Don Juan und Faust als Volkssagen


Don Juan ist also der Ausdruck für das als Sinnenlust gekennzeichnete Dämonische, Faust der Ausdruck für das Dämonische, sofern es als das Geistige austritt, nämlich als dasjenige, das der christliche Geist von sich ausschließt und negiert. Diese Ideen stehen miteinander in einem Wesensverhältnis und haben viele Ähnlichkeit. Es ließ sich daher wohl erwarten, dass sie auch darin übereinstimmten, dass sie beide in einer Volkssage aufbewahrt wurden. Daß dieses mit dem Faust der Fall gewesen, ist bekannt. Seit vielen Jahren emittiert ein Volksbuch, das seine Taten beschreibt, welches mit großem Unrecht von jenen jungen Gelehrten, die einer bald nach dem andern über Faust Vorträge halten und Bücher schreiben, kaum benutzt worden ist. Es fällt ihnen niemals ein, wie schön es doch sei, dass das wahrhaft Große allen gemeinsam ist, dass zur selben Zeit, wenn ein Goethe seinen Faust dichtet, ein Bauernbursche sich bei seiner Nachbarin, einer klugen Frau im Dorfe, hinsetzt und mit halblauter Stimme in dem Volksbuch liest. Und das verdient wohl beachtet zu werden; es hat namentlich - was man ja beim Weine als eine empfehlende Eigenschaft preist - es hat Boukett, ist eine vortreffliche Kelterung aus dem Mittelalter. Öffnet man das Büchlein, so strömt einem ein so gewürzter, frischer, eigenartiger Duft entgegen, dass uns ganz besonders zu Mute wird. - Was indes den Don Juan betrifft, so ist die spanische Sage, die frühzeitig diesen Namen von Mund zu Mund trug, nicht ebenso in einem Volksbuch, oder Volkslied verkörpert worden. Vermutlich beschränkte sich die alte Sage auf vereinzelte Züge, und mochte noch kürzer sein als die wenigen Strophen, die Bürgers Leonore zu Grunde liegen: vielleicht gehört die oben angeführte Zahl 1003 der Sage an. Bekanntlich hat der Don Juan schon sehr frühe als ein Schaubudenstück emittiert; ja, dies mag seine erste Existenz gewesen sein. Hier ist aber die Idee komisch aufgefaßt, wie es denn überhaupt merkwürdig ist, daß, so tüchtig das Mittelalter auch war in der Ausstattung von Idealen, es mit ebenso sicherem Blicke das Komische zu erfassen wusste, welches sich an die übernatürliche Hoheit des Ideals anhängt. Der Gedanke, Don Juan zu einem Prahlhans zumachen, der sich einbildete alle Mädchen verführt zu haben, dann Leporello als gläubigen Nachsprecher dieser Lügen darzustellen, ist wohl gar nicht übel, um komische Situationen zu schaffen. Jedenfalls konnte es niemals ausbleiben, dass man ihm eine komische Wendung gab, da diese in dem Widerspruche zwischen dem Helden und dem Theater liegt, auf dem er sich bewegt. So kann das Mittelalter auch von Heroen erzählen, die so kolossal geballt waren, dass ihre Augen um eine halbe Elle voneinander abstanden; wollte aber ein gewöhnlicher Mensch die Bühne betreten und sich die Miene geben, als sei dieses bei ihm der Fall, dann würde das Komische in vollem Zuge sein.


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