib die schädliche Luft aus den Lungen, blase frische Luft ein, fahre damit eine Zeit lang fort, übergieße nun den ganzen Körper wieder mit Essig, reibe ihn dann wieder trocken, wie angezeigt; so wechselt man mit der Nässe und dem warmen trocknen Abreiben, gebe Klistiere von Essig, nachher von Kochsalz und Bittersalz. — Bei vollsaftigen Personen ist auch gleich anfangs ein Aderlass am Halse notwendig. Kann der Kranke schon schlucken, so lasse man ihn viel Essig trinken, vorher flösse man durch ein in den Schlund gebrachtes Röhrchen denselben ein. Ist der Kranke ins Leben gebracht, dann ein Abführmittel aus Bittersalz.

(Anmerkung. Man hüte sich ja, dem Kranken Tabaksklistiere zu geben oder vor der Belebung in ein warmes Bett zu legen. Beides ist höchst schädlich [Orfila]. Auch die Luft des Zimmers, worin man den Kranken behandelt, muss stets erneuert und nicht durch den Rauch von Tabak, von Räucherpulver, durch viele Lichter bei Nacht oder durch den Aufenthalt vieler Menschen verunreinigt werden.)


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