Aufrechtsehen

Aufrechtsehen (das). Auf der Netzhaut entsteht beim Sehprozeß ein umgekehrtes verkleinertes Bild des vor dem Auge befindlichen Gegenstandes.

Trotzdem sehen wir den Gegenstand aufrecht. Die Erklärung dieses Vorgangs hat große Schwierigkeit gemacht; man hat ihn physikalisch, physiologisch oder psychologisch zu deuten gesucht. Cartesius (1596-1650) nahm eine die Umkehrung ausgleichende Nebeneinanderlagerung der Sehnervenfasern im Gehirn an. Kepler (1571-1630) erklärte den Vorgang aus dem Gegensatze der Kategorien von Aktion und Passion. Priestley (1733-1804) dachte, die Korrektur geschehe durch den Tastsinn.

Schopenhauer (1788 bis 1860) läßt die Seele das Bild nach der dem eindringenden Strahl entgegengesetzten Richtung projizieren. - Die Schwierigkeiten des Problems schwinden, wenn man sich klar macht, daß die Seele zwar Gesichtsempfindungen, aber kein inneres Auge hat, um die Vorgänge auf der Netzhaut des äußeren Auges zu beobachten, daß sie nicht Netzhautbilder, sondern nur die zu ihr fortgepflanzten Erregungen wahrnimmt, und daß das Sehen darin besteht, daß der Sehende den qualitativ und intensiv bestimmten Inhalt seiner Netzhautempfindungen in gewissen Linien nach außen projiziert und in den Raum hineinversetzt. Wir sehen unmittelbar weder aufrecht noch umgekehrt, weder einfach noch doppelt; denn wir sehen zunächst weder Gestalten noch Gesichtsfelder, sondern nur Lichterscheinungen. Ebensowenig wissen die Gesichtsempfindungen etwas, sei es vom Orte ihres Bildes auf der Netzhaut oder von der Lage der Netzhaut selbst. Das Netzhautbild ist außerdem noch doppelt, konkav, mosaikartig und von dem »blinden Fleck« durchbrochen - was uns alles doch auch nicht stört. Durch die Erklärung des Aufrechtsehens ist die Theorie von Johannes Müller und Überweg, wonach die von uns gesehene Welt eine kleine auf den Kopf gestellte Welt innerhalb unseres Sehapparates ist, der eine viel größere, auf den Füßen stehende reale Welt, unabhängig von unserem Bewußtsein, gegenübersteht, widerlegt. (Vgl. Helmholtz, physiologische Optik, S. 64 ff.; Liebmann, zur Analysis der Wirklichkeit, S. 128 ff.; Wundt, Grundriß der Psychologie, § 10, 31.)


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