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An Suleika1

Süßes Kind, die Perlenreihen,
Wie ich irgend nur vermochte,
Wollte traulich dir verleihen
Als der Liebe Lampendochte.

Und nun kommst du, hast ein Zeichen
Daran gehängt, das, unter allen
den Abraxas seines Gleichen,
Mir am Schlecht’sten will gefallen.

Diese ganz moderne Narrheit
Magst du mir nach Schiras bringen!
Soll ich wohl, in seiner Starrheit,
Hölzchen quer auf Hölzchen singen?

Abraham, den Herrn der Sterne,
hat er sich zum Ahn erlesen;
Moses ist in wüster Ferne
Durch den Einen groß gewesen.

David auch auch, durch viel Gebrechen,
Ja Verbrechen durchgewandelt,
Wußte doch sich loszusprechen:
Einem hab’ ich recht gehandelt.

Jesus fühlte rein und dachte
Nur den Einen Gott im Stillen;
Wer ihn selbst zum Gotte machte,
Kränkte seinen heil’gen Willen.

Und so muß das Rechte scheinen,
Was auch Mahomet gelungen;
Nur durch den Begriff des Einen
Hat er alle Welt bezwungen.

Wenn du aber dennoch Huld’gung
Diesem leid’gen Ding verlangest;
Diene mir es zur Entschuld’gung
Daß du nicht alleine prangest. —

Doch allein! — Da viele Frauen
Salomonis ihn verkehrten,
Götter betend anzuschauen,
Wie die Närrinnen verehrten;

Isis’ Horn, Anubis’ Rachen
Boten sie dem Judenstolze,
Mir willst du zum Gotte machen
Solch ein Jammerbild am Holze!

Und ich will nicht besser scheinen
Als es sich mit mir ereignet;
Salomo verschwur den Seinen,
Meinen Gott hab’ ich verleugnet.

Lass die Renegatenbürde
Mich in diesem Kuß verschmerzen:
Denn ein Vitzliputzli würde
Talisman an deinem Herzen.


  1. Dieß von Goethe verworfene Gedicht wurde erst aus seinem Nachlaß in den Divan eingereiht. Schirin Chosrus christliche Geliebte hat ein Kreuz von Bernstein gekauft, das ihr Liebhaber an ihrer Brust findet und seinen Widerwillen gegen die westlich-nordische Barbarei ausspricht. [Goethes Westöstlicher Divan. Gebr. Henninger, Heilbronn 1875.]