Deutschland, Deutschland über alles

Deutschland, Deutschland über alles. Dieser Anfangsvers des von Hoffmann von Fallersleben im Oktober 1841 veröffentlichten ›Liedes der Deutschen‹ wurde als Fahnenwort ersten Ranges bald in weitesten Kreisen populär. Doch hatte der Ruf schon ein gut Teil Geschichte hinter sich. Arnold lehrt ZfdW. 4, 324 f., dass der Diplomat und Cameralist Philipp Wilhelm v. Hornick mit seiner berühmten staatswissenschaftlichen Schrift: Österreich Über alles, wann es nur will usw. usw., die im Jahre 1684 anonym erschien, als der Vater des Schlagwortes anzusprechen ist. Denn Hornick beginnt im Caput I S. 1 f., das überschrieben ist ›Absehen des Autoris, und Rechtfertigung des Tituls‹ ausdrücklich: "Ich habe mir vorgenommen, zu erweisen, dass Österreich über alles sein könne, wann es nur wolle. Diesen seltsamen Titul achte ich mich befugt, für dieses kleine Werk zu setzen, nach dem Recht der Eltern, welchen frei steht, ihre Kinder zu nennen, wie sie wollen."

Der Titel des beliebten und vielfach aufgelegten Buches übte fortdauernd seinen Einfluß. So ließ der im Jahre 1800 verstorbene Freiherr Philipp von Gemmingen eine besondere Zeitschrift ›Teutschland über alles, wenn es nur will‹ erscheinen.

Wichtig aber ist es, dass diese bedingende Lobesformel dann von dem Dichter Heinrich Joseph Collin aufgegriffen und zur Überschrift eines siebenstrophigen Liedes: ›Österreich über Alles‹ gewählt wurde (Lieder Österreicher Landwehrmänner 1809, 28 f.), dessen erste Strophe folgendermaßen lautet:

 

"Wenn es nur will,

Ist immer Österreich über Alles!

Wehrmänner ruft nun frohen Schalles:

Es will, es will!

Hoch Österreich!"

 

Diesem Wehrmannslied Collins scheint der Nationalgesang Hoffmanns unmittelbar verpflichtet. Gleichwohl ist auch in der dazwischenliegenden Zeit die Tradition weiter zu verfolgen. Gombert hat in seiner Festg. an einen im Morgenblatt 1815, 612 abgedruckten Prospekt zu den ›Freimütigen Blättern für Deutsche‹ von Friedrich von Cölln erinnert, worin es heißt: "Deutschland über alle, wenn es einig ist und sein will." Ein paar Jahre darauf findet sich ein neues Zeugnis in der Schrift ›Preußen über alles, wenn es will. Von einem Preußen‹, Germanien 1817.

Seit den achtziger Jahren ertönt das Feldgeschrei mit erneutem Eifer. So spricht Scherr, Pork. (1882) S. 98 von dem ›widerjüdischen "Deutschland über alles"‹, und wenige Jahre später entlädt Nietzsche seinen Unwillen darüber in einer Reihe von gereizten Ausfällen. Siehe 13, 350 (ca. 1884): "›Deutschland, Deutschland über Alles‹ — ist vielleicht die blödsinnigste Parole, die je gegeben worden ist. Warum überhaupt Deutschland — frage ich: wenn es nicht Etwas will, vertritt, darstellt, das mehr Wert hat, als irgend eine andere bisherige Macht vertritt!" Ebenda nochmals: "Für das Prinzip ›Deutschland, Deutschland über Alles‹ oder für das deutsche Reich uns zu begeistern, sind wir nicht dumm genug." Schließlich noch 13, 351: "Der Nationalitäten-Wahnsinn und die Vaterlands-Tölpelei sind für mich ohne Zauber: ›Deutschland, Deutschland über Alles‹ klingt mir schmerzlich in den Ohren."


 © textlog.de 2004 • 20.11.2018 02:40:56 •
Seite zuletzt aktualisiert: 23.02.2008 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright  A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  R  S  T  U  V  W  X  Z