Genie


[A 7] Bei einem großen Genie geht das in einem Augenblick vor, was oft bei einem andern ganze Stunden dauert. Ein gewisser Mensch, der eben keine großen Gaben hatte, hielt einen zum Betrug mit der Feder nachgemachten Druck eine Stunde wirklich dafür, andere sahen es im ersten Augenblick.

 

[A 64] Ein gewisses großes Genie fängt aus einem besondern Hang an eine Verrichtung vorzüglich zu treiben, weil es schwer war, so wird er bewundert, andere reizt dieses. Nun demonstriert man den Nutzen dieser Beschäftigungen. So entstehen Wissenschaften.

 

[B 22] Ich habe das Glück gehabt 6 Jahre in einer Stadt in Deutschland zu leben, wo vielleicht die meisten deutschen Original-Genies beisammen leben, wenigstens mit dem Raum verglichen, auf dem sie sich beisammen befinden, ich habe die meisten genau gekannt, oder wenigstens allezeit Gelegenheit genug gehabt, was ich aus Mangel eines genugsamen Umgangs verlor, durch andere Züge zu ersetzen, die außer der Stadt, worin der Gelehrte lebt, selten bekannt werden, und in derselben einer mäßigen Neugierde auch nicht entwischen. Ich habe auch unglückliche Schriftsteller gekannt, eingebildete junge Leute, die sehr fleißig waren. Ich will hieher setzen was ich bei beiden bemerkt habe. Das große Genie urteilt in Gesellschaften nicht allein oft in Dingen, die nicht in sein Feld gehören, sondern auch in den seinigen nicht allzeit gut, es seien denn Dinge, die es sehr häufig überdacht hat, oder worüber eine bloße Belesenheit entscheidet. Sich selbst allein gelassen, besitzt es eine gewisse Aufmerksamkeit auf alltägliche Dinge, in welchem ein Hauptunterscheidungszeichen des großen Geistes zu liegen scheint, sich nicht durch Lokal-Denkungsart hinreißen zu lassen, alle Begebenheiten als individua anzusehen und nicht durch einen dem schwachen Menschen sehr natürlichen Kunstgriff, sie in dem Genere summo alltäglicher Dinge alle gleich unbemerkt vorbeistreichen zu lassen. So ist niemand der Welt, hauptsächlich der gelehrten, unnützer, als derjenige Fromme1) der alle Dinge nur in dem Genere summo des Irdisch-Vergänglichen, oder seine Empfindungen in unsern Worten ausgedrückt, des Nichtswürdigen übersieht und der Untersuchung unwürdig schätzt. Der Philosoph muß hierin einigermaßen seinem Schöpfer nachahmen, und, wenigstens in einem engen Bezirk, nur individua sehen. Diese Art die Dinge zu betrachten ist ein Hauptkennzeichen des Genies, es betrachtet freilich nicht alles so, es würde sonst Gott selbst sein müssen. Diese Art die Dinge anzusehen gibt dem Genie eine gewisse Kenntnis der Dinge um sich, die nichts weniger als immer systematisch ist, die aber hinlänglich ist, das Wahre vom Falschen wo nicht völlig genau abzusondern, doch die erste grobe Trennung durchaus zu machen. Da wo man keine Bücher hat, ist ohnstreitig diese Art von Erkenntnis häufiger, wo Bücher sind, können Sprünge getan werden, und eine solche Kenntnis löst sich, so zu reden, nicht in der Seele auf, vereinigt sich nie völlig mit ihr, sondern wird nur im Fall der Not aus einem Ort hervorgeholt, wo sie noch getrennt von dem System der Gesinnungen liegt. Wie oft wird da falsch gegriffen. Die Alten waren häufig mit einer solchen Erkenntnis versehen. Alles, was sie wußten, machte ein Ganzes aus, und weil es der Lauf der Natur war, was dieses Ganze nach und nach in ihnen zusammensetzte, so sprachen sie allemal natürlich, wenn sie sprachen, ihre Ausdrücke waren simpel, denn es war die Natur, die aus ihnen sprach. Man glaube nur nicht, dass der fleißige Leser der Alten sich jetzt die Simplizität eigen machen werde; er kann sich gewöhnen sie in allen ähnlichen Werken wieder zu erkennen, sie wird aber nicht Fleisch und Blut bei ihm, sie kann sich bei ihm nicht unter neuen Gestalten zeigen. Alles was ich hier sage und was jeder Leser nun im Stande sein wird sich zu erläutern, habe ich an vielen Gelehrten bemerkt, ohngeachtet es zuweilen durch zu viel plötzlich durch Lesen aufgeschossene Gelehrsamkeit von einer andern Seite wieder vorstellt, weil sie so zu sagen den modernen Menschen mit ihrem übrigen großen Teil, dem Griechischen vermischten. Der unglückliche Schriftsteller, oder der modern Gelehrte liest ganz allein, seine gelehrte Gesinnungen sind nicht in seinem Selbst enthalten, sondern außer ihm, die kleine Seele geschmückt mit dem Apparatus einer größeren weiß sich nicht darein zu schicken, daher die unzähligen Gestalten unter denen der schlechte Schriftsteller erscheint, daher Schwulst, Ungleichheit mit sich selbst, (Hauptzug der schlechten Schriftsteller:) Affektation.

 

[C 192]

Ich habe sehr oft schon darüber nachgedacht, worin sich eigentlich das große Genie von dem gemeinen Haufen unterscheidet. Hier sind einige Bemerkungen, die ich gemacht habe. Der gewöhnliche Kopf ist immer der herrschenden Meinung und der herrschenden Mode konform, er hält den Zustand in dem sich alles jetzt befindet für den einzig möglichen und verhält sich leidend bei allem. Ihm fällt nicht ein, dass alles von der Form der Meublen bis zur feinsten Hypothese hinauf in dem großen Rat der Menschen beschlossen werde, dessen Mitglied er ist. Er trägt dünne Sohlen an seinen Schuhen, wenn ihm gleich die spitzen Steine die Füße wund drücken, er läßt die Schuh-Schnallen sich durch die Mode bis an die Zehen rücken, wenn ihm gleich der Schuh öfters stecken bleibt. Er denkt nicht daran, dass die Form des Schuhs so gut von ihm abhängt, als von dem Narren, der sie auf elendem Pflaster zuerst dünne trug. Dem großen Genie fällt überall ein: könnte auch dieses nicht falsch sein? Er gibt seine Stimme nie ohne Überlegung. Ich habe einen Mann von großen Talenten gekannt, dessen ganzes Meinungs-System, so wie sein Meubeln-Vorrat, sich durch eine besondere Ordnung und Brauchbarkeit unterschied, er nahm nichts in sein Haus auf, wovon er nicht den Nutzen deutlich sah, etwas anzuschaffen, bloß weil es andere Leute hatten, war ihm unmöglich. Er dachte, so hat man ohne mich beschlossen, dass es sein soll, vielleicht hätte man anders beschlossen, wenn ich mit dabei gewesen wäre. Dank sei es diesen Männern, dass sie zuweilen wenigstens wieder einmal schütteln, wenn es sich setzen will, wozu unsere Welt noch zu jung ist. Chinesen dürfen wir noch nicht werden. Wären die Nationen ganz von einander getrennt, so würden vielleicht alle, obgleich auf verschiednen Stufen, der Vollkommenheit zu dem sinesischen Stillstand gelangt [sein].

 

[F 402] Immer das Genie lobende, und von dem Genie immer gescholtene Leute.

 

[J 933] Man liest jetzt so viele Abhandlungen über das Genie, dass jeder glaubt, er sei eines. Der Mensch ist verloren, der sich früh für ein Genie hält.

 

 

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1) Hierher gehört Bogatzky, Senior Götze pp.

 


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