Giovanni Francesco Barbieri

Barbieri, Giovanni Francesco, genannt Guercino da Cento, geb. 1590 zu Cento, gest. 1666 zu Bologna, erhielt seinen ersten Unterricht in der Malerei bei Benedetto Gennari und bildete sich später auf Reisen, namentlich während eines längeren Aufenthalts in Bologna, Venedig und Rom zu einem trefflichen, seiner Zeit viel gerühmten Meister aus, der, einerseits der Richtung der Carracci'schen Schule folgend, anderseits von dem Einfluss des Caravaggio beherrscht, in seiner Kunstweise gewissermaßen in der Mitte steht zwischen Guido Reni und jenem kecken Hauptmeister der Naturalisten. Denn es sind die von ihm dargestellten Charaktere und Formen wahrer und lebendiger, als die des ersteren, edler und gewählter, als die des letzteren, und in seinen früheren Werken sucht er mehr die kräftigen Wirkungen des Caravaggio, in den späteren mehr die zartere und anmutigere Manier des Guido zu erreichen. So schwankt sein Stil zwischen konventioneller Idealität und einer derben Wirklichkeit. Er versteht es eine imposante Äußerlichkeit zu entfalten, man vermisst aber poetische Intentionen, den tieferen Gehalt; seine Charaktere verraten eine gewisse Kraft und Energie, aber ohne alle Großheit, seine Gesichtsbildungen sind individuell beseelt, aber meistens gewöhnlich naturalistisch, seine Zeichnung ist richtig, aber ohne Adel. Dagegen zeichnete er sich vor den meisten seiner künstlerischen Zeitgenossen durch eine außerordentliche Fertigkeit im Technischen aus. Er wusste die Formen aufs Vortrefflichste zu modellieren und zu runden, und führte den Pinsel in Öl wie in Fresko mit ungemeiner Meisterschaft.  

Man unterscheidet drei verschiedene Manieren, die Guercino während seiner langen und erstaunlich fruchtbaren künstlerischen Tätigkeit befolgte. Die erste gibt sich durch starke schwere Schatten und scharfe gelblich grüne Lichter, harte Umrisse, aber schlagende Wirkung in der Art des Caravaggio kund; die zweite, durch ein gründliches Studium der Venetianer hervorgerufen, vereinigt Kraft mit Wärme und Klarheit der Farbe und einem vorzüglichen Helldunkel, so dass die starken Gegensätze von Licht und Schatten durch Übergänge verschmolzen und die Formen aufs Trefflichste abgerundet erscheinen; die dritte endlich, die von Guercino's, nach Guido's Tod (1642) erfolgter Übersiedlung nach Bologna datiert, und durch sein Bestreben, des letzteren allbeliebter Lieblichkeit nachzueifern, motiviert wird, spricht sich, durch ein gewisses sentimentales, aber zu eigentümlicher Anmut durchgebildetes Gepräge, einen ungemeinen Reiz in zarter Zusammenstellung der Farben und helles, heiteres und frisches Kolorit aus. Die letztere Manier artete aber in späterer Zeit in Verflachung der Gedanken und Verschwommenheit der Färbung aus.  

Zu Guercino's besten Werken gehören, unter denen aus seiner früheren Zeit: ein Paar treffliche Bilder in der Bologneser Pinakothek: der h. Wilhelm von Aquitanien, das Mönchsgewand nehmend und der heil. Bruno, dem die heil. Jungfrau erscheint; im Palast Spada zu Rom: Dido's letzte Augenblicke, ein großes figurenreiches Bild (gest. v. R. Strange), gleich dem der heil. Petronilla in der Galerie des Capitols zu Rom (gest. v. N. Dorigny); ferner: der heil. Petrus mit Schlüssel und Buch, der heil. Paulus mit dem Schwert, die Auferweckung des Lazarus, der heil. Franziskus, verzückt durch die Musik eines Engels, der heil. Hieronymus, der die Posaune des jüngsten Gerichts zu hören glaubt und Maria, das segnende Kind haltend, im Louvre zu Paris. Aus der zweiten Periode: Petrus, die Tabitha erweckend im Palazzo Pitti zu Florenz; die Beschneidung Christi im Museum zu Lyon; die Schmerzensmutter und der reuige Petrus; die Sabinerinnen söhnen die Römer und ihre Landsleute aus; Madonna in den Wolken von Heiligen verehrt, ein Hauptwerk des Meisters, im Louvre zu Paris; Thomas, Christi Wundenmale berührend, in der Galerie des Vatikans zu Rom. Unter den zum Teil sehr bedeutenden Werken dieser Art sind namentlich noch zu erwähnen : die Gemälde der Propheten und Sibyllen in der Kuppel des Doms von Piacenza und die Aurora in einem kleinen Gartenhause der Villa Ludovisi zu Rom (gest. v. R. Morghen), welche durch die leuchtende Kraft der Farbe fast die Wirkung von Ölgemälden erreichen. Aus der späteren Zeit stammen: die Verstoßung der Hagar in der Galerie der Brera zu Mailand (gest. v. R. Strange), eines der herrlichsten Bilder Guercino's und die Sibylle in der Tribüne zu Florenz; Loth, von seinen Töchtern berauscht; Circe als Zauberin; Salome mit dem Haupt des Johannes und des Meisters Porträt, im Louvre zu Paris. — Er malte auch meisterhafte Landschaften, an denen man besonders die schöne, saftige Farbe rühmt.  

Eine vollständige Aufzählung auch nur der bedeutenderen Bilder des beinahe in keiner größeren Gemäldesammlung fehlenden Meisters aus den verschiedenen Perioden seiner Künstlerschaft in den europäischen öffentlichen und Privatgalerien, würde bei der Menge von Gemälden, die Guercino ausgeführt (Lanzi berichtet, man zähle von ihm, ohne die unendlich vielen Bildnisse, Madonnen, halbe Figuren und Landschaften, 106 Altarbilder und 144 große Gemälde für Fürsten u.s.w. gemalt), viele Seiten einnehmen und es dürfte daher genügen, im Vorstehenden wenigstens die ausgezeichnetsten genannt zu haben. — Man kennt auch zwei ganz in der Manier seiner Federzeichnungen in Kupfer geätzte Blätter von ihm: einen heil. Antonius von Padua und einen heil. Johannes den Täufer.

 

Literatur. J. A. Calvi, Notizia della villa e delle opere di Giovanni Francesco Barbieri, detto il Guercino da Cento. Bologna, 1808. — Lanzi, Geschichte der Malerei in Italien.


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