Höret Don Juan!


Und hier darf durchaus keine Nebenbetrachtung störend eingreifen. So könnte es jemand einfallen, zu fragen, wie alt Don Juan zu denken, ob er schön u.s.w. gewesen sei. Das Mißliche bei dergleichen Untersuchungen liegt darin, dass man leicht das Totale aus den Augen verliert, während man bei dem Einzelnen verweilt, als wäre es etwa seine männliche Schönheit, oder was man sonst nennen mag, gewesen, wodurch er verführt habe. Man sieht ihn alsdann, hört ihn aber nicht mehr, und hierdurch hat man ihn selbst verloren. Gesetzt also, ich wollte meinerseits dem Leser zu einer Anschauung Don Juans verhelfen und spräche: »Seht, da steht er; seht, wie sein Auge flammt und im sichern Vorgefühl des Sieges seine Lippe sich bei lächelnder Miene hebt; betrachte seinen königlichen Blick, welcher fordert, was des Kaisers ist; siehe, mit welcher Leichtigkeit er in den Tanz eintritt, wie stolz er seine Hand ausstreckt, wer auch die Glückliche sei, der sie geboten wird;« oder ich spräche: »Siehe, da steht er im Waldesschatten, lehnt sich an einen Baum, auf der Guitarre seinen bezaubernden, hinreißenden Gesang begleitend, und - siehe, hier verschwindet ein junges Kind zwischen den Bäumen, ängstlich wie ein aufgeschrecktes Wild, er aber übereilt sich durchaus nicht; weiß er doch, sie sucht ihn;« oder ich spräche: »Da ruht er am Ufer des Sees in der hellen Nacht, so schön, dass Luna auf ihrem Wege anhält und ihrer Jugendliebe gedenkt; so schön, dass die vorübergehenden Stadtmädchen viel darum gäben, ihn ganz heimlich küssen zu dürfen« - täte ich dies oder dergleichen, so würde der aufmerksamere Leser ausrufen: Seht, hier hat er sich alles verdorben, da er selbst vergessen hat, dass Don Juan nicht gesehen, sondern gehört werden soll. Darum tue ich's auch nicht, sondern sage: Höret Don Juan! Kannst du hierdurch keine Vorstellung, kein Bild von ihm bekommen, so kannst du's nie und nimmer. Höre den Anfang, die »Eröffnung« seines Lebens: gleichwie der Blitz sich herausarbeitet aus dem Dunkel der Wetterwolke, geradeso bricht er aus tiefem Lebensernste hervor, rascher als das Blitzes Flug, unsteter als dieser und dennoch eben so taktfest; höre, wie er in die gestaltenreiche Fülle des Menschenlebens hinabstürzt, wie er gegen die festen Dämme seiner Ordnungen anstürmt und sie durchbricht; - höre diese leichten, schwebenden Violintöne, höre der Freude Gruß, den Jubel der Sinnenlust, die festliche Wonne des Genusses; höre seine wilde Jagd, wie er sich selbst vorbeieilt, immer hastiger, immer unaufhaltsamer; höre dieses ungezügelte Toben der Begierde und Leidenschaft, höre wieder das einschmeichelnde Säuseln der Liebe, die flüsternde Stimme des Versuchers, den tollen Taumel der Verführung, höre die Stille des Augenblicks. Ja, hört, hört, hört Mozarts Don Juan!



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 22.01.2006 
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