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XI. VORLESUNG

Die Traumarbeit

Meine Damen und Herren! Wenn Sie die Traumzensur und die Symboldarstellung bewältigt haben, haben Sie die Traumentstellung zwar noch nicht gänzlich überwunden, aber Sie sind doch imstande, die meisten Träume zu verstehen. Sie bedienen sich dabei der beiden einander ergänzenden Techniken, rufen Einfälle des Träumers auf, bis Sie vom Ersatz zum Eigentlichen vorgedrungen sind, und setzen für die Symbole deren Bedeutung aus eigener Kenntnis ein. Von gewissen Unsicherheiten, die sich dabei ergeben, werden wir später handeln.

Wir können nun eine Arbeit wieder aufnehmen, die wir seinerzeit mit unzureichenden Mitteln versuchten, als wir die Beziehungen zwischen den Traumelementen und ihren Eigentlichen studierten und dabei vier solcher Hauptbeziehungen feststellten, die des Teils vom Ganzen, die der Annäherung oder Anspielung, die symbolische Beziehung und die plastische Wortdarstellung. Dasselbe wollen wir im größeren Maßstabe unternehmen, indem wir den manifesten Trauminhalt im ganzen mit dem durch Deutung gefundenen latenten Traum vergleichen.

Ich hoffe, Sie werden diese beiden nie wieder miteinander verwechseln. Wenn Sie das zustande bringen, haben Sie im Verständnis des Traumes mehr erreicht als wahrscheinlich die meisten Leser meiner „Traumdeutung“. Lassen Sie sich auch noch einmal vorhalten, daß jene Arbeit, welche den latenten Traum in den manifesten umsetzt, die Traumarbeit heißt. Die in entgegengesetzter Richtung fortschreitende Arbeit, welche vom manifesten Traum zum latenten gelangen will, ist unsere Deutungsarbeit. Die Deutungsarbeit will die Traumarbeit aufheben. Die als evidente Wunscherfüllungen erkannten Träume vom infantilen Typus haben doch ein Stück der Traumarbeit an sich erfahren, nämlich die Umsetzung der Wunschform in die Realität und zumeist auch die der Gedanken in visuelle Bilder. Hier bedarf es keiner Deutung, nur der Rückbildung dieser beiden Umsetzungen. Was bei den anderen Träumen an Traumarbeit noch hinzugekommen ist, das heißen wir die Traumentstellung, und diese ist durch unsere Deutungsarbeit rückgängig zu machen. Durch die Vergleichung vieler Traumdeutungen bin ich in die Lage versetzt, Ihnen in zusammenfassender Darstellung anzugeben, was die Traumarbeit mit dem Material der latenten Traumgedanken macht. Ich bitte Sie aber, davon nicht zuviel verstehen zu wollen. Es ist ein Stück Deskription, welches mit ruhiger Aufmerksamkeit angehört werden soll.

Die erste Leistung der Traumarbeit ist die Verdichtung. Wir verstehen darunter die Tatsache, daß der manifeste Traum weniger Inhalt hat als der latente, also eine Art von abgekürzter Übersetzung des letzteren ist. Die Verdichtung kann eventuell einmal fehlen, sie ist in der Regel vorhanden, sehr häufig enorm. Sie schlägt niemals ins Gegenteil um, d. h. es kommt nicht vor, daß der manifeste Traum umfang- und inhaltsreicher ist als der latente. Die Verdichtung kommt dadurch zustande, daß 1. gewisse latente Elemente überhaupt ausgelassen werden, 2. daß von manchen Komplexen des latenten Traumes nur ein Brocken in den manifesten übergeht, 3. daß latente Elemente, die etwas Gemeinsames haben, für den manifesten Traum zusammengelegt, zu einer Einheit verschmolzen werden.

Wenn Sie wollen, können Sie den Namen „Verdichtung“ für diesen letzten Vorgang allein reservieren. Seine Effekte sind besonders leicht zu demonstrieren. Aus Ihren eigenen Träumen werden Sie sich mühelos an die Verdichtung verschiedener Personen zu einer einzigen erinnern. Eine solche Mischperson sieht etwa aus wie A, ist aber gekleidet wie B, tut eine Verrichtung, wie man sie von C erinnert, und dabei ist noch ein Wissen, daß es die Person D ist. Durch diese Mischbildung wird natürlich etwas den vier Personen Gemeinsames besonders hervorgehoben. Ebenso wie aus Personen kann man aus Gegenständen oder aus Örtlichkeiten eine Mischbildung herstellen, wenn die Bedingung erfüllt ist, daß die einzelnen Gegenstände und Örtlichkeiten etwas, was der latente Traum betont, miteinander gemein haben. Es ist das wie eine neue und flüchtige Begriffsbildung mit diesem Gemeinsamen als Kern. Durch das Übereinanderfallen der miteinander verdichteten Einzelnen entsteht in der Regel ein unscharfes, verschwommenes Bild, so ähnlich, wie wenn Sie mehrere Aufnahmen auf die nämliche Platte bringen.

Der Traumarbeit muß an der Herstellung solcher Mischbildungen viel gelegen sein, denn wir können nachweisen, daß die hierzu erforderten Gemeinsamkeiten absichtlich hergestellt werden, wo sie zunächst vermißt wurden, z. B. durch die Wahl des wörtlichen Ausdrucks für einen Gedanken. Wir haben solche Verdichtungen und Mischbildungen schon kennengelernt; sie spielten in der Entstehung mancher Fälle von Versprechen eine Rolle. Erinnern Sie sich an den jungen Mann, der eine Dame begleitdigen wollte. Außerdem gibt es Witze, deren Technik sich auf eine solche Verdichtung zurückführt. Davon abgesehen, darf man aber behaupten, daß dieser Vorgang etwas ganz Ungewöhnliches und Befremdliches ist. Die Bildung der Mischpersonen des Traumes findet zwar Gegenstücke in manchen Schöpfungen unserer Phantasie, die leicht Bestandteile, welche in der Erfahrung nicht zusammengehören, zu einer Einheit zusammensetzt, also z. B. in den Centauren und Fabeltieren der alten Mythologie oder der Böcklinschen Bilder. Die „schöpferische“ Phantasie kann ja überhaupt nichts erfinden, sondern nur einander fremde Bestandteile zusammensetzen. Aber das Sonderbare an dem Verfahren der Traumarbeit ist folgendes: Das Material, das der Traumarbeit vorliegt, sind ja Gedanken, Gedanken, von denen einige anstößig und unannehmbar sein mögen, die aber korrekt gebildet und ausgedrückt sind. Diese Gedanken werden durch die Traumarbeit in eine andere Form übergeführt, und es ist merkwürdig und unverständlich, daß bei dieser Übersetzung, Übertragung wie in eine andere Schrift oder Sprache, die Mittel der Verschmelzung und Kombination Anwendung finden. Eine Übersetzung ist doch sonst bestrebt, die im Text gegebenen Sonderungen zu achten und gerade Ähnlichkeiten auseinanderzuhalten. Die Traumarbeit bemüht sich ganz im Gegenteile, zwei verschiedene Gedanken dadurch zu verdichten, daß sie ähnlich wie der Witz ein mehrdeutiges Wort heraussucht, in dem sich die beiden Gedanken treffen können. Man muß diesen Zug nicht sofort verstehen wollen, aber er kann für die Auffassung der Traumarbeit bedeutungsvoll werden.

Obwohl die Verdichtung den Traum undurchsichtig macht, bekommt man doch nicht den Eindruck, daß sie eine Wirkung der Traumzensur sei. Eher möchte man sie auf mechanische oder ökonomische Momente zurückführen; aber die Zensur findet jedenfalls ihre Rechnung dabei.

Die Leistungen der Verdichtung können ganz außerordentliche sein. Mit ihrer Hilfe wird es gelegentlich möglich, zwei ganz verschiedene latente Gedankengänge in einem manifesten Traum zu vereinigen, so daß man eine anscheinend zureichende Deutung eines Traumes erhalten und dabei doch eine mögliche Überdeutung übersehen kann.

Die Verdichtung hat auch für das Verhältnis zwischen dem latenten und dem manifesten Traum die Folge, daß keine einfache Beziehung zwischen den Elementen hier und dort bestehen bleibt. Ein manifestes Element entspricht gleichzeitig mehreren latenten, und umgekehrt kann ein latentes Element an mehreren manifesten beteiligt sein, also nach Art einer Verschränkung. Bei der Deutung des Traumes zeigt es sich auch, daß die Einfälle zu einem einzelnen manifesten Element nicht der Reihe nach zu kommen brauchen. Man muß oft abwarten, bis der ganze Traum gedeutet ist.

Die Traumarbeit besorgt also eine sehr ungewöhnliche Art von Transkription der Traumgedanken, nicht eine Übersetzung Wort für Wort oder Zeichen für Zeichen, auch nicht eine Auswahl nach bestimmter Regel, wie wenn nur die Konsonanten eines Wortes wiedergegeben, die Vokale aber ausgelassen würden, auch nicht, was man eine Vertretung heißen könnte, daß immer ein Element an Stelle mehrerer herausgegriffen wird, sondern etwas anderes und weit Komplizierteres.

Die zweite Leistung der Traumarbeit ist die Verschiebung. Für diese haben wir zum Glück schon vorgearbeitet; wir wissen ja, sie ist ganz das Werk der Traumzensur. Ihre beiden Äußerungen sind erstens, daß ein latentes Element nicht durch einen eigenen Bestandteil, sondern durch etwas Entfernteres, also durch eine Anspielung ersetzt wird, und zweitens, daß der psychische Akzent von einem wichtigen Element auf ein anderes, unwichtiges übergeht, so daß der Traum anders zentriert und fremdartig erscheint.

Die Ersetzung durch eine Anspielung ist auch in unserem wachen Denken bekannt, aber es ist ein Unterschied dabei. Im wachen Denken muß die Anspielung eine leicht verständliche sein, und der Ersatz muß in inhaltlicher Beziehung zu seinem Eigentlichen stehen. Auch der Witz bedient sich häufig der Anspielung, er läßt die Bedingung der inhaltlichen Assoziation fallen und ersetzt diese durch ungewohnte äußerliche Assoziationen wie Gleichklang und Wortvieldeutigkeit u. a. Die Bedingung der Verständlichkeit hält er aber fest; der Witz käme um jede Wirkung, wenn der Rückweg von der Anspielung zum Eigentlichen sich nicht mühelos ergeben würde. Von beiden Einschränkungen hat sich aber die Verschiebungsanspielung des Traumes frei gemacht. Sie hängt durch die äußerlichsten und entlegensten Beziehungen mit dem Element, das sie ersetzt, zusammen, ist darum unverständlich, und wenn sie rückgängig gemacht wird, macht ihre Deutung den Eindruck eines mißratenen Witzes oder einer gewaltsamen, gezwungenen, an den Haaren herbeigezogenen Auslegung. Die Traumzensur hat eben nur dann ihr Ziel erreicht, wenn es ihr gelungen ist, den Rückweg von der Anspielung zum Eigentlichen unauffindbar zu machen.

Die Akzentverschiebung ist als Mittel des Gedankenausdrucks unerhört. Wir lassen sie im wachen Denken manchmal zu, um einen komischen Effekt zu erzielen. Den Eindruck der Verirrung, den sie macht, kann ich etwa bei Ihnen hervorrufen, wenn ich Sie an die Anekdote erinnere, daß es in einem Dorf einen Schmied gab, der sich eines todeswürdigen Verbrechens schuldig gemacht hatte. Der Gerichtshof beschloß, daß die Schuld gesühnt werde, aber da der Schmied allein im Dorfe und unentbehrlich war, dagegen drei Schneider im Dorfe wohnten, wurde einer dieser drei an seiner Statt gehängt.

Die dritte Leistung der Traumarbeit ist die psychologisch interessanteste. Sie besteht in der Umsetzung von Gedanken in visuelle Bilder. Halten wir fest, daß nicht alles in den Traumgedanken diese Umsetzung erfährt; manches behält seine Form und erscheint auch im manifesten Traum als Gedanke oder als Wissen; auch sind visuelle Bilder nicht die einzige Form, in welche die Gedanken umgesetzt werden. Aber sie sind doch das Wesentliche an der Traumbildung; dieses Stück der Traumarbeit ist das zweitkonstanteste, wie wir schon wissen, und für einzelne Traumelemente haben wir die „plastische Wortdarstellung“ bereits kennengelernt.

Es ist klar, daß diese Leistung keine leichte ist. Um sich einen Begriff von ihren Schwierigkeiten zu machen, müssen Sie sich vorstellen, Sie hätten die Aufgabe übernommen, einen politischen Leitartikel einer Zeitung durch eine Reihe von Illustrationen zu ersetzen, Sie wären also von der Buchstabenschrift zur Bilderschrift zurückgeworfen. Was in diesem Artikel von Personen und konkreten Gegenständen genannt wird, das werden Sie leicht und vielleicht selbst mit Vorteil durch Bilder ersetzen, aber die Schwierigkeiten erwarten Sie bei der Darstellung aller abstrakten Worte und aller Redeteile, die Denkbeziehungen anzeigen wie der Partikeln, Konjunktionen u. dgl. Bei den abstrakten Worten werden Sie sich durch allerlei Kunstgriffe helfen können. Sie werden z. B. bemüht sein, den Text des Artikels in anderen Wortlaut umzusetzen, der vielleicht ungewohnter klingt, aber mehr konkrete und der Darstellung fähige Bestandteile enthält. Dann werden Sie sich erinnern, daß die meisten abstrakten Worte abgeblaßte konkrete sind, und werden darum, so oft Sie können, auf die ursprüngliche konkrete Bedeutung dieser Worte zurückgreifen. Sie werden also froh sein, daß Sie ein „Besitzen“ eines Objekts als ein wirkliches körperliches Daraufsitzen darstellen können. So macht es auch die Traumarbeit. Große Ansprüche an die Genauigkeit der Darstellung werden Sie unter solchen Umständen kaum machen können. Sie werden es also auch der Traumarbeit hingehen lassen, daß sie z. B. ein so schwer bildlich zu bewältigendes Element wie Ehebruch durch einen anderen Bruch, einen Beinbruch, ersetzt.1 Auf solche Weise werden Sie es dazu bringen, die Ungeschicklichkeiten der Bilderschrift, wenn sie die Buchstabenschrift ersetzen soll, einigermaßen auszugleichen.

Bei der Darstellung der Redeteile, welche Denkrelationen anzeigen, des „weil, darum, aber“ usw., haben Sie keine derartigen Hilfsmittel; diese Bestandteile des Textes werden also für ihre Umsetzung in Bilder verlorengehen. Ebenso wird durch die Traumarbeit der Inhalt der Traumgedanken in sein Rohmaterial von Objekten und Tätigkeiten aufgelöst. Sie können zufrieden sein, wenn sich Ihnen die Möglichkeit ergibt, gewisse an sich nicht darstellbare Relationen in der feineren Ausprägung der Bilder irgendwie anzudeuten. Ganz so gelingt es der Traumarbeit, manches vom Inhalt der latenten Traumgedanken in formalen Eigentümlichkeiten des manifesten Traumes auszudrücken, in der Klarheit oder Dunkelheit desselben, in seiner Zerteilung in mehrere Stücke u. ä. Die Anzahl der Partialträume, in welche ein Traum zerlegt ist, korrespondiert in der Regel mit der Anzahl der Hauptthemen, der Gedankenreihen im latenten Traum; ein kurzer Vortraum steht zum nachfolgenden ausführlichen Haupttraum oft in der Beziehung einer Einleitung oder einer Motivierung; ein Nebensatz in den Traumgedanken wird durch einen eingeschalteten Szenenwechsel im manifesten Traum ersetzt usw. Die Form der Träume ist also an sich keineswegs bedeutungslos und fordert selbst zur Deutung heraus. Mehrfache Träume derselben Nacht haben oft die nämliche Bedeutung und zeigen die Bemühung an, einen Reiz von ansteigender Dringlichkeit immer besser zu bewältigen. Im einzelnen Traum selbst kann ein besonders schwieriges Element eine Darstellung durch „Doubletten“, mehrfache Symbole, finden.

Bei fortgesetzten Vergleichungen der Traumgedanken mit den sie ersetzenden manifesten Träumen erfahren wir allerlei, worauf wir nicht vorbereitet sein konnten, z. B. daß auch der Unsinn und die Absurdität der Träume ihre Bedeutung haben. Ja, in diesem Punkte spitzt sich der Gegensatz der medizinischen und der psychoanalytischen Auffassung des Traumes zu einer sonst nicht erreichten Schärfe zu. Nach ersterer ist der Traum unsinnig, weil die träumende Seelentätigkeit jede Kritik eingebüßt hat; nach unserer dagegen wird der Traum dann unsinnig, wenn eine in den Traumgedanken enthaltene Kritik, das Urteil „es ist unsinnig“, zur Darstellung gebracht werden soll. Der Ihnen bekannte Traum vom Theaterbesuch (drei Karten für 1 fl. 50 kr.) ist ein gutes Beispiel dafür. Das so ausgedrückte Urteil lautet: Es war ein Unsinn, so früh zu heiraten.

Ebenso erfahren wir bei der Deutungsarbeit, was den so häufig vom Träumer mitgeteilten Zweifeln und Unsicherheiten entspricht, ob ein gewisses Element im Traume vorgekommen, ob es dies oder nicht vielmehr etwas anderes gewesen sei. Diesen Zweifeln und Unsicherheiten entspricht in der Regel in den latenten Traumgedanken nichts; sie rühren durchwegs von der Wirkung der Traumzensur her und sind einer versuchten, nicht voll gelungenen Ausmerzung gleichzusetzen.

Zu den überraschendsten Funden gehört die Art, wie die Traumarbeit Gegensätzlichkeiten des latenten Traumes behandelt. Wir wissen schon, daß Übereinstimmungen im latenten Material durch Verdichtungen im manifesten Traum ersetzt werden. Nun, Gegensätze werden ebenso behandelt wie Übereinstimmungen, mit besonderer Vorliebe durch das nämliche manifeste Element ausgedrückt. Ein Element im manifesten Traum, welches eines Gegensatzes fähig ist, kann also ebensowohl sich selbst bedeuten wie seinen Gegensatz oder beides zugleich; erst der Sinn kann darüber entscheiden, welche Übersetzung zu wählen ist. Damit hängt es dann zusammen, daß eine Darstellung des „Nein“ im Traume nicht zu finden ist, wenigstens keine unzweideutige.

Eine willkommene Analogie für dies befremdende Benehmen der Traumarbeit hat uns die Sprachentwicklung geliefert. Manche Sprachforscher haben die Behauptung aufgestellt, daß in den ältesten Sprachen Gegensätze wie stark—schwach, licht—dunkel, groß—klein durch das nämliche Wurzelwort ausgedrückt wurden. („Der Gegensinn der Urworte“.) So hieß im Altägyptischen ken ursprünglich stark und schwach. In der Rede schützte man sich vor Mißverständnissen beim Gebrauch so ambivalenter Worte durch den Ton und die beigefügte Geste, in der Schrift durch die Hinzufügung eines sogenannten Determinativs, d. h. eines Bildes, das selbst nicht zur Aussprache bestimmt war. Ken — stark wurde also geschrieben, indem nach den Buchstabenzeichen das Bild eines aufrechten Männchens hingesetzt wurde; wenn ken — schwach gemeint war, so folgte das Bild eines nachlässig hockenden Mannes nach. Erst später wurden durch leichte Modifikationen des gleichlautenden Urwortes zwei Bezeichnungen für die darin enthaltenen Gegensätze gewonnen. So entstand aus ken stark—schwach ein ken stark und ein kan schwach. Nicht nur die ältesten Sprachen in ihren letzten Entwicklungen, sondern auch weit jüngere und selbst heute noch lebende Sprachen sollen reichlich Überreste dieses alten Gegensinnes bewahrt haben. Ich will Ihnen einige Belege hierfür nach K. Abel (1884) mitteilen.

Im Lateinischen sind solche immer noch ambivalente Worte: altus (hoch—tief) und sacer (heilig—verrucht).

Als Beispiele für Modifikationen derselben Wurzel erwähne ich: clamare — schreien, clam — leise, still, geheim; siccus — trocken, succus — Saft. Dazu aus dem Deutschen: Stimme — stumm.

Bezieht man verwandte Sprachen aufeinander, so ergeben sich reichliche Beispiele. Englisch: lock — schließen; deutsch: Loch, Lücke. Englisch: cleave — spalten; deutsch: kleben.

Das englische without eigentlich mit—ohne wird heute für ohne verwendet; daß with außer seiner zuteilenden auch eine entziehende Bedeutung hatte, geht noch aus den Zusammensetzungen withdraw — withhold hervor. Ähnlich das deutsche wieder.

Noch eine andere Eigentümlichkeit der Traumarbeit findet in der Sprachentwicklung ihr Gegenstück. In der altägyptischen kam es wie in anderen späteren Sprachen vor, daß die Lautfolge der Worte für denselben Sinn umgekehrt wurde. Solche Beispiele zwischen dem Englischen und dem Deutschen sind: Topf — pot; boat — tub; hurry (eilen) — Ruhe; Balken — Kloben, club; wait (warten) — täuwen.

Zwischen dem Lateinischen und dem Deutschen: capere — packen; ren — Niere.

Solche Umkehrungen, wie sie hier am einzelnen Wort genommen werden, kommen durch die Traumarbeit in verschiedener Weise zustande. Die Umkehrung des Sinnes, Ersetzung durch das Gegenteil, kennen wir bereits. Außerdem finden sich in Träumen Umkehrungen der Situation, der Beziehung zwischen zwei Personen, also wie in der „verkehrten Welt“. Im Traum schießt häufig genug der Hase auf den Jäger. Ferner Umkehrung in der Reihenfolge der Begebenheiten, so daß die kausal vorangehende der ihr nachfolgenden im Traume nachgesetzt wird. Das ist dann wie in der Aufführung eines Stückes in einer schlechten Schmiere, wo zuerst der Held hinfällt und erst nachher aus der Kulisse der Schuß abgefeuert wird, der ihn tötet. Oder es gibt Träume, in denen die ganze Ordnung der Elemente verkehrt ist, so daß man in der Deutung ihr letztes zuerst und ihr erstes zuletzt nehmen muß, um einen Sinn herauszubekommen. Sie erinnern sich auch aus unseren Studien über die Traumsymbolik, daß ins Wasser gehen oder fallen dasselbe bedeutet wie aus dem Wasser kommen, nämlich gebären oder geboren werden, und daß eine Treppe, Leiter, hinaufsteigen dasselbe ist wie sie heruntergehen. Es ist unverkennbar, welchen Vorteil die Traumentstellung aus solcher Darstellungsfreiheit ziehen kann.

Diese Züge der Traumarbeit darf man als archaische bezeichnen. Sie haften ebenso den alten Ausdruckssystemen, Sprachen und Schriften an und bringen dieselben Erschwerungen mit sich, von denen in einem kritischen Zusammenhange noch die Rede sein wird.

Nun noch einige andere Gesichtspunkte. Bei der Traumarbeit handelt es sich offenbar darum, die in Worte gefaßten latenten Gedanken in sinnliche Bilder, meist visueller Natur, umzusetzen. Nun sind unsere Gedanken aus solchen Sinnesbildern hervorgegangen; ihr erstes Material und ihre Vorstufen waren Sinneseindrücke, richtiger gesagt, die Erinnerungsbilder von solchen. An diese wurden erst später Worte geknüpft und diese dann zu Gedanken verbunden. Die Traumarbeit läßt also die Gedanken eine regressive Behandlung erfahren, macht deren Entwicklung rückgängig, und bei dieser Regression muß all das wegfallen, was bei der Fortentwicklung der Erinnerungsbilder zu Gedanken als neuer Erwerb dazugekommen ist.

Dies wäre also die Traumarbeit. Gegen die Vorgänge, die wir bei ihr kennengelernt haben, mußte das Interesse am manifesten Traum weit zurücktreten. Ich will aber diesem letzteren, der doch das einzige uns unmittelbar Bekannte ist, noch einige Bemerkungen widmen.

Es ist natürlich, daß der manifeste Traum für uns an Bedeutung verliert. Es muß uns gleichgültig erscheinen, ob er gut komponiert oder in eine Reihe von Einzelbildern ohne Zusammenhang aufgelöst ist. Selbst wenn er eine anscheinend sinnvolle Außenseite hat, wissen wir doch, daß diese durch Traumentstellung entstanden sein und zum inneren Gehalt des Traumes so wenig organische Beziehung haben kann wie die Fassade einer italienischen Kirche zu deren Struktur und Grundriß. Andere Male hat auch diese Fassade des Traumes ihre Bedeutung, indem sie einen wichtigen Bestandteil der latenten Traumgedanken wenig oder gar nicht entstellt wiederbringt. Aber wir können das nicht wissen, ehe wir den Traum der Deutung unterzogen und dadurch ein Urteil gewonnen haben, welches Maß von Entstellung Platz gegriffen hat. Ein ähnlicher Zweifel gilt für den Fall, daß zwei Elemente im Traum in nahe Beziehung zueinander gebracht scheinen. Es kann darin ein wertvoller Wink enthalten sein, daß man auch das diesen Elementen im latenten Traum Entsprechende zusammenfügen darf, aber andere Male kann man sich überzeugen, daß, was in Gedanken zusammengehört, im Traum auseinandergerissen worden ist.

Im allgemeinen muß man sich dessen enthalten, einen Teil des manifesten Traumes aus einem anderen erklären zu wollen, als ob der Traum kohärent konzipiert und eine pragmatische Darstellung wäre. Er ist vielmehr zumeist einem Brecciagestein vergleichbar, aus verschiedenen Gesteinsbrocken mit Hilfe eines Bindemittels hergestellt, so daß die Zeichnungen, die sich dabei ergeben, nicht den ursprünglichen Gesteinseinschlüssen angehören. Es gibt wirklich ein Stück der Traumarbeit, die sogenannte sekundäre Bearbeitung, dem daran gelegen ist, aus den nächsten Ergebnissen der Traumarbeit etwas Ganzes, ungefähr Zusammenpassendes herzustellen. Dabei wird das Material nach einem oft ganz mißverständlichen Sinn angeordnet und, wo es nötig scheint, Einschübe vorgenommen.

Anderseits darf man auch die Traumarbeit nicht überschätzen, ihr nicht zuviel zutrauen. Mit den aufgezählten Leistungen ist ihre Tätigkeit erschöpft; mehr als verdichten, verschieben, plastisch darstellen und das Ganze dann einer sekundären Bearbeitung unterziehen, kann sie nicht. Was sich im Traum von Urteilsäußerungen, von Kritik, Verwunderung, Folgerung findet, das sind nicht Leistungen der Traumarbeit, nur sehr selten Äußerungen des Nachdenkens über den Traum, sondern zumeist Stücke der latenten Traumgedanken, die mehr oder weniger modifiziert und dem Zusammenhange angepaßt in den manifesten Traum übergetreten sind. Auch Reden komponieren kann die Traumarbeit nicht. Bis auf wenige angebbare Ausnahmen sind die Traumreden Nachbildungen und Zusammensetzungen von Reden, die man am Traumtag gehört oder selbst gehalten hat und die als Material oder als Traumanreger in die latenten Gedanken eingetragen worden sind. Ebensowenig kann die Traumarbeit Rechnungen anstellen; was sich davon im manifesten Traum findet, sind zumeist Zusammenstellungen von Zahlen, Scheinrechnungen, als Rechnungen ganz unsinnig und wiederum nur Kopien von Rechnungen in den latenten Traumgedanken. Bei diesen Verhältnissen ist es auch nicht zu verwundern, daß das Interesse, welches sich der Traumarbeit zugewendet hat, bald von ihr weg zu den latenten Traumgedanken strebt, die sich mehr oder weniger entstellt durch den manifesten Traum verraten. Es ist aber nicht zu rechtfertigen, wenn dieser Wandel so weit geht, daß man in der theoretischen Betrachtung die latenten Traumgedanken an Stelle des Traumes überhaupt setzt und von letzterem etwas aussagt, was nur für die ersteren gelten kann. Es ist sonderbar, daß die Ergebnisse der Psychoanalyse für eine solche Verwechslung mißbraucht werden konnten. „Traum“ kann man nichts anderes nennen als das Ergebnis der Traumarbeit, d. h. also die Form, in welche die latenten Gedanken durch die Traumarbeit überführt worden sind.

Die Traumarbeit ist ein Vorgang ganz singulärer Art, dessengleichen bisher im Seelenleben nicht bekannt geworden ist. Derartige Verdichtungen, Verschiebungen, regressive Umsetzungen von Gedanken in Bilder sind Neuheiten, deren Erkenntnis die psychoanalytischen Bemühungen bereits reichlich entlohnt. Sie entnehmen auch wiederum aus den Parallelen zur Traumarbeit, welche Zusammenhänge der psychoanalytischen Studien mit anderen Gebieten, speziell mit der Sprach- und Denkentwicklung, aufgedeckt werden. Die weitere Bedeutung dieser Einsichten können Sie erst ahnen, wenn Sie erfahren, daß die Mechanismen der Traumbildung vorbildlich für die Entstehungsweise der neurotischen Symptome sind.

Ich weiß auch, daß wir den ganzen Neuerwerb, der aus diesen Arbeiten für die Psychologie resultiert, noch nicht übersehen können. Wir wollen nur darauf hinweisen, welche neuen Beweise sich für die Existenz unbewußter seelischer Akte — das sind ja die latenten Traumgedanken — ergeben haben und wie uns die Traumdeutung einen ungeahnt breiten Zugang zur Kenntnis des unbewußten Seelenlebens verspricht. Nun wird es aber wohl an der Zeit sein, daß ich Ihnen an verschiedenen kleinen Traumbeispielen einzeln vorführe, worauf ich Sie im Zusammenhange vorbereitet habe.


  1. Der Zufall führt mir während der Korrektur dieser Bogen eine Zeitungsnotiz zu, die ich als unerwartete Erläuterung zu den obigen Sätzen hier abdrucke:
    „DIE STRAFE GOTTES. (Armbruch für Ehebruch.) Frau Anna M., die Gattin eines Landstürmers, verklagte Frau Klementine K. wegen Ehebruches. In der Klage heißt es, daß die K. mit Karl M. ein strafbares Verhältnis gepflogen habe, während ihr eigener Mann im Felde steht, von wo er ihr sogar siebzig Kronen monatlich schickt. Die K. habe von dem Gatten der Klägerin schon ziemlich viel Geld erhalten, während sie mit ihrem Kinde in Hunger und Elend leben müsse. Kameraden ihres Mannes hatten ihr hinterbracht, daß die K. mit M. Weinstuben besucht und dort bis in die späte Nacht hinein gezecht habe. Einmal habe die Angeklagte den Mann der Klägerin vor mehreren Infanteristen sogar gefragt, ob er sich denn nicht von seiner ‚Alten‘ schon bald scheiden lasse, um zu ihr zu ziehen. Auch die Hausbesorgerin der K. habe den Mann der Klägerin wiederholt im tiefsten Negligee in der Wohnung der K. gesehen.
    Die K. leugnete gestern vor einem Richter der Leopoldstadt, den M. zu kennen, von intimen Beziehungen könne schon gar keine Rede sein.
    Die Zeugin Albertine M. gab jedoch an, daß die K. den Gatten der Klägerin geküßt habe und dabei von ihr überrascht wurde.
    Der schon in einer früheren Verhandlung als Zeuge vernommene M. hatte damals die intimen Beziehungen zur Angeklagten in Abrede gestellt. Gestern lag dem Richter ein Brief vor, worin der Zeuge seine in der ersten Verhandlung gemachten Aussagen widerrief und zugibt, bis vorigen Juni mit der K. ein Liebesverhältnis unterhalten zu haben. Er habe in der früheren Verhandlung seine Beziehungen zur Beschuldigten bloß deswegen in Abrede gestellt, weil diese vor der Verhandlung bei ihm erschienen sei und ihn kniefällig gebeten habe, er möge sie doch retten und nichts aussagen. ‚Heute‘ — schrieb der Zeuge —, fühle ich mich dazu gedrängt, dem Gerichte ein volles Geständnis abzulegen, da ich meinen linken Arm gebrochen habe und mir dies als eine Strafe Gottes für mein Vergehen erscheint.‘
    Der Richter stellte fest, daß die strafbare Handlung bereits verjährt ist, worauf die Klägerin ihre Klage zurückzog und der Freispruch der Angeklagten erfolgte.“