Das Don-Juan-Epos


Was ich hiermit meine, will ich an einem Beispiel, nämlich an jener zweiten Dienersarie erläutern: dem Register der Verführten. Diese Nummer läßt sich als das eigentliche Don Juan-Epos betrachten. Man gebe nur einmal selbst dem begabtesten, mit allem Erforderlichen hierzu ausgestatteten Dichter die Aufgabe, diesen Helden episch zu besingen. Was wird die Folge sein? Er wird niemals fertig werden, wie das die Art des Epos ist, so lange sich fortspinnen zu können, wie's dem Epiker beliebt. Dieser wird in die nicht zu erschöpfende Mannigfaltigkeit des Stoffes eingehen und immer andres Ergötzliche bringen, niemals aber die Wirkung hervorbringen, wie Mozart. Denn würde er auch zuletzt fertig, so hätte er doch nicht die Hälfte von dem gesagt, was Mozart in dieser einen Nummer zum Ausdruck gebracht hat. Der Musiker hat sich nun gar nicht auf die Mannigfaltigkeit eingelassen: gewisse große Gestaltungen sind es, die sich vor uns vorüberbewegen. Der hinreichende Grund hierfür liegt in dem Medium, der Musik selbst. Das musikalische Epos fällt daher verhältnismäßig kurz ans; und dennoch hat es in unvergleichlicher Weise die epische Eigenschaft, fortfahren zu können, solange es sein soll, da man es ja beständig von vorne anfangen lassen und es hören und wieder hören kann. Man hört hier nicht Don Juan als ein einzelnes Individuum, nicht seine Rede; sondern man hört nur seine Stimme, die Stimme der Sinnlichkeit, und diese hört man mitten unter den Sehnsuchtsseufzern der Weiblichkeit. Nur auf diese Weise kann Don Juan episch werden, dass er beständig fertig wird und beständig von vorne anfangen kann: denn sein Leben ist die Summe repellierender (einander stets abstoßender) Momente, welche unter sich keinen Zusammenhang haben. So schwebt Don Juan zwischen der Existenz als Individuum und derjenigen als Naturkraft. Daher ist es ganz in her Ordnung und von tiefer innerer Bedeutung, dass in der eingehend geschilderten Verführung, nämlich der Zerline, das Mädchen als gewöhnliches Bauernmädchen erscheint. Wer durchaus ein ungewöhnliches Mädchen in ihr sehen will, beweist, dass er Mozart total mißverstanden und falsche Kategorien angewandt hat. Absichtlich hat Mozart die Zerline so unbedeutend wie möglich gehalten, worauf auch Hotho aufmerksam macht, ohne doch den tieferen Grund dafür wahrzunehmen. Wäre nämlich Don Juans Liebe eine andre als bloß sinnliche, wäre er ein Verführer mit etwas höheren Ansprüchen gewesen - ein solcher wird später in Betracht kommen -, alsdann würde es als ein Hauptfehler der Oper zu rügen sein, dass die Heldin der hier verlaufenden Verführung ein kleines Bauernmädchen ist. Dann wäre es vom ästhetischen Standpunkte aus erforderlich gewesen, ihm eine schwierigere Aufgabe zu stellen. Für Don Juan gelten diese Unterschiebe nicht. Er selbst würde vielleicht sagen: »Ihr irrt euch in mir; ich will ja kein Ehemann sein, her einer Erkornen zu seinem Glücke bedarf; was mich beglückt, finde ich bei jeher, und daher nehme ich sie alle.« So ist jenes oben citierte Wort zu verstehen: »Ja, sechzigjährige Kokette,« oder jenes andre Wort: »pour chè porti la gonella, voi sa-pete, quel chè fà.« Zerline ist jung und hübsch, worin hundert ihr gleich sind. Für Don Juan ist jede wie alle, jedes Liebesabenteuer eine Alltagsgeschichte. Gingen Don Juans Anforderungen höher hinaus, so würde er aufhören, absolut musikalisch zu sein; so verlangte schon die ästhetische Rücksicht einen geistigen Austausch, Wort und Replik. Auch von einer andern Seite läßt sich die innere Struktur des Stückes beleuchten. Elvira ist dem Don Juan eine gefährliche Feindin. Er fürchtet sie. Nun vermeint wohl der eine und andre Ästhetiker, das komme daher, weil sie ein ungewöhnliches Mädchen u.s.w. sei. Das ist aber fehlgeschossen: sie ist ihm gefährlich, weil sie sich hat verführen lassen. Durchaus in demselben Sinne wird ihm Zerline gefährlich, wenn sie die Verführte ist. Dadurch wird sie gewissermaßen in eine andre Sphäre erhoben; jetzt regt sich in ihr ein (sittliches) Bewußtsein, von welchem Don Juan nichts weiß. Aus diesem Grunde ist Elvira ihm gefährlich.


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