Don Juan als Verführer


So wie die Sinnlichkeit in Don Juan aufgefaßt ist, nämlich als Prinzip, ist sie vorher niemals in der Welt aufgefaßt worden. Das Erotische wird daher hier auch durch ein andres Prädikat näher bestimmt. Die Erotik ist Verführung. Auffallend genug geht die Idee eines Verführers dem alten Griechentum völlig ab. Darum fällt es mir jedoch nicht ein, dieses sittlich hochstellen zu wollen: denn die Götter sowohl wie die Menschen waren, wie jedermann weiß, Liebesaffären rücksichtslos; noch weniger das Christentum zu tadeln, welches ja die Idee nur als eine ihm fremde hat. Der Grund, weshalb den Griechen diese Idee fehlte, lag darin, dass ihr ganzes Leben in Individualität aufging. So war beim das Persönlich-Psychische das Vorherrschende, stets mit dem Sinnlichen in Einklang. Ihre Liebe war daher mehr eine psychische (Seelenliebe), als eine Sinnliche, und hieraus floß jene Verschämtheit, die durchweg auf der Liebe der althellenischen Zeit ruhte. Sie gewannen ein Mädchen lieb; sie setzten Himmel und Erde in Bewegung, um in den Besitz desselben zu kommen. Gelang es ihnen, so waren sie vielleicht des Besitzes schon müde und suchten eine neue Liebe. Was Unstetigkeit betrifft, so mochten sie mit Don Juan eine gewisse Ähnlichkeit haben; und um nur einen zu nennen, so konnte Herkules gewiß ein stattliches Register zuwege bringen, wenn man bedenkt, dass er sich zuweilen mit ganzen Familien einließ, die gegen 50 Töchter zählten, und so, als Familien-Schwiegersohn, sie alle umarmte, nach dem Berichte einiger, in einer einzigen Nacht. Natürlich ein Mythus, in welchem sich aber das Griechentum abspiegelt. Indes bleibt Herkules wesentlich verschieden von Don Juan: er ist kein Verführer. Denkt man sich nämlich die griechische Liebe, so ist diese, ihrem Begriffe zufolge, wesentlich getreu, eben weil sie psychisch ist. Daß einer mehrere liebt, ist bei ihm das Zufällige; während er die eine liebt, denkt er nicht an die nächste. Don Juan dagegen ist von Grund aus ein Verführer. Seine Liebe ist sinnlich; und solche Liebe ist, ihrem Begriffe nach, nicht getreu, sondern absolut treulos; und unter der Summe der Momente im Momente lebend, liebt sie nicht die eine, sondern alle, was so viel heißt als: sie möchte alle verführen. Ihre Treulosigkeit zeigt sich auch darin, dass sie beständig nur eine Wiederholung ist. Die psychische Liebe, also auch die ritterliche, trägt in zwiefachem Sinne den Gegensatz in sich. Teils ist sie nämlich mit Zweifel und Unruhe behaftet, ob sie denn auch glücklich werden, ihren Wunsch erfüllt sehen, wieder geliebt sein werde, von welcher Sorge die sinnliche Liebe nichts weiß. Selbst ein Jupiter ist seines Sieges keineswegs sicher; und wie kann es anders sein? kann er's doch selbst nicht anders wünschen. Mit Don Juan steht es anders: er macht kurzen Prozeß und ist immer als der absolut Siegreiche zu denken. Dies könnte als ein Vorzug erscheinen, ist aber eigentlich Armut. Der Reichtum der psychischen Liebe zeigt sich darin, dass sie stets als eine neue und andre auftritt, auch im Verhältnis zu jedem einzelnen Gegenstande ihrer Liebe. Bei Don Juan ist von einer solchen Fülle des Inhalts nicht die Rede. Hierzu hat er keine Zeit; für ihn ist alles nur Sache des Momentes. Sie sehen und lieben, war eins. Während man dies auch von der psychischen Liebe oft in gewissem Sinne sagen kann, jedoch bloß als Andeutung eines Anfanges, so gilt es in ganz andrer Weise von Don Juan. Das Sehen und Lieben, was bei ihm eins ist, fällt in einen Moment, und in demselben Moment ist auch alles vorüber, was sich dann ins Unendliche wiederholt. Hat man nun, um eine derartige Liebe zu beschreiben, kein anderes Medium außer der Sprache, so befindet man sich in Verlegenheit: denn sobald man die Naivität aufgegeben hat, welche bei Don Juan jene, schon ästhetisch unbefriedigenden, lächerlichen Zahlgrößen treuherzig gelten, also auch die 1003 bei Spanien ruhig stehen läßt, so wird man notwendig seine Ansprüche an Don Juans Liebe steigern und einiges psychische Individualisieren ihr mitgeben. Die Seelenliebe bewegt sich gerade in der reichen Mannigfaltigkeit des individuellen Lebens, dessen Nuancen das eigentlich Bedeutungsvolle ausmachen. Die sinnliche Liebe dagegen kann immerhin solch ein willkürliches Pauschquantum annehmen. Für sie ist das Wesentliche die ganz abstrakt gefaßte Weiblichkeit, höchstens noch in mehr sinnlich markierter Differenz. Während die Seelenliebe einen gewissen Bestand in der Zeit bedeutet, ist die sinnliche nichts weiter als ein Verschwinden in der Zeit. Das Medium aber, welches dies ausdrückt, ist die Musik. Ja, zu solchem Ausdruck ist sie vorzüglich geeignet, weil sie nicht sowohl das Einzelne ausspricht, als vielmehr das Allgemeine, was für alle ist, jedoch nicht als ein abstraktes, sondern als ein konkretes, in voller Unmittelbarkeit.


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