Musik und Sprache


Das mir bekannte Reich, an dessen äußerste Grenze ich mich begeben will, um das der Musik zu entdecken, ist die Sprache. Will man die verschiedenen Medien in einem bestimmten Entwickelungsprozesse ordnen, so wird man auch genötigt, die Sprache und die Musik nahe nebeneinander zu stellen, weshalb man wohl die Musik eine Sprache genannt hat, was mehr ist als nur eine geistreiche Bemerkung. Findet man nämlich an geistreichen Einfällen sein Gefallen, so läßt sich ja auch Skulptur und Malerei als eine Art Sprache bezeichnen, sofern jeder Ausdruck der Idee immer eine Sprache ist: denn zum Wesen der Idee gehört die Sprache. Geistreiche Leute reden daher von der Sprache der Natur; und weichmütige Prediger schlagen ab und zu das Buch der Natur vor uns auf und lesen aus demselben, was weder sie selbst noch ihre Zuhörer verstehen. Stünde es nicht besser um jene Bemerkung, dass die Musik eine Sprache sei, so würde ich dieselbe unerwähnt laufen und gelten lassen für das, was sie ist. Aber so ist's eben nicht. Erst dadurch, dass der Geist in seine Rechte eingesetzt ist, ist es auch die Sprache; kommt aber der Geist zu seiner Bedeutung, so ist hiermit alles, was nicht Geist ist, ausgeschlossen. Aber diese Ausschließung ist die Bestimmung des Geistes; und soweit also das Ausgeschlossene sich geltend machen soll, verlangt es ein Medium, das geistig bestimmt und beherrscht ist; und dieses ist eben die Musik. Aber ein geistig bestimmtes Medium ist wesentlich Sprache; da nun die Musik dieses ist, so hat man mit vollem Rechte sie eine Sprache genannt.

Die Sprache, als das absolut geistig bestimmte Medium, ist das eigentliche und wahre Medium der Idee. Dies eingehender zu entwickeln, liegt weder in meiner Kompetenz, noch im Interesse gegenwärtiger Untersuchung. Nur eine einzelne Bemerkung, welche mich auf die Musik hinführt, möge hier ihren Platz finden. In der Sprache wird also das Sinnliche, als Medium, zum bloßen Werkzeug herabgesetzt und beständig negiert (bleibt unbeachtet). Anders ist es mit den übrigen Medien. Weder in der Skulptur noch in der Malerei ist das Sinnliche bloßes Werkzeug, sondern ein wesentlich dazugehöriges, soll auch nicht beständig negiert, vielmehr beständig mit gesehen und wohl beachtet werden. Wie seltsam verkehrt wäre die Betrachtung einer Bildhauerarbeit oder eines Gemäldes, wenn ich mich dabei anstrengen wollte, möglichst von dem Sinnlichen abzusehen, wodurch die Schönheit des Kunstwerkes für mich ganz hinfällig würde! In Skulptur, Architektur, Malerei ist die Idee an das Medium gebunden. Daß die Idee hier das Medium nicht zum bloßen Werkzeug herabsetzt, es nicht beständig negiert, hiermit wird zugleich ausgedrückt, dass dieses Medium selbst nicht reden kann. Ebenso verhält es sich mit der Natur. Mit Recht sagt man: die Natur ist stumm, sowie auch die Architektur, die Skulptur, die Malerei; ja, man sage es allen jenen seinen, empfindsamen Ohren zum Trotze, welche angeblich die eine wie die andre können reden hören. Es ist daher eine Torheit, zu behaupten: die Natur sei an und für sich eine Sprache, geradeso wie es albern wäre, zu behaupten: der Stumme spreche, während jenes nicht einmal in dem Sinne eine Sprache ist, wie etwa die Fingersprache. So ist es dagegen nicht mit der Sprache. Das Sinnliche ist dergestalt zum Werkzeug herabgesetzt, dass es geradezu aufgehoben ist. Gesetzt, ein Mensch spräche so, dass man den Schlag der Zunge u.s.w. hörte, dann würde er eben schlecht sprechen; hörte er in solcher Weise, dass er die Luftschwingungen hörte, anstatt des Wortes, dann würde er schlecht hören; läse jemand ein Buch auf die Art, dass er beständig jeden einzelnen Buchstaben beachtete, dann würde er schlecht lesen. Alsdann eben erscheint die Sprache als das vollkommene Medium, wenn alles Sinnliche darin negiert ist. Dieses gilt auch von der Musik. Das, was eigentlich und hauptsächlich soll gehört werden, macht sich beständig frei von dem Sinnlichen. Daß aber die Musik als Medium nicht auf der Höhe der Sprache steht, daran ist schon früher erinnert worden; und daher habe ich mich auch nicht anders als so ausgedrückt: in gewissem Sinne sei die Musik eine Sprache.

Die Sprache wendet sich an das Ohr. Dies tut kein andres Medium. Das Gehör ist wiederum der am meisten geistig geartete Sinn. Das werden mir, denke ich, die meisten zugeben. Wünscht jemand hierüber nähere Belehrung, so verweise ich ihn an Steffens' Vorrede zu seinen »Karikaturen des Heiligsten«. Die Musik ist, außer der Sprache, das einzige Medium, das sich ans Ohr wendet. Hierin spricht sich weiter eine Analogie aus, und zugleich ein Zeugnis, in welchem Sinne die Musik eine Sprache ist. In der Natur gibt es vieles, was das Gehör trifft; dasjenige aber, was hier das Ohr berührt, ist das rein Sinnliche. Daher nennen wir die Natur stumm; und es ist eine lächerliche Einbildung, dass man etwas (ein ideell Empfundenes, Gedachtes, Gewolltes) höre, wenn man eine Kuh brüllen, oder - was größere Prätention zu machen scheint - eine Nachtigall schlagen hört. Eine Einbil-dung ist es, zu meinen, das eine habe au und für sich (abgesehen von dem, was wir hineinlegen) höheren Wert, als das andre, während es doch im Grunde alles gleichwertig ist.

Die Sprache hat ihr Element in der Zeit, alle übrigen Medien im Räume. Nur die Musik verläuft gleichfalls in der Zeit. Dieser Umstand ist wiederum eine Negation des Sinnlichen. Was die übrigen Künste hervorbringen, deutet eben dadurch ihre Sinnlichkeit an, dass es alles im Raume fernen Bestand hat. Nun gibt es anderseits vieles in der Natur, was in der Zeitfolge vor sich geht. Wenn z.B. ein Bach rieselt und fort und fort rieselt, so scheint darin eine gewisse Zeitbestimmung zu liegen. Indessen ist eine solche auch vorhanden, so ist sie doch eine räumlich bestimmte. Die Musik existiert nur in dem Augenblicke, wenn sie vorgetragen wird; denn verstände man es immerhin vortrefflich, Notenblätter zu lesen, so wäre, auch bei der lebhaftesten Einbildungskraft, doch nicht leugnen, dass die Musik, während sie gelesen wird, nur im uneigentlichen Sinne gegenwärtig ist. Eigentlich emittiert sie nur, solange Sie ausgeführt wird. Hierin könnte man eine Unvollkommenheit dieser Kunst erblicken, verglichen nämlich mit den andern Künsten, deren Schöpfungen, weil sie im Sinnlichen ihren Bestand haben, beständig bleiben. Jedoch ist dem nicht also. Hierin liegt gerade der Beweis, dass es eine höhere, eine geistigere Kunst ist.

Gehe ich nun von der Sprache aus, um zuletzt mir die Musik gleichsam herauszulauschen, so stellt die Sache sich ungefähr in diesem Lichte dar. Nehme ich an, dass Prosa die von der Musik entlegenste Sprachform sei, so bemerke ich doch schon im oratorischen Vortrage, in dem sonoren Periodenbau, dem Rhythmus und der Kadenz des Satzes, einen Anklang an das Musikalische, welcher im poetischen Vortrage stufenweise immer stärker hervortritt, in dem Bau des Verses, im Reim, bis endlich das Musikalische sich so mächtig entwickelt hat, dass die Sprache aufhört und alles Musik wird. Dies ist ja der Lieblingsausdruck der Dichter, wenn sie ausdrücken wollen, dass sie der Idee gleichsam Lebewohl sagen, welche ihnen ausgehe, dass alles sich in Musik auflöse (»Süße Liebe denkt in Tönen, denn Gedanken sind zu fern«). Hierin könnte nun anscheinend liegen, dass Musik ein noch vollkommeneres Medium sei, als die Sprache. Das ist indessen eins jener empfindsamen Mißverständnisse, wie sie nur in leeren Köpfen aufkommen können. Daß es ein Mißverständnis ist, soll späterhin nachgewiesen werden; hier begnüge ich mich, auf den merkwürdigen Umstand aufmerksam zu machen, daß, wenn ich mich in entgegengesetzter Richtung bewege, ich wiederum auf die Musik stoße, wenn ich nämlich von der begriffhaltigen Prosa abwärts gehe, bis ich bei Interjektionen anlange, welche wieder musikalisch lauten, sowie auch das erste Lallen des Kindes musikalisch ist. Was ergibt sich nun aber daraus, dass überall, wo die Sprache aufhört, das Musikalische nur begegnet? Dieses ist doch wohl der vollkommenste Ausdruck dafür, dass die Musik überall an die Sprache angrenzt. Hieraus wird man zugleich ersehen, wie es mit jenem Mißverständnis eigentlich bewandt ist, dass die Musik ein reicheres Medium sein solle, als die Sprache. Indem nämlich die Sprache aufhört, die Musik anhebt, indem man sagt, alles sei musikalisch, so Schreitet man nicht zu einer höheren Stufe fort: man geht zurück. Daher rührt es, - und hierin werden mir vielleicht auch Kundige recht geben - dass ich für die sublimere Musik, welche das Wortes nicht zu bedürfen meint, niemals rechte Sympathie gehabt habe. Solche Musik tritt in der Regel mit der Prätension auf, erhabener zu sein, als das Wort, obwohl sie unter ihm steht. Nun könnte man mir freilich einwenden: solle in der Tat die Sprache ein reicheres Medium sein, als die Musik, wie es alsdann zu begreifen sei, dass es mit so großen Schwierigkeiten verbunden ist, eine ästhetische Rechenschaft von allem Musikalischen abzulegen, zu begreifen, dass die Sprache sich hierbei stets als ein ärmeres Medium erweist, als die Musik? Dieses ist indes weder unbegreiflich, noch unerklärlich. Die Musik bringt nämlich beständig das Unmittelbare in seiner Unmittelbarkeit zum Ausdruck. Daher kommt es denn, dass die Musik im Verhältnis zur Sprache sowohl vorhergeht als nachfolgt, als Erstes und als Letztes sich zeigt; aber gerade daraus erhellt es auch, dass es ein Mißverständnis ist, zu sagen: die Musik sei ein vollkommeneres Medium. Der ausgebildeten Sprache liegt die Reflexion zu Grunde; deshalb vermag die Sprache nicht, das Unmittelbare auszusagen. Die Reflexion tötet das Unmittelbare; daher ist es unmöglich, das Musikalische in der Sprache auszusagen. Aber diese anscheinende Armut der Sprache ist gerade ihr Reichtum. Das Unmittelbare ist nämlich das Unbestimmbare; darum kann die Sprache es nicht in sich aufnehmen. Daß es aber das Unbestimmbare ist, hierin besteht nicht seine Vollkommenheit, vielmehr ein ihm anhaftender Mangel. Indirekterweise wird dies vielfach anerkannt. Wie häufig gebraucht man, auch wo von Dingen die Rede ist, die mit dem Musikalischen nichts zu tun haben, ein von der Musik entlehntes Wort, z.B. Ton (Tonart), Tempo, Takt, Harmonie u. a., und zwar, um etwas Unmittelbares, Unbestimmbares, ja Dunkles, mehr Geahntes als Bewusstes zu bezeichnen!


 © textlog.de 2004 • 12.12.2017 18:46:12 •
Seite zuletzt aktualisiert: 22.01.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright