Volksseele

Volksseele ist ein von Herder geschaffenes Schlagwort für die geheime Schaffenskraft des Volkes und die Empfindung der Gesamtheit. Vgl. Herder 3, 27 (1769): "In jedem Bardenlied zeigt sich ein Volk, dessen Seele ganz der Tapferkeit und einer feierlichen Liebe flammte". Erneut erwähnt er 5, 185 (1773) die ›Seele des Volks, die doch nur fast sinnlicher Verstand und Einbildung ist.‹ Ebenda spricht er S. 201 von der ›Seele der alten, wilden Völker‹.

Entsprechend gebraucht er auch 3, 30 (1769) National-Seele. Diese von Herder entdeckte Volksseele spielt seitdem eine große Rolle. Von späteren Zeugnissen nenne ich noch die von Sanders 3, 1058a angeführte Stelle aus Gustav Freytags Bildern aus deutscher Vergangenheit 2, 407 (1860): "Die Sprache, das gesamte sittliche Empfinden repräsentiert nicht das Individuum; sie stellen sich nur dar, wie der Akkord in dem Zusammenklingen der einzelnen verbundenen Töne in der Gesamtheit, dem Volk. So darf man wohl, ohne etwas Mystisches zu meinen, von einer Volks-Seele sprechen." Dagegen eifert Nietzsche 10, 278 (1873) mit heftiger Verwünschung: "Die verfluchte Volksseele! .. Wir wollen vorsichtig sein, etwas deutsch zu nennen: zunächst ist es die Sprache, diese aber als Ausdruck des Volkscharakters zu fassen, ist eine reine Phrase und bis jetzt bei keinem Volk möglich gewesen, ohne fatale Unbestimmtheiten und Redensarten" usw. Vgl. auch die Belege aus Rückert, Schwegler usf. bei Sanders, Ergb. S. 473.


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