Klassifikation der klassischen Werke unmöglich


Alle klassischen Schöpfungen stehen, wie ich vorhin bemerkt habe, gleich hoch, weil jede unendlich hoch steht. Will man also dessenungeachtet in diese Prozession eine gewisse Reihenfolge zu bringen suchen, so kann dieselbe, wie sich von selbst versteht, nicht auf etwas Wesentlichem beruhen; denn daraus würde ja folgen, dass ein wesentlicher Unterschied stattfinde, woraus sich ergäbe, dass man mit Unrecht das Prädikat »kläglich« von ihnen insgesamt gebraucht. Wollte man der Klassifikation z.B. die verschiedene Beschaffenheit des Stoffes zu Grunde legen, so würde man dadurch sich sogleich in ein Mißverständnis verwickeln, welches in seiner weiteren Ausdehnung zuletzt den ganzen Begriff des Klassischen aufheben dürfte. Der Stoff ist nämlich ein wesentliches Moment, sofern er der eine Faktor ist; er ist aber nicht das Absolute, das Eins und Alles. Man könnte darauf hinweisen, dass bei gewissen Arten klassischer Erzeugnisse gewissermaßen gar kein Stoff vorhanden ist, während der Stoff bei andern eine so bedeutende Rolle spielt. Ersteres ist der Fall bei den Werken, die wir als klassische bewundern, in der Architektur, Skulptur, Musik, Malerei, namentlich den drei erstgenannten, so dass selbst, was die Malerei angeht, sofern vom Stoffe die Rede ist, dieser doch zunächst nur die Bedeutung des gegebenen Anlasses hat. Das andere gilt von der Poesie, in der weitesten Bedeutung des Wortes, jede künstlerische Produktion bezeichnend, die auf der Sprache und zugleich dem geschichtlichen Bewußtsein beruht. Diese Bemerkung ist an sich ganz richtig; will man aber eine Klassifikation darauf begründen, so dass man den Mangel an Stoff als Vorteil, dessen Vorhandensein als ein gewisses Hemmnis für das produzierende Subjekt betrachtet, so verirrt man sich. Genau genommen, urgiert man alsdann das Gegenteil von dem, was man eigentlich urgieren möchte, wie's immer geht, wenn man abstrakt sich in dialektischen Bestimmungen bewegt, wo man nicht etwa nur das eine sagt, das andre meint; nein, man sagt das andre; was man zu sagen glaubt, sagt man nicht, man sagt das Gegenteil. Ebenso, wo man den Stoff als Einteilungsprinzip geltend macht. Während man hiervon redet, redet man eigentlich von etwas ganz andrem, nämlich von der gestaltenden Tätigkeit. Will man hingegen diese zu seinem Ausgangspunkte wählen und ausschließlich sie hervorheben, so hat man das nämliche Schicksal. Indem man hier den Unterschied recht geltend machen will, somit betonen, dass in einigen Richtungen die gestaltende Tätigkeit in dem Grade schöpferisch ist, dass sie den Stoff mit hervorbringt, wogegen sie in andern den Stoff empfängt, so redet man wiederum hier - wiewohl man von der gestaltenden Funktion zu reden vermeint - eigentlich von dem Stoffe, auf dessen Einteilung man die Klassifikation begründet. Um eine Rangfolge zu begründen, kann also niemals die eine der beiden Seiten gebraucht werden; denn diese ist immerdar zu wesentlich, um als zufällig gelten zu können, zu zufällig, um eine wesentliche Anordnung zu begründen. Aber diese absolut gegenseitige Durchdringung von Stoff und Form, dieses »wie du mir, so ich dir« in der unsterblichen Freundschaft alles Klassischen, kann dazu dienen, das Klassische von einer neuen Seite zu beleuchten und es so zu begrenzen, dass es nicht zu weitschichtig werde. Diejenigen Ästhetiker nämlich, welche einseitig die dichterische Arbeit urgierten, haben diesen Begriff allzusehr erweitert, so dass jenes erhabene Pantheon in solchem Grabe mit »klassischen« Schnurrpfeifereien und Bagatellen bereichert, ja überladen wurde, dass die gegebene Vorstellung von einer hohen Tempelhalle mit einzelnen auserwählten, großen Gestalten völlig verschwand, und aus einem Pantheon vielmehr zu einer Rumpelkammer ward. Jede kleine, in künstlerischer Hinsicht hübsch vollendete Arbeit ist dieser Ästhetik zufolge ein klassisches Werk, das auf absolute Unsterblichkeit rechnen darf; ja, solchen Kleinigkeiten räumte man bei diesem Hokuspokus am allermeisten ein. Obschon man im übrigen allen Paradoxien sehr abgeneigt war, scheute man sich dennoch nicht vor dem Paradoxon: in dem Kleinsten, dem an sich Geringfügigsten zeige sich eigentlich die Kunst. Das Unwahre liegt darin, dass man die formale Tätigkeit und ihre Schwierigkeiten einseitig hervorhob. Eine solche Ästhetik konnte sich nur an eine bestimmte Zeit halten, solange man nämlich übersah, dass die Zeit ihrer, samt ihren klassischen Werken, spottete. Auf dem Gebiete der Ästhetik war diese Anschauungsweise eine Form des Radikalismus, welcher sich auf so vielen Gebieten in entsprechender Weise geäußert hat; sie war eine Äußerung der ungezügelten Subjektivität in ihrer eben so zügellosen Inhaltsleere. Diese Richtung, dieses Interesse fand indessen, wie so manche andere, seinen Bezwinger in Hegel. Er, über welchen man sich nur allzu rasch hinweggesetzt hat, nachdem man vorher kopfüber in seine Philosophie hineingestürzt war, setzte wieder den Stoff, die Idee in ihre Rechte ein, und vertrieb dadurch diese flüchtigen »klassischen« Werke, diese leichten Wesen, Dämmerungsschwärmer, aus dem hochgewölbten Tempel der Klassizität. Es fällt mir nicht ein, den ihnen gebührenden Wert ableugnen zu wollen; aber es gilt, darüber zu wachen, dass hier nicht, wie in so manchen Punkten, die Sprache verwirrt, die Begriffe entnervt werden. Man mag ihr Verdienstliches anerkennen und so eine gewisse Ewigkeit ihnen beilegen, nämlich den ewigen Augenblick, den jede wahre Kunstleistung hat, welcher aber nicht gleichbedeutend ist mit jener vollkommenen Ewigkeit inmitten der wechselvollen Wandlungen des Zeitenlaufes. Was den bezeichneten Hervorbringungen fehlte, war die Idee; und je mehr sie in formaler Hinsicht vollendet waren, desto rascher verbrannten sie in sich selbst; je mehr die technische Fertigkeit zum höchsten Grade der Virtuosität entwickelt wurde, desto vergänglicher und flüchtiger ward diese selbst, ohne Mut und Kraft, ohne Halt, um dem Stürme der Zeit zu widerstehen. Nur wo die Idee zur Ruhe gebracht und in einer bestimmten Form durchsichtig geworden ist, kann von einem klassischen Werke die Rede sein. Dieses wird alsdann aber auch dem Strome der Zeit widerstehen können. Solche harmonische Einheit, solches Ineinanderaufgehen von Idee und Form ist jedem wahrhaft klassischen Werke eigen; daher ist jeder Versuch, die verschiedenen klassischen Werke zu klassifizieren, wobei man von einer Sonderung des Stoffes oder der Idee, und der Form ausgeht, eo ipso verfehlt.


 © textlog.de 2004 • 17.12.2017 16:57:18 •
Seite zuletzt aktualisiert: 22.01.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright