Achelous

 

Lelex schloß, und alle bewegete Tat und Verkünder;

Theseus zumeist. Als dieser um mehr der göttlichen Wunder

Bat, da begann, sein Haupt den Arm auflehnend, der Stromgott:

 

Wozu fremder Beweis? da mir auch, oft zu verwandeln

Diesen Leib, o Jüngling, durch Zahl umschränkte Gewalt ward!

Bald ja erschein' ich, was jetzo ich bin, bald ringelnder Drache,

Bald als Fürst der Rinder, und dränge die Kraft in die Hörner.

Hörner! so lang ich vermocht! Nun fehlt der gewaffneten Stirne

Eine Wehr, wie du schaust! Mit Geseufz beschloß er die Worte.

 

Was erseufzetest du? und woher der Stirne Gebrechen?

Fragt der neptunische Held. Drauf redete Kalydons Stromgott,

Also, mit Rohr umwunden das ungeordnete Haupthaar:

 

Hart ist, was du begehrst. Denn wer gedenkt, ein Besiegter,

Gern des eigenen Kampfs? Doch treulich erzähl' ich ihn! Nicht so

Ruhmlos war's zu erliegen, als selbst die Beeiferung ruhmvoll!

Und erhabenen Trost gibt uns der erhabene Sieger!

Ward einmal, wie ich traue, vor deinen Ohren der Name

Deïanira genannt; vormals die gepriesenste Jungfrau

War sie, von vielen gesucht mit eifersüchtiger Hoffnung.

Mit in das Haus eingehend des vielbelagerten Schwähers:

Nimm mich, sprach ich, zum Eidam, o Öneus, Sohn des Parthaon.

So auch sprach der Alcide. Die anderen wichen uns beiden.

Jener rühmt' als Vater den Jupiter, und die Vollendung

Jeglichen Kampfs, den Juno ihm je stiefmütterlich auftrug.

Ich, dem schmählich es schien, wenn ein Gott dem Sterblichen wiche.

(Noch nicht war er ein Gott): Schau' mich, den Flutenbeherrscher,

Sprach ich, der mitten dein Reich in schlängelndem Laufe durchströmet.

Auch nicht komm' ich ein Fremdling zum Eidam dir aus der Ferne,

Sondern ein Landesgenoß und ein Teil selbst deines Gebietes.

Nur das schade mir nicht, daß weder die Königin Juno

Haß mir trägt, noch Strafe gebotener Kämpfe mir obliegt!

Denn daß du selber dich rühmst den Entsprossenen einer Alkmena;

Falsch wird Jupiter Vater genannt; wenn wahr, mit Verbrechen!

Durch der Mutter Entehrung verlangst du ihn! Wähl', ob erdichtet

Jupiter, oder ob du aus schimpflicher Liebe gezeugt seist!

 

Also redet' ich noch; da mit düsterem Auge mich jener

Anblickt, und nicht männlich dem flammenden Zorne gebietet.

Und er erwidert das Wort: Mehr taugt mir die Hand, wie die Zunge!

Wenn nur ins Kampf Obsieger ich bin; sei du es im Reden!

 

Trotzig naht' er heran. Scham war's, da so hoch ich geredet,

Abzustehn. Schnell warf ich das grüne Gewand von der Schulter,

Stemme die Arm' entgegen, und krümmt' an der Weiche des Busens

Schräg die Hände zur Wehr, und gab Kampfstellung den Gliedern.

Jener besprengt mich mit Staub, in gehöhleten Händen ihn schöpfend;

Und vom erwiderten Wurfe des rötlichen Sandes ergilbt er.

Bald nun faßt er den Nacken, und bald die beweglichen Beine,

Faßt, nein, schien nur zu fassen, und zwackt von jeglicher Seite.

Mich verschanzt mein großes Gewicht; und umsonst war der Angriff.

So der gewaltige Damm, den laut anbrausend die Meerflut

Rings umtobt; er besteht, durch eigene Schwere gesichert.

Dann ein wenig getrennt, erneun wir zum Kampfe den Zulauf.

Fest hält jeder den Stand, und durchaus nicht weichen will jeder,

Fuß mit Fuße gefügt; und die Brust mir vorüber gelehnet,

Drängt ich die Hand mit der Hand, und die Stirn mit der Stirn ihm belastend,

Gleich so sah ich in Kraft zween mutige Stiere begegnen,

Wann die stattlichste Braut im ganzen Tal des Gebirges

Steht zum Preise des Kampfs; rings schauet die Herd', und erwartet

Bange, zu wem sich wende der Sieg so mächtiger Herrschaft.

Dreimal, ohn' aufzuschaun, arbeitete, frei sich zu ringen,

Herkules, meiner mit Macht anstrebenden Brust; und zum vierten

Schüttelt er ab die Umwindung und löst die geklemmten Arme;

Und mit dem Stoße der Hand (denn es gilt zu bekennen die Wahrheit!)

Wendet er stracks mich herum, und hängt mir schwer an dem Rücken.

Wenn mir Glaube gebührt (nicht such' ich ja Ruhm in Erdichtung!),

Als ob übergewälzt ein Berg mich drückte, so war mir.

Kaum doch wand ich die Arme heraus, die im Schweiße mir ringsum

Strömeten; kaum entzog ich den Leib der harten Verstrickung.

Aber den Keuchenden drängt er, und läßt nicht Kräfte mich sammeln;

Und er gewann mir den Nacken, und rüttelte; jetzo entsank mir

Endlich zur Erde das Knie, und ich knirschte den Sand mit den Zähnen.

 

Was ich an Stärke verlor, das sucht' ich durch Kunst zu ersetzen,

Und ich entschlüpfte dem Mann, in Gestalt der Schlange mich längend.

Aber sobald ich den Leib ausstreckt' in gebogene Ringel,

Und mit grausem Gezisch die gespaltene Zunge bewegte,

Lächelte bitteren Hohn der Tirynthier unseren Künsten.

 

Meiner Wieg' ist eigen die Arbeit, Schlangen zu töten!

Sprach er: und ob, Achelous, du anderen Drachen vorangehst,

Bist du einer wie nichts, vor dem Schwarm der lernäischen Hyder!

Immer fruchtbarer wuchs sie aus eigenen Wunden; und niemals

Ward vor dem Hundert der Häupter ihr eins ungerächet enthauen,

Daß nicht stärker der Hals mit doppeltem Erben emporschwoll.

Diese, die ästig umher von blutgeborenen Nattern,

Neu zum Verderb aufsproßte, bezwang ich mit Kraft und erschlug sie.

Was denn wähnst du von dir, der, zur einzelnen Schlange geheuchelt,

Fremde Waffen bewegt, und gebettelte Bildung sich umhüllt?

 

So der Alcid'; und oben den Hals mit umklammernden Fingern

Packt' er, und würgte mir eng, wie in kneipender Zange, die Gurgel;

Und ich rang, zu entreißen die Kehl' aus den zwängenden Daumen.

 

Jetzo war dem Besiegten die dritte Verwandelung übrig,

Eines trotzigen Stiers; und im Stier' erneu' ich den Feldzug.

Doch er wickelt die Arme mir links um die hängenden Wampen,

Und mich Rennenden schleppt er zugleich; dann ergreift er die Hörner,

Dreht in den Grund sie hinab, und streckt mich entlang in den Flußsand.

Nicht ihm genug war solches: das starrende Horn in der Rechten

Zuckt' er wild und zerbrach's, der verstümmelten Stirn es entreißend.

Dieses weihten Najaden, mit Obst und duftigen Blumen

Angefüllt; und es prangt mit meinem Horne der Segen.

 

Jener sprach's; doch die Nymphe, geschürzt nach der Weise Dianas,

Eine der Dienenden dort, mit niederrollenden Locken,

Wandelte her und trug in dem reich gesegneten Horne

Ganz den Herbst, glückseliges Obst, als labenden Nachtisch.

 

Als in der folgenden Frühe die Sonn' anstrahlte die Gipfel,

Zogen die Jünglinge heim; denn nicht zu erwarten gefällt es,

Bis in Frieden der Strom sanft riesele, und die empörte

Flut sich gesenkt. Jetzt barg sein rohes Gesicht Achelous,

Und mit gestümmeltem Horne das Haupt in die Mitte der Wasser.

Doch ihn schändete nicht der Verlust des geraubeten Schmuckes:

Unbeschädiget sonst, verhehlt er des Hauptes Entehrung

Bald mit weidendem Laub' und bald mit gewundenem Rohre.

 


 © textlog.de 2004 • 21.02.2024 19:27:58 •
Seite zuletzt aktualisiert: 05.12.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright