Pythagoras

 

O du Geschlecht, von der Furcht vor frostigem Tode bewältigt,

Was macht Styx dir bang, was Dunkel und eitele Namen,

Dichtern gefälliger Stoff und Gefahren erlogenen Reiches?

Ob er im Feuer verging auf dem Holzstoß, ob ihn Verwesung

Wegnahm, glaubet, der Leib kann nicht mehr Schlimmes erleiden.

Frei ist die Seele vom Tod, und verließ sie die frühere Stätte,

Wohnt und lebet sie fort im anderen Hause geborgen.

Mir ist bewußt noch jetzt: Zur Zeit des trojanischen Krieges

War ich Panthous Sohn Euphorbus, welchem gehaftet

Vorn in der Brust der gewichtige Speer vom zweiten Atriden.

Unlängst hab' ich erkannt im abantischen Argos in Junos

Tempel den nämlichen Schild, den unsere Linke getragen.

Alles verändert sich nur, nichts stirbt. Herüber, hinüber

Irrt der belebende Hauch, und in andre beliebige Glieder

Ziehet er ein und geht aus Tieren in menschliche Leiber

Und in Getier von uns und besteht so ewige Zeiten.

Wie das geschmeidige Wachs, zu neuer Gestalt sich bequemend,

Weder verbleibt, wie es war, noch hält an den selbige Formen,

Aber dasselbe doch ist; so bleibt auch, lehr' ich, die Seele

Immer sich gleich und begibt sich nur in verschiedene Formen.

Drum, daß achtende Scheu nicht weiche den Lüsten des Bauches,

Hört mein göttliches Wort: Laßt ab, zu verdrängen verwandte

Seelen mit schändlichem Mord, und Blut nicht nähret mit Blute.

 

Weil ich auf offener See nun treib' und die Segel den Winden

Gab zum Blähn: nichts ist von Bestand in der Weite des Weltalls.

Rings ist Fluß, und jedes Gebild ist geschaffen zum Wechsel.

Selber die Zeit auch gleitet dahin in beständigem Gange,

Anders nicht als ein Strom; denn Strom und flüchtige Stunde

Stehen im Lauf nie still. Wie Woge von Woge gedrängt wird,

Immer die kommende schiebt auf die vordere, selber geschoben,

Also fliehen zugleich und folgen sich immer die Zeiten,

Unablässig erneut; was war, das bleibet dahinten;

Was nicht war, das wird, und jede Minute verjüngt sich.

Gegen das Licht auch siehst du die Nacht aus dem Meere sich heben,

Aber der finsteren Nacht nachfolgen die glänzenden Strahlen.

Anders erweist sich der Himmel gefärbt, wen alles ermüdet

Liegt im Schoße der Ruh, und wenn hell auf schneeigem Rosse

Lucifer kommt, und anders, wenn früh die pallantische Göttin,

Kündend den Tag, Schein wirft in die Welt, die harret des Phöbus.

Rot ist auch Sols Schild, wenn er steigt vom Grunde der Erde,

Morgens zu sehn und rot, wenn er sinkt vom Grunde der Erde,

Doch in der Höh ist er hell, weil droben sich breitet des Äthers

Reinere Luft und ferne sich hält von der trübenden Erde.

Nie auch bleibt die Gestalt der bei Nacht sichtbaren Diana

Völlig dieselbe und gleich; denn stets ist kleiner als morgen

Heute das Bild, wenn die Scheibe sich dehnt, doch engt sie sich, größer.

Wie, und siehest du nicht in vier abwechselnde Formen

Treten das Jahr, nachahmend den Gang von unserem Leben?

Saftreich ist es und zart, ganz ähnlich dem Alter des Knaben,

In dem erwachsenden Lenz. Dann strotzen die neuen Gewächse,

Kraft noch missend und Halt, und ergötzen mit Hoffnung den Landmann.

Dann blüht alles umher, und fröhlich im Schmelze der Blumen

Prangt das Gefild, doch fehlt noch festes Beharren dem Laube.

Tüchtiger geht nach dem Lenz nun über das Jahr in den Sommer,

Rüstigem Jüngling gleich; denn es ist kein anderes Alter

Reicher in Fülle der Kraft, keins heißer in drängendem Streben.

Danach folget der Herbst, der ohne das Feuer der Jugend

Reif dastehet und mild und zwischen dem Greis und dem Jüngling

Mäßig in Mitten sich hält, schon grau an den Schläfen gesprenkelt.

Schaurig mit wankendem Schritt kommt endlich der greisende Winter,

Völlig der Haare beraubt, und trägt er sie, weiß an dem Haupte.

An uns selber erfährt ja auch rastlose Verwandlung

Immer der Leib, und was wir gewesen und sind, wir verbleiben

Morgen es nicht. Einst war ein Tag, wo im Schoße der Mutter

Nur als Samen und Keim zukünftiger Menschen wir wohnten.

Bildende Hand anlegte Natur, und daß vom gedehnten

Leibe der Mutter umspannt die lebendige Bürde gezwängt sei,

Wollte sie nicht und ließ sie heraus an die ledigen Lüfte.

Jetzo gebracht ans Licht lag ohne Vermögen der Säugling;

Bald auf vieren bewegt' er nach Sitte der Tiere die Glieder,

Und er begann allmählig mit noch unsicheren Knieen

Wankend zu stehen und half durch schwache Versuche den Sehnen.

Stark dann wird er und rasch, und über die Strecke der Jugend

Geht er, und ist dann auch vollendet der mittleren Jahre

Dienstzeit, geht's abwärts auf der Bahn hinfälligen Alters.

Dieses zerrüttet und macht zunichte der früheren Jahre

Rüstige Kraft, und Milon der Greis sieht weinend die Arme,

Die, den herkulischen gleich, von straff sich spannenden Muskeln

Hatten gestrotzt ehdem, schlaff hängen in nichtiger Ohnmacht.

Weinend im Spiegel erblickt auch Tyndarus' Tochter des Alters

Runzeln und fragt bei sich, warum zweimal sie entführt sei.

Du, aufzehrende Zeit, und du, mißgünstiges Alter,

Ihr bringt alle Verderb, und benagt vom Zahne des Wechsels

Macht ihr alles gemach im schleichenden Tode vergehen.

 

Ohne Bestand sind auch, die wir Elemente benennen.

Was für Wechsel sie trifft, - merkt auf - ich will es verkünden.

Vier Grundstoffe bewahrt, die alles erzeugen, des Weltalls

Ewiger Bau. Zwei haben Gewicht: mit der Erde die Welle,

Die gehn nieder zum Grund, von der eigenen Schwere gezogen.

Ebensoviel sind ohne Gewicht und streben zur Höhe,

Frei vom Drucke: die Luft und, reiner als jene, das Feuer.

Daraus, wenn sie getrennt auch sind, nimmt seine Entstehung

Alles, in sie fällt alles zurück. Das zersetzete Erdreich

Löst sich in flüssiges Naß, und das flüchtig gewordene Wasser

Schwindet in Dunst und Luft, und wieder, enthoben der Schwere,

Schwingt sich die dünneste Luft in die Höhe zum feurigen Aether.

Dann geht wieder der Weg rückwärts in der nämlichen Folge.

Denn in die trägere Luft geht über verdichtetes Feuer;

Wasser entsteht aus der Luft; zum Erdreich ballt sich die Welle.

 

Keines verbleibt in derselben Gestalt, und Veränderung liebend

Schafft die Natur stets neu aus anderen andere Formen,

Und in der Weite der Welt geht nichts - das glaubt mir - verloren;

Wechsel und Tausch ist nur in der Form. Entstehen und Werden

Heißt nur anders als sonst anfangen zu sein, und Vergehen

Nicht mehr sein wie zuvor. Sei hierhin jenes versetzet,

Dieses vielleicht dorthin: im Ganzen ist alles beständig.

Unter dem selbigen Bild - so glaub' ich - beharrt auf die Dauer

Nichts in der Welt.

 


 © textlog.de 2004 • 15.12.2019 02:54:01 •
Seite zuletzt aktualisiert: 05.12.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright