Neue Ära

Neue Ära, ein im eigentlichen wie übertragenen Sinne längst üblicher Ausdruck (vergl. nur den Prolog Schillers zu Wallensteins Lager (1798) V. 50 f.: "Die neue Ära, die der Kunst Thaliens Auf dieser Bühne heut' beginnt") wurde seit dem Nov. 1858, als König Friedrich Wilhelm IV. endgültig die Regierung an seinen Bruder, den Prinzen Wilhelm von Preußen, übertragen hatte, das spezifische politische Schlagwort für die durch das neugegründete Ministerium erhoffte Wandlung in der inneren Politik. Gombert, Festg. belegt in diesem Sinne das Schlagwort aus Lassalle und erklärt, dass seine ältesten Zeugnisse auf die Berliner Volkszeitung zurückführen.

Da das Volk aber in seinen Erwartungen früh genug sich enttäuscht sah, nahmen die Sticheleien und Verhöhnungen seit 1860 zumal kein Ende. Der Kladd. 1860, 21 redet bereits vom ›neuen Äraschwindel‹. Eine ganze Musterkarte weiterer Anzapfungen findet sich 1861, 85: "Man erinnert sich eines Frühlings und einer "neuen Ära", die viel versprachen und wenig gehalten haben" usw. Die gleiche Tendenz hat ein parodistisches Lied daselbst S. 119 mit dem Kehrreim: "Immer langsam voran, dass die neue Ära nachkommen kann."

Der Kladd. 1862, 54 bringt dann bereits ein Lied: Die allerneueste Ära, womit oppositionelle Blätter das am 24. Sept. 1862 gebildete Ministerium Bismarck, das in Wahrheit eine neue Ära heraufführte, zu verspotten pflegten. Vgl. auch Nehry S. 385.


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