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Das Auge hinterwärts gedreht: so sitzt der Weise

und überdenkt sich still-bewegt die Jahreskreise,

und wie sie so, und dass sie ohne Schluß ...

wo unsereins bestimmt mal abgehn muß.

 

Hier überkommen ihn die trüben Sentimenter:

er greift zum grünen Curaçao (denn den kennt er)

und schlürft das Gift und sieht das alte Jahr,

und wie es gar nicht allzu fröhlich war.

 

Da ist zum ersten immerhin die Balkanmesse,

zum zweiten – heu nos miseros! – die Börsenbaisse,

zum dritten, vierten ... Doch stets trostbereit

in aller Trübsal blieb der Gattin Zärtlichkeit.

 

Und du, mein Blatt, jährst dich zum zehnten Mal auf Erden!

Du brauchst nicht (auf dem Umschlag) dunkelrot zu werden!

Wir alle altern – du allein bleibst jung!

Begleite uns auf unsrer Wanderung!

 

Prost Neu ... ja, ja! Der Curaçao und Silvester

bedrücken dich, mein Sohn – zieh dir den Leibgurt fester!

Verlaß Mama Philosophias Schoß:

Eins, zwei – und los!

 

 

Theobald Tiger

Die Schaubühne, 01.01.1914, Nr. 1, S. 27.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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