Ordnung

Ordnung. (Schöne Künste) Man sagt von jeder Sache sie sei ordentlich, wenn man eine Regel entdeckt, nach welcher ihre Teile neben einander stehen oder auf einander folgen. Also bedeutet das Wort Ordnung im allgemeinen metaphysischen Sinne, eine durch eine oder mehrere Regeln bestimmte besondere Art der Stellung oder der Folge aller zu einem Ganzen gehörigen Teile, wodurch in dem Mehreren Einförmigkeit entsteht. In den Reihen folgender Zahlen 1. 2. 3. 4. 5. oder 1. 2. 4. 8. 16. ist Ordnung; weil in beiden die verschiedenen Zahlen nach einem Gesetz auf einander folgen, wodurch Einförmigkeit entsteht. Man entdeckt es in der ersten Reihe darin, dass jede folgende Zahl um 1 größer ist als die vorhergehende; und in der anderen darin, dass jede folgende das doppelte der vorhergehenden ist. Die Ordnung hat also da statt, wo mehrere Dinge nach einer gewissen Regel neben einander stehen oder auf einander folgen können: sie wird durch die Regel oder durch das Gesetz, nach welcher diese Dinge neben einander stehen oder auf einander folgen, bestimmt; und man erkennt oder bemerkt sie, so bald man entdeckt, dass die Sachen nach einem Gesetz verbunden sind, wenn gleich dieses Gesetz keine Absicht zum Grund hat und nicht aus Überlegung vorhanden ist. Man hört bisweilen, dass Regentropfen von einem Dach in gleichen Zeiten nach einander abtrüpfen. In dieser Folge der Tropfen ist Ordnung, ohne Absicht; die Umstände der Sache bringen es so mit sich, dass jede Tropfe gleich geschwinde auf die vorhergehende folgt. Dies ist hier das Gesetz der Folge, durch welches sie Ordnung bekommt. Es kann sich treffen, dass etliche Kugeln, ohne Absicht auf die Erde geworfen, in gerader Linie und gleich weit aus einander liegen bleiben. Wir entdecken dann Ordnung und Gesetze der Stellung darin, die keine Folge der Überlegung sind. Wo wir in Verbindung der Dinge kein Gesetz, keine Regel der Einförmigkeit bemerken, da sagen wir, die Sachen seien unordentlich durch einander. Dieses sagen wir z.B. von den Bäumen in einem Walde, wenn wir keine Regel bemerken, durch welche Einförmigkeit der Stellung entstanden wäre.

Die Ordnung kann sehr einfach, aber sie kann auch sehr verwickelt sein; weil das Gesetz derselben mehr oder weniger Bedingungen haben kann, denen die Folge der Teile genug tun muss. Es gibt auch vielerlei ganz verschiedene Gattungen der Ordnung, nach Verschiedenheit der Absicht, in welcher man einer Folge von Dingen eine Regel der Einförmigkeit vorschreibt. Damit wir uns aber nicht in allgemeine metaphysische Betrachtungen vertiefen, sondern bloß bei dem bleiben, was die allgemeine Theorie der schönen Künste davon nötig hat; so wollen wir hier bloß von den Dingen sprechen, die durch Ordnung eine ästhetische Kraft bekommen, ohne Ordnung aber völlig gleichgültig wären; denn nur an diese Weise lässt sich die Wirkung der Ordnung vor allen Nebenwirkungen abgesondert erkennen.

Eine Menge vor unseren Augen zerstreut liegender Feldsteine, die wir mit völliger Gleichgültigkeit, ohne den geringsten Grad der Aufmerksamkeit sehen, kann durch Ordnung in einen Gegenstand verwandelt werden, den wir mit Aufmerksamkeit betrachten und der uns wohl gefällt. Hier hat kein einzelner Teil für sich ästhetische Kraft, sondern ist völlig unbedeutend: gefällt uns eine gewisse Anordnung dieser Steine, so hat das materielle oder das, was jeder Stein an sich hat, keinen Anteil an dieser Wirkung. So haben einzelne Schläge auf eine Trummel oder auf einen Ambos nichts, das uns lockte; aber so bald wir Ordnung darin bemerken, besonders, wenn sie metrisch oder rhythmisch werden, so bekommen sie ästhetische Kraft.

Ganz anders ist es mit solchen Dingen beschaffen, die schon einzeln, jedes für sich, eine Kraft haben, wie in der Rede, wo jedes Wort etwas bedeutet oder in einem Gemälde, wo jede Figur für sich schon etwas hat, das den Geist oder das Herz beschäftigt. Wenn in dergleichen Gegenstände Ordnung gelegt wird, so kann daraus eine Wirkung entstehen, wozu nicht bloß die Ordnung, sondern auch das Materielle der geordneten Dinge das ihrige beiträgt.

In dem wir also hier die Ordnung und ihre Wirkung betrachten, geschiehet es bloß insofern sie rein und von aller materiellen Kraft der geordneten Sachen abgesondert ist, das ist, wir betrachten die reine Form der Dinge, ohne Rücksicht auf die Materie; kurz Ordnung, nicht Anordnung; denn dieses letztere Wort scheint allemal die Ordnung auszudrücken, die in Rücksicht auf das Materielle der Sachen bestimmt wird. Hier ist sie also gar nichts als der Erfolg der Regel des Nebeneinanderstehenden oder Aufeinanderfolgenden. Bestimmt eine einzige einfache Regel die Folge der Dinge, so bewirkt sie das, was allgemein Regelmäßigkeit, genannt wird, wie wenn Soldaten in Reihen und Glieder stehen; wird aber die Folge durch mehrere Regeln bestimmt, so dass in der Folge der Dinge mancherlei Bedingungen müssen erfüllt werden, so wird der Erfolg davon schon für etwas höheres als bloße Regelmäßigkeit gehalten; es kann Symmetrie, Eurythmie und Schönheit daraus entstehen.

Die Ordnung wirkt Aufmerksamkeit auf den Gegenstand, Gefallen an demselben, macht ihn faßlich und prägt ihn die Vorstellungskraft ein: das Unordentliche wird unbemerkt und wenn man es auch betrachtet, so behält man es nicht in der Einbildungskraft; weil es keine faßliche Form hat. Aber die Wür kung der Ordnung auf die Einbildungskraft kann sich bis auf einen hohen Grad des Wohlgefallens und Vergnügens erstrecken; wenn sie viel Mannigfaltigkeit genau in Eines verbindet, so bewirkt sie eine Art des Schönen, welches sehr gefällt. Man sieht sehr schöne mosaisch gepflasterte oder von Holz eingelegte bunte Fußboden, da bloß die Ordnung, in welcher kleine verschiedentlich gefärbte Drei- und Vierecke gesetzt sind, eine sehr angenehme Mannigfaltigkeit von Formen und Verbindungen bewirkt. So gar kann durch bloß reine Ordnung schon etwas von sittlicher und leidenschaftlicher Kraft in den Gegenstand gelegt werden. Sie kann etwas phantastisches; aber auch etwas wohl überlegtes, etwas sehr einfaches und gefälliges; aber auch etwas verwickeltes und lebhaftes haben. Das Spiel der Trommel, wo ein Stück vom anderen sich bloß durch die Ordnung der aufeinanderfolgenden Schläge unterscheidet, kann allerlei leidenschaftlichen Ausdruck annehmen. So mannigfaltig ist die Wirkung der Ordnung.

Der Künstler kann also vielfachen Gebrauch von der Ordnung machen. In einigen Werken ist sie das einzige Ästhetische, wodurch sie zu Werken des Geschmacks werden. So gehören viel Werke der Baukunst nur darum unter die Werke der schönen Künste, weil die verschiedenen Teile des Gebäudes, die nicht das Genie oder der Geschmack des Künstlers erfun den, sondern die Notwendigkeit angegeben hat, ordentlich neben einander gesetzt worden. Auch einige Gärten haben von dem Charakter der Werke des Geschmacks nichts als die Ordnung. In der Musik hat man auch kleine ganz angenehme Melodien, die außer einer sehr gefälligen Ordnung der Töne nichts Ästhetisches haben. So geben die Dichter bisweilen einem epischen Vers, dessen Inhalt nichts ästhetisches hat, durch Ordnung der Silben einen schönen Klang, wodurch er die epische Würde bekommt. Dergleichen kommen beim Homer nicht selten vor. Schon der niedrigste Grad der Ordnung oder die bloße Regelmäßigkeit ist bisweilen hinreichend, ein Werk in den Rang der Werke des Geschmacks zu erheben. Wenn man die Werke der Kunst in eine Rangordnung setzen wollte, so würden dergleichen Werke, die bloß durch Ordnung gefallen, weil ihr Stoff nichts von ästhetischen Wert hat, die niedrigste Klasse machen.

Eine gar zu leicht in die Sinne fallende Ordnung aber schickt sich nicht für Werke, deren Stoff nichts vorzügliches hat; sie werden matt, weil man auf einen Blick das wenige ästhetische, was sie haben, entdeckt: darum ist nichts matter als ein Gedicht von sehr geringhaltigem Stoff, das durchaus einerlei Vers hat. Dem schwachen Stoff muss schon durch eine künstlichere Ordnung, darin ein Rhythmus ist, etwas aufgeholfen werden.1) Dadurch bekommen Gebäude, die sonst gar nichts bemerkenswürdiges an sich haben, bisweilen ein sehr artiges Ansehen; dadurch werden Tonstücke, Tänze, auch wohl bisweilen kleine lyrische Gedichte, die man ohne diese Zierde, die sie der Ordnung zu danken haben, gar nicht achten würde, ziemlich angenehm.

Das wichtigste was der Künstler in Absicht auf die Ordnung, die, so wie wir sie hier ansehen, allemal die Form seines Werks betrifft, zu bedenken hat, ist, dass dasjenige, was von Ordnung herkommt, dem Materiellen des Werks vollkommen angemessen sei, damit einem schwachen Stoff durch das Reizende der Ordnung aufgeholfen werde, einem wichtigen aber durch das schimmernde der Ordnung kein Nachteil geschehe. Der Baumeister, dem es gelungen wäre für eine prächtige Cathedralkirche eine große Form zu erfinden, würde durch die schönste und verwickeltste Eurythmie viel kleiner Teile, den Haupteindruck, den das Gebäude machen sollte, schwächen. Wo die Empfindung schon stark getroffen worden, da muss die Phantasie nicht mehr gereizt werden. Vielleicht ist es aus diesem Grunde geschehen, dass der feine Geschmack der Griechen für den Hymnus, wo das Herz bloß von Andacht und Bewunderung sollte gerührt werden, keine von den künstlichen lyrischen Versarten, sondern den einfachen Hexameter gewählt hat.

Eine verwickelte Ordnung hat mehr Reiz als die einfachere, aber dieser Reiz ist bloß für die Phantasie und er kann sogar die Eindrücke auf den Verstand und auf das Herz schwächen. Außer dem ist das verwickelte auch nicht so leicht im Gedächtnis zu behalten als das einfachere. Wo es also darum zu tun ist, dass das Materielle eines Werks fest in den Gemütern zurück bleibe, da ist die einfachste Ordnung, der verwickelten vorzuziehen. Jedermann wird finden, dass unsere ehemahlige sehr einfache lyrische Versarten bequemer sind als die künstlichern Griechischen, um ein Lied oder eine Ode im Gedächtnis zu behalten. Aus eben dem Grund findet man in der Musik, dass die Melodien, die zum Tanzen gemacht werden, wo es nötig ist, sie leicht ins Ohr zu fassen, allemal einen weit einfacheren Rhythmus haben als Stücke von demselben Charakter, die bloß zum Spielen für das Klavier gesetzt sind.

 

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1) S. Metrisch.

 


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