Musik als Medium der abstrakten Idee,
der sinnlichen Genialität


Man könnte sich auch einen andern Weg denken. Man könnte das Medium, durch welches die Idee sichtbar wird, zum Gegenstande von Betrachtungen machen, und indem man bemerkte, dass das eine Medium reicher, das andere dürftiger sei, hierauf die Einteilung begründen, so dass man in dem größeren oder geringeren Reichtum, resp. Mangel des Mediums, einerseits eine Erleichterung, anderseits eine Erschwerung der Kunst erblickte. Allein das Medium steht in einem zu notwendigen Zusammenhange mit der ganzen Kunstschöpfung, als dass eine hierauf beruhende Einteilung sich nicht ebenfalls in die vorhin hervorgehobenen Schwierigkeiten verwickeln sollte.

Dagegen glaube ich durch folgende Betrachtungen die Aussicht auf eine Einteilung zu eröffnen, welche eben darum, weil sie eine durchaus zufällige ist, zur Geltung kommen dürfte. Je abstrakter, also je ärmer zugleich die Idee ist, je abstrakter, also je ärmer auch das Medium ist, desto größere Wahrscheinlichkeit findet statt, dass eine Wiederholung gar nicht denkbar ist, daß, wenn die Idee ihren Ausdruck gefunden hat, sie ihn ein für allemal gefunden hat. Je konkreter dagegen und je reicher also die Idee ist, ebenso wie das Medium, desto wahrscheinlicher ist eine Wiederholung. Indem ich nun alle die verschiedenen klassischen Werke nebeneinander stelle, und ohne sie rangieren zu wollen mich eben darüber wundere, dass sie alle gleich hoch stehen, so wird es sich doch ergeben, dass die eine Sektion mehr Arbeiten zählt, als die andre, oder, falls dem nicht also ist, jedenfalls die Möglichkeit vorliegt, dass sie es könne, während sich nicht so leicht für eine andre eine derartige Möglichkeit zeigt.

Dies will ich etwas weiter entwickeln. Je abstrakter also die Idee, desto geringere Wahrscheinlichkeit. Wodurch aber wird die Idee konkret? Dadurch, dass sie vom Geschichtlichen durchtränkt ist. Je konkreter die Idee, desto größere Wahrscheinlichkeit. Je abstrakter das Medium ist, desto weniger Wahrscheinlichkeit, je konkreter das Medium, desto mehr. Aber was will dies, dass das Medium ein konkretes sei, andres sagen, als dass es der Sprache sich mehr oder weniger annähert; denn die Sprache ist von allen Medien das konkreteste. So ist die in der Skulptur zur Erscheinung kommende Idee durchaus abstrakt, steht kaum in einer Beziehung zu einem geschichtlichen Hergange; das Medium, durch welches sie in die Erscheinung tritt (Stein, Holz, Erz), ist ebenfalls abstrakt; also ist große Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Sektion der zur Skulptur gehörigen klassischen Arbeiten sich auf wenige beschränken wird. In dieser Hinsicht darf ich mich auf das Zeugnis der Zeit und der Erfahrung berufen. Nehme ich dagegen eine konkrete Idee und dazu ein konkretes Medium, so zeigt es sich anders. Homer ist gewiß ein klassischer epischer Dichter; aber weil die im Epos sich offenbarende Idee eine durchaus konkrete, und weil das Medium die Sprache ist, darum lassen sich in der Sektion der klassischen Werke, welche die epische Poesie umfaßt, mehrere mit Fug und Recht klassische Werke denken, weil ja die Geschichte unablässig neuen epischen Stoff absetzt. Auch in dieser Hinsicht steht das Zeugnis der Erfahrung auf meiner Seite.

Man wird mir vielleicht entgegenhalten, dass eine also begründete Einteilung zu sehr den Charakter bloßer Zufälligkeit trage. Aber man irrt sich; man vergißt, dass sie nicht anders als zufällig sein kann. Es ist durchaus etwas Zufälliges, dass die eine Sektion eine größere Anzahl Werke zählt, oder doch zählen kann, als die andre. Man wolle zugleich den Umstand in Betracht ziehen, dass die Sektionen, welche die konkreten Ideen umfassen, durchaus nicht abgeschlossen sind und sich nicht abschließen lassen. Daher ist es das Natürliche, die andern voran zu stellen, und im Hinblick auf die zuletzt besprochenen beständig die Flügeltüren offen stehen zu lassen. Würde dagegen jemand sagen: dieses sei bei jener ersten Klasse doch eine Unvollkommenheit, ein Mangel, so pflügt ein solcher außerhalb der Furchen meiner Betrachtung, und ich kann auf seine Rede, wie gründlich sie auch sein mag, nicht achten. Denn das bleibt doch der zu behauptende feste Punkt, dass alles wirklich Klassische, aus dem wesentlichen Gesichtspunkte betrachtet, gleich vollkommen ist.

Welche Idee ist nun aber die abstrakteste? Hier handelt es sich natürlich nur um eine solche Idee, die Gegenstand künstlerischer Behandlung sein kann, nicht um Ideen, die sich für wissenschaftliche Darstellung eignen. Und welches Medium ist das abstrakteste? Letztere Frage will ich zuvörderst beantworten. Es ist das von der Sprache am meisten entfernte Medium.

Hierbei sei an einen Umstand erinnert. Das abstrakteste Medium hat also zu seinem Gegenstande keineswegs immer die abstrakteste Idee. So ist das von der Architektur gebrauchte Medium zwar das abstrakteste; dennoch sind die Ideen, die in der Architektur zum Ausdruck kommen, durchaus nicht die abstraktesten. Die Baukunst steht in einem weit näheren Verhältnis zur Geschichte, als z.B. die Skulptur.

Die abstrakteste Idee, die sich denken läßt, ist - die sinnliche Genialität. Aber durch welches Medium läßt sie sich darstellen? Einzig und allein - durch die Musik. - In Skulptur läßt sie sich nicht darstellen: denn sie ist an und für sich etwas Innerliches, eine Sinnesart. Ebensowenig läßt sie sich malen: denn sie läßt sich nicht in einen bestimmten Umriß fassen, da sie, in allem ihrem lyrischen Schwunge, eine Kraft, ein Sturm, eine Leidenschaft ist, und das nicht in einem einzelnen Momente, sondern in einer langen Folge von Momenten. Letzteres drückt gewissermaßen ihren epischen Charakter aus, welcher indessen nicht zu Worten kommt, sondern sich beständig in der Unmittelbarkeit des Gefühls regt. Poetisch läßt sie sich auch nicht darstellen. Das einzige Medium zu ihrer Darstellung ist die Musik. Diese schließt nämlich zwar ein Moment der Zeit in sich, verläuft jedoch nicht in der Zeit, es wäre denn in uneigentlichem Sinne. Jedenfalls vermag sie das Geschichtliche der Zeit nicht auszudrücken.


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