Don Juan und Faust als Gestalten des Mittelalters


Wann die Idee des Don Juan entstanden ist? - Nur so viel ist gewiß, dass sie dem Christentum, und hierdurch wieder dem Mittelalter angehört. Könnte man nicht mit ziemlicher Sicherheit die Idee, bis auf diesen weltgeschichtlichen Abschnitt des menschlichen Bewußtseins zurück, verfolgen, so müßte schon vor dem innern Charakter der Idee selbst jeder Zweifel schwinden. Das Mittalter wird überhaupt durch den Begriff der Repräsentation charakterisiert, welchen es teils bewußt, teils unbewußt verwirklichte. Das Ganze wird in einem einzelnen Individuum repräsentiert, jedoch so, dass es nur eine einzelne Seite ist, die, als Totalität gefaßt, jetzt in einem einzelnen Individuum zu Tage tritt, welches daher ebensowohl mehr, als weniger ist, denn ein wirkliches Individuum. Neben jenem Individuum steht alsdann ein zweites Individuum, welches den Inhalt des Lebens von einer andern Seite, und zwar ebenso total, repräsentiert: so der Ritter und der Scholastiker, der Geistliche und der Laie, der Bekenner und her Leugner. Die großartige Dialektik des Lebens wird hier beständig in Repräsentativ-Individuen veranschaulicht, welche meistens paarweise sich gegenüberstehen. Das Leben ist immerdar nur sub una specie vorhanden; und die große dialektische Einheit, welche das Leben sub utraque specie beherrscht, wird nicht geahnt. Der tieferen Harmonie der Gegensätze ward das Mittelalter sich nicht bewußt. So realisiert es unbewußt selbst die Idee der Repräsentation, während erst eine spätere Betrachtung die Idee darin erkennt. Es liebt dem einen Individuum, dem Repräsentanten der Idee, ein andres zur Seite zu stellen, gewöhnlich als komischen Begleiter, welcher gleichsam der das wirkliche Leben unverhältnismäßig überragenden Größe des andern abzuhelfen hat. So hat der König den Narren, Faust den Wagner, Don Quixote den Sancho Pansa, endlich Don Juan den Leporello neben sich. Diese Formation gehört gleichfalls wesentlich dem Mittelalter an.

Die Idee, welche uns hier beschäftigt, ist also das Eigentum des Mittelalters, nicht aber eines einzelnen Dichters. Sie ist eine jener urkräftigen Ideen, die mit autochthonischer Ursprünglichkeit aus der innern Welt des Volkslebens hervorbrechen. Den durch das Christentum in die Welt eingeführten Kampf zwischen dem Fleische und dem Geiste mußte das Mittelalter zum Gegenstand seiner Betrachtung machen, und zu dem Ende jede der Streitenden Kräfte anschaulich hinstellen. Don Juan ist nun, so zu sagen, die Inkarnation des Fleisches, oder die Beseelung des Fleisches durch den eignen Geist des Fleisches, was schon im vorhergehenden hinreichend hervorgehoben ist. Hier möchte ich dagegen die Frage zur Sprache bringen: ob man Don Juan in das frühere, oder das spätere Mittelalter versetzen müsse? Entweder ist er nur die in sich zwiespältige, mißverstandene Antizipation des Erotischen, wie sie in dem Ritter erschien; oder das Ritterwesen ist ein nur noch relativer Gegensatz gegen den Geist, und erst indem der Gegensatz sich noch tiefer klüftete, erst später kam der Don Juan, als die personifizierte Sinnenlust, welche auf Tod und Leben wider den Geist streitet, zur Erscheinung. Die Erotik des Rittertums hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der des Griechentums, welche ebenso, wie jene, psychisch bestimmt war. Ein Unterschied zeigte sich darin, daß, während in der ritterli-chen Minne die Idee der Weiblichkeit eine große Rolle spielte, sie im hellenischen Leben völlig zurücktrat. Die schöne Individualität war alles; von der echten Weiblichkeit hatte man keine Ahnung. Auch im mittelalterlichen Bewußtsein stand die Erotik des Ritters in einem einigermaßen versöhnlichen Verhältnis zum Geiste, wiewohl dieser in seiner eifernden Strenge sie mit argwöhnischem Auge ansehen mochte. Geht man nun davon aus, dass das Prinzip des Geistes in die Welt hineingestellt ist, so kann man sich ja allerdings vorstellen, dass zunächst der grellste Kontrast, die himmelschreiendste Scheidung beider Mächte sich geltend machte, welche aber im Laufe der Jahre sich milderte. In diesem Falle gehört Don Juan dem früheren Mittelalter an. Nimmt man dagegen an, dass das Verhältnis sich sukzessive zu diesem absoluten Gegensatze entwickelt hat, wie's auch das Natürlichere ist, sofern der Geist immer mehr seine Aktien aus der vereinigten Firma herauszieht, um allein zu wirken und zu herrschen, wobei es dann erst zu dem eigentlichen skandalon kommt: So gehört Don Juan dem Späteren Mittelalter an. So werden wir zu dem Zeitpunkte hingeführt, wo das Mittelalter sich zu heben anfing, und wo wir denn auch einer verwandten Idee begegnen, nämlich dem Faust, nur dass Don Juan ein wenig früher gefetzt werden muß. Indem der Geist, einzig und allein als solcher gefaßt, von dieser Welt sich lossagt, und in dem Gefühle, dass diese nicht nur seine Heimat nicht sei, sondern nicht einmal sein Schau- und Wirkungsplatz, sich in die höheren Regionen zurückzieht: so überläßt er das Weltwesen als Tummelplatz derjenigen Macht, welche ihm allezeit, sowie er ihr, zuwider gewesen ist und welcher er hier seinen eignen Platz einräumt. Während also der Geist sich löst von dieser Erde und seine eignen Wege geht, tritt die Sinnlichkeit in ihrer ganzen Macht auf. Diese hat gegen den Tausch nichts einzuwenden; ja sie gewinnt bei dieser Trennung und ist froh, dass die Kirche ihnen nicht zuredet, zusammenzubleiben, vielmehr das sie bisher zusammenhaltende Band durchschaut. Stärker als je zuvor erwacht jetzt die Sinnlichkeit in ihrem ganzen Umfange, ihrer Lust und ihrem Jubel. Und gleichwie jener Einsiedler in der Natur, das eingeschlossene Echo - welches nie jemanden zuerst anredet, auch nicht redet, ohne gefragt zu sein -, so großes Gefallen am Jagdhorn des Ritters und seinen Minneliedern, an dem Hundegebell, dem Schnauben der Rosse fand, dass er niemals müde ward, es zu wiederholen, und zuletzt, um es nicht zu vergessen, ganz leise, nur wie sich selbst vorsummte, so ward die ganze, weite Welt eine von allen Seiten widerhallende Wohnstätte des Weltgeistes der Sinnenlust, nachdem der Geist die Welt verlassen hatte. Das Mittelalter weiß viel von einem Berge zu reden, welcher auf keiner Landkarte gefunden ist: er heißt der Venus-Berg. Hier hat die Sinnlichkeit ihre Heimat, hier feiert sie ihre wilden Freudenfeste: denn sie ist ein Reich, ein Staat. In diesem Reiche ist weder die echt menschliche Sprache daheim, noch die Besonnenheit des Gedankens, noch der mühevolle Erwerb der Forschung: hier erschaut nur die elementare Stimme der Leidenschaft, das Spiel der Lüfte, das wüste Gelärme der Berauschten; hier wird nur in ewigem Taumel genossen. Der Erstgeborne dieses Reiches ist Don Juan. Daß es das Reich der Sünde sei, ist hiermit noch nicht ausgesprochen, sofern es zunächst in ästhetischer Indifferenz erscheint. Erst, indem das aufgeschreckte Gewissen und die Reflexion hinzutreten, offenbart es sich als das Sündenreich. Dann ist aber Don Juan tot, und die Musik verstummt; dann erblickt man nichts als den verzweifelten Trotz, welcher sich ohnmächtig entgegenstemmt, aber keinerlei Konsistenz, es wäre denn in Tönen, finden kann. Indem die Sinnenlust als dasjenige erscheint, was zu bannen und auszuschließen ist, und womit der Geist nichts zu schaffen haben will, ohne dass dieser doch schon das schließliche Urteil gefällt hat: so nimmt das Sinnliche die Gestalt des Dämonischen an, bei ästhetischer Indifferenz. Jenes ist nur Sache eines Augenblicks; bald ist die ganze Szene verwandelt, und auch die Musik vorbei. Faust und Don Juan sind Titanen und Giganten des Mittelalters, welche, was die Großartigkeit ihres Strebens und Ringens betrifft, von denen in der mythischen Vorzeit sich nicht unterscheiden, wohl aber darin, dass sie isoliert dastehen, keine Vereinigung von Kräften darstellen, welche erst durch Vereinigung zu himmelstürmenden werden; vielmehr ist alle Kraft in diesem einen Individuum konzentriert.



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