Das lyrische Moment: die Champagner-Arie


Fragt man, wo das lyrische Moment in der Oper am stärksten hervortrete, so kann hier, wo alles sich dem einen Don Juan unterordnet, seine Nebenperson dermaßen in den Vordergrund treten, dass sie unsre ganze Aufmerksamkeit hinnimmt. Dies hat auch Mozart wohl beachtet. Es kann bei jener Frage entweder nur der erste Teil des großen Finale, also die Tafelszene in Betracht kommen, oder die bekannte Champagner-Arie. Was die erstere betrifft, so läßt sie sich wohl bis zu einem gewissen Grade als lyrisches Moment betrachten; und die berauschende Herzstärkung der Mahlzeit, der schäumende Wein, die fernen Festklänge der Musik, alles vereinigt sich, um Don Juans Stimmung zu potenzieren, sowie denn seine eigne festliche Haltung ein gesteigertes Licht über die ganze Genußszene verbreitet. Und dies wirkt dergestalt, dass selbst Leporello in diesem Augenblicke über sich hinaus gehoben wird, einem Augenblicke, welcher das letzte Lächeln der Freude, den Abschiedsgruß des Genußlebens bedeutet. Indes ist dies doch mehr eine Situation, als ein bloß lyrisches Moment. Das beruht natürlich nicht darauf, dass auf der Bühne gegessen und getrunken wird: denn dadurch wird noch bei weitem keine Situation zuwegegebracht. Die Situation liegt darin, dass Don Juan hinausgedrängt ist bis auf die äußerste Klippe des Lebens. Verfolgt von der ganzen Welt, hat jener siegreiche Don Juan jetzt keinen Aufenthalt außer einem abseits gelegenen Zimmerchen. Diese äußerste Spitze auf dem Schaukelbrette des Lebens einnehmend, aller lustigen Gesellschaft entbehrend, entflammt er noch einmal alle Lebenslust in seiner Brust. Wäre »Don Juan« ein Drama, so würde die innere Unruhe der Situation erfordern, dass sie so kurz wie möglich ausfiele. Für die Oper dagegen ist es in der Ordnung, dass die Situation festgehalten, in möglichster Üppigkeit verherrlicht wird. Diese rauscht desto wilder an uns vorüber, weil sie unserm Ohre widerhallt aus dem Abgrunde, über welchem Don Juan schwebt.

Anders verhält es sich mit der Champagner-Arie. Eine dramatische Situation wird man, wie ich glaube, hier vergeblich suchen; desto mehr Bedeutung hat sie aber als lyrische Herzensergießung. Don Juan ist der vielen sich kreuzenden Intriguen müde. Indes ist er selbst keineswegs ermattet; seine Seele ist noch so lebenskräftig wie je; ihn verlangt nach muntrer Gesellschaft, nicht um hier das Geschäume des Weins zu sehen und zu hören, oder um hierdurch sich zu beleben: nein, die innere Vitalität bricht aus ihm stärker und reicher als je hervor. Ideal ist er durchgehends von Mozart aufgefaßt, nämlich als Leben, als Macht, aber ideal einer Wirklichkeit gegenüber. Hier ist er gleichsam ideal in und aus sich selbst berauscht. Wenn alle Mädchen der Welt in diesem Augenblicke ihn umgäben, so würde er ihnen nicht gefährlich sein: denn er ist gewissermaßen zu stark, um sie jetzt betören zu wollen; selbst die wechselvollsten Genüsse der Wirklichkeit dünken ihm zu gering, verglichen nämlich mit dem, was er in sich selbst genießt. Hier offenbart es sich recht, was es heißt, dass Don Juans Wesen Musik ist. Er löst sich für uns gleichsam in Musik auf; er entfaltet sich von innen heraus zu einer Welt von Tönen. Die Bezeichnung, die man dieser Arie gegeben hat: »Champagner-Arie«, ist unleugbar sehr treffend. Was aber vor anderm beachtenswert ist: sie steht zu Don Juan nicht in einem zufälligen Verhältnis. Geradeso ist sein Leben, brausend und schäu-mend, wie Champagner im Kelche. Und sowie in diesem Weine, während er in innerer Glut siedet, die Perlen, tonreich in ihrer eignen Melodie, emporsteigen und immer aufs neue emporsteigen: also tönt in der elementarischen Wallung, aus welcher sein Leben besteht, die sinnliche Lust des Genusses wider. Was daher dieser Arie dramatische Bedeutung gibt, ist nicht die Situation, sondern dies, dass der Grundton der Oper hier in sich selbst erklingt und widerklingt.


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