Die unmittelbar-erotischen Stadien von
Mozarts Don Juan ausgehend


Was nun die unmittelbar-erotischen Stadien betrifft, so verdanke ich, wie gesagt, Mozart alles, was ich darüber mitteilen kann. Da jedoch die Zusammenstellung, die ich hier versuchen will, nur indirekt, mittels einer Kombination des Geistes, auf ihn zurückgeführt werden kann, so habe ich zuvor mich geprüft, ob ich in irgend einer Hinsicht mir selbst oder einem Leser die bewundernde Freude an Mozarts unsterblichen Arbeiten stören könnte. Wer Mozart in seiner wahren, unsterblichen Größe sehen will, muß sich in den Genuß seines Don Juan versenken, welchem gegenüber alles andre zufällig, unwesentlich ist. Betrachtet man nun den Don Juan so, dass man Einzelheiten aus den andern Mozartschen Opern (um von seinen übrigen Werken zu schweigen) gleichfalls unter diesem Gesichtspunkte sieht, so wird man, wie ich überzeugt bin, weder den Meister verkleinern, noch sich selbst oder seinem Nächsten dadurch einen Schaden zufügen. Man wird alsdann Gelegenheit finden, sich darüber zu freuen, dass das, was die eigentliche Potenz der Musik ausmacht, in Mozarts Musik erschöpft ist.

Wenn ich übrigens im vorhergehenden den Ausdruck: Stadium gebraucht habe und im folgenden dabei beharren werde, so darf er nicht dermaßen urgiert werden, als ob jedes derselben selbständig für sich existierte, das eine außerhalb des andern. Treffender wäre vielleicht die Bezeichnung: Metamorphose. Die einzelnen Stadien sind vielmehr Offenbarungen eines und desselben Prädikates (der Unmittelbarkeit), also dass sie alle zuletzt in das eigentliche, höchste Stadium aufgehen. Diesem gegenüber tragen sie den Stempel der Zufälligkeit. Da sie indes einen besondern Ausdruck in Mozarts Musik gefunden haben, so werde ich sie einzeln erwähnen. Daß man nur nicht dabei an verschiedene Bewußtseinsstufen denke! Nein, sogar das letzte Stadium ist noch nicht ins Bewußtsein getreten. Hier ist beständig nur vom Unmittelbaren die Rede.

Die Schwierigkeiten, denen immer derjenige begegnet, der Musik zum Gegenstande ästhetischer Betrachtung machen will, bleiben natürlich auch hier nicht aus. Die Schwierigkeit, mit der ich im vorhergehenden zu kämpfen hatte, lag vornehmlich darin, daß, während ich auf dem Wege des Gedankens beweisen wollte, dass sinnliche Genialität der wesentliche Gegenstand und Inhalt der Musik sei, dieses doch eigentlich nur durch Musik selbst bewiesen werden kann, sowie ich ja persönlich auch nur auf diesem Wege zu solcher Erkenntnis gekommen bin. Die Schwierigkeit, mit der der Nachfolgende zu kämpfen hat, besteht zunächst darin, daß, was die Musik ausdrückt, hier mit Worten beschrieben werden soll, und doch die Sprache dazu so dürftig ist im Vergleiche mit der Musik, welche dasselbe weit vollkommener vermag. Ja, hätte ich mit verschiedenen Bewußtseinsstufen zu tun, alsdann bliebe natürlich der Vorteil auf meiner Seite und derjenigen der Sprache; aber das ist hier eben nicht der Fall. Was also im folgenden erörtert wird, hat nur Bedeutung für den, welcher gehört hat und auch ferner hören will. Für diesen kann es vielleicht diesen und jenen Wink enthalten, der ihn ermuntern kann, wieder und wieder zu hören.


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