4. Die kritische Theologie


Die vierte Antinomie betr. Zufall und notwendiges Wesen führt uns unmittelbar zu der kritischen Theologie, die in der Gottesidee das »Ideal der reinen Vernunft« zu ihrem Gegenstande hat. Auch hier kommt der dialektische Schein natürlich und unvermeidlich zustande. Unsere Vernunft hat das dringende Bedürfnis, ihre Frage nach dem Warum? immer weiter zu erstrecken, bis sie schließlich zu dem »Inbegriff aller Möglichkeit« gelangt. Anstatt aber nun bei diesem Inbegriff als einer Idee (der durchgängigen Bestimmung aller Dinge) stehen zu bleiben, verdinglicht sie ihn zu einem besonderen Wesen, macht aus der Idee ein Individuum, ein ens realissimum, ein transzendentes Objekt. Hier ist aber der dialektische Schein auch am leichtesten aufzudecken. Denn das höchste Wesen, welches doch schließlich nur angenommen wird, um Verknüpfung, Ordnung und Einheit, kurz »durchgängige Bestimmung« in die Erfahrung zu bringen, ist von vornherein leicht als Idee von den Verstandesbegriffen zu unterscheiden, da sein Begriff sichtlich alle Erfahrung übersteigt. Die transzendentale Dialektik zeigt, dass diese Annahme »eine notwendige Hypothese zur Befriedigung unserer Vernunft«, aber kein Dogma ist, und dass wir fälschlich die »subjektiven Bedingungen unseres Denkens« zu »objektiven Bedingungen der Sachen selbst« gestempelt haben (vgl. Proleg. § 55). Will man aber die Einrichtung der Natur direkt aus dem Willen eines höchsten Wesens erklären, so ist das keine Philosophie mehr, sondern ein Geständnis, dass es damit bei uns zu Ende gehe (ebend. § 44).

Wir verweisen nur kurz auf Kants ausführliche (Kr. 611-670) Widerlegung der vermeintlichen Beweise der spekulativen Vernunft vom Dasein Gottes: a) des ontologischen, b) des kosmologischen, c) des physikotheologischen. - a) Der nervus probandi liegt in der Widerlegung des ersten Beweises, der aus bloßen Begriffen auf das Dasein eines höchsten Wesens schließt. Der bloße Begriff eines Gegenstandes kann aber immer nur seine Möglichkeit, niemals seine wirkliche Existenz beweisen. Das Dasein ist eine Kategorie, die außerhalb des Feldes der Erfahrung keine Bedeutung hat. - b) Der sogenannte kosmologische Beweis aus dem Dasein der Welt wird abgelehnt, weil man kein Recht hat, von endlichen Dingen auf ein unendliches, von bedingten auf eine unbedingte Ursache zu schließen; er ist übrigens nur eine andere Form des ontologischen. - c) Der physikotheologische, aus der zweckmäßigen Einrichtung der Welt geschöpfte Beweis endlich, dessen die natürliche Theologie sich mit Vorliebe zu bedienen pflegt, ist zwar der älteste, klarste und achtungswerteste, aber dennoch trüglich. Er würde auch im besten Falle nur einen Weltbaumeister, nicht einen Weltschöpfer beweisen, womit wir dann wieder bei dem kosmologischen angelangt wären. - Ebensowenig freilich, wie die Existenz, läßt sich die Nicht-Existenz einer Gottheit wissenschaftlich nachweisen.

So ist denn auch das Ideal eines höchsten Wesens nur eine Idee, ein regulatives Prinzip unserer Vernunft, alle Verbindungen in der Welt so anzusehen, als ob sie aus einer allgenügsamen und notwendigen Ursache entspringe. Nicht dagegen ein konstitutives; das wäre vielmehr der Grundsatz einer »faulen« Vernunft (ignava ratio), welche die Naturuntersuchung an irgendeiner Stelle als schlechthin vollendet ansieht, oder der »verkehrten« Vernunft (perversa ratio), die durch Verdinglichung der Ideen die systematische Einheit der Natur gänzlich zerstört. Die wahre Begründung des Gottesglaubens liegt nach Kant auf dem Gebiete der Ethik.

Die Darstellung der Hauptmomente von Kants Kritik der reinen Vernunft, d. i. der theoretischen Erkenntnis, ist hiermit vollendet. Die auf die »transzendentale Dialektik« noch folgende »transzendentale Methodenlehre « ist zwar eine Fundgrube trefflicher Bemerkungen über »Disziplin, Kanon, Architektonik und Geschichte« der reinen Vernunft, deren Lektüre wir nachdrücklichst empfehlen möchten, fügt aber zu dem Systeme der Anschauungsformen, Kategorien, Grundsätze und Ideen, das Kant mit dem Namen »transzendentale Elementarlehre« bezeichnet hat, sachlich nichts Neues hinzu.


 © textlog.de 2004 • 19.09.2018 18:16:47 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.10.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright