Don Juan als Idee und Individuum


Was hier über die Sage vom Don Juan gesagt ist, würde hier nicht seinen Platz gefunden haben, stände es nicht in einem näheren Verhältnis zu dem Gegenstande gegenwärtiger Untersuchung, diente es nicht dazu, den Gedanken seinem Ziele entgegenzuführen. Der Grund, weshalb diese Idee im Vergleiche mit der des Faust eine so dürftige Vorgeschichte hat, ist unstreitig dieser, dass etwas Rätselhaftes in ihr lag, solange man nicht einsah, dass ihr eigentliches Medium die Musik sei. Faust ist an sich Idee, aber eine solche, die zugleich ein Individuum darstellt. Das Geistig-Dämonische sich in einem Individuum konzentriert vorzustellen, ist die eigne Frucht und Konsequenz des Denkprozesses, wogegen es untunlich ist, die Fülle der Sinnlichkeit und Sinnenlust in einem und demselben Individuum zu sehen. Don Juan schwebt beständig zwischen seiner Existenz als Idee - das heißt Kraft, Leben - und als Individuum. Dieses Schweben ist gleichsam das musikalische Zittern oder Vibrieren. Während das im Unwetter empörte Meer sich auf und ab bewegt, so erzeugen die schäumenden Wogen, unter dieser Unruhe, allerlei Bilder wie Wesen; es ist, als seien es diese Wesen, welche die Wogen in Aufruhr bringen, während es doch umgekehrt das Gewoge des Meeres ist, was sie erzeugt. So ist Don Juan ein Bild, welches beständig erscheint, aber keine Gestalt noch Konsistenz gewinnt, ein Individuum, das sich immerfort gestaltet, aber nie fertig wird, von dessen Geschichte man nichts vernimmt, es sei denn, dass man dem Getöse der Wogen horcht. Wird Don Juan beständig aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, alsdann kommt in alles Sinn und tiefe Bedeutung. Denke ich mir ein einzelnes Individuum, oder habe ich dieses im Auge, so wird es einfach lächerlich, dass dasselbe 1003 Fräulein in sich verliebt gemacht und verführt habe; man fragt: wen denn und wie? Die Naivität der Sage und des Volksglaubens kann so etwas aussprechen, ohne das Lächerliche zu ahnen; aber für ein verständiges Nachdenken ist es schlechterdings nicht. Wird er dagegen musikalisch aufgefaßt, dann habe ich nicht das einzelne Individuum; dann habe ich die Naturmacht, das Dämonische, was ebensowenig des Verführens müde, oder hiermit fertig wird, wie der Wind müde wird zu stürmen, das Meer zu wallen, oder ein Wasserfall, sich von seiner Höhe herabzustürzen. Insofern kann die Zahl der Verführten ebenso gut eine beliebig andre, weit größere sein. Es ist manchmal keine leichte Arbeit für den Übersetzer eines Operntextes, den Ausdruck so zu treffen, dass die Worte nicht nur singbar sind, sondern dem Sinne nach einigermaßen mit dem italienischen Texte und so mit der Musik harmonieren. Als ein Beispiel, wie dies zuweilen ganz gleichgültig ist, führe ich die Zahlgrößen in Leporellos Register an, ohne dass ich übrigens so leichthin wie manche Leute dafür halte, auf dergleichen komme nichts an. Ich nehme vielmehr die Sache in hohem Grade ästhetisch ernst; und darum halte ich dergleichen hier für gleichgültig. Nur will ich eine Eigenschaft bei der Zahl 1003 lobend hervorheben, dass sie nämlich ungleich und zufällig ist, ein gar nicht unwichtiger Umstand; denn er macht den Eindruck, dass die Liste noch keineswegs abgeschlossen, Don Juan im Gegenteil in der Fahrt Sei. Man kann kaum umhin, den Leporello zu beklagen, welcher nicht allein Wache vor der Tür halten muß, Sondern daneben eine weitläufige Buchführung hat, mit welcher ein routinierter Kanzleisekretär genug zu schaffen hätte.


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