Berliner Fasching


Nun spuckt sich der Berliner in die Hände

und macht sich an das Werk der Fröhlichkeit.

Er schuftet sich von Anfang bis zu Ende

durch diese Faschingszeit.

 

Da hört man plötzlich von den höchsten Stufen

der eleganten Weltgesellschaft längs

der Spree und den Kanälen lockend rufen:

»Rin in die Eskarpins!«

 

Und diese Laune, diese Grazie, weißte,

die hat natürlich alle angesteckt;

die Hand, die tagshindurch Satin verschleißte,

winkt ganz leschehr nach Sekt.

 

Die Dame faschingt so auf ihre Weise:

gibt man ihr einmal schon im Jahr Lizenz,

dann knutscht sie sich in streng geschlossnem Kreise,

fern jeder Konkurrenz.

 

Und auch der Mittelstand fühlts im Gemüte:

er macht den Bockbierfaßhahn nicht mehr zu,

umspannt das Haupt mit einer bunten Tüte

und rufet froh: »Juhu!«

 

Ja, selbst der Weise schätzt nicht nur die hehre

Philosophie: auch er bedarf des Weins!

Leicht angefüllt geht er bei seine Claire,

Berlin radaut, er lächelt ...

Jeder seins.

 

 

Theobald Tiger

Die Schaubühne, 12.02.1914, Nr. 7, S. 199,

wieder in: Fromme Gesänge.





 © textlog.de 2004-2019 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright