Lücke

Lücke. (Schöne Künste) Dieses Wort drückt überhaupt einen Mangel des Zusammenhanges oder eine Unterbrechung des Steten oder in einem Fortgehenden aus. In den Werken des Geschmacks müssen die Vorstellungen in einem ununterbrochenen Zusammenhang aufeinander folgen, weil die Unterbrechung allemal etwas unangenehmes hat. Bis jetzt aber haben die Kunstrichter die unangenehme Wirkung der vorkommenden Lücken, nicht in der nötigen Allgemeinheit betrachtet. So haben sie bemerkt, dass im Drama die Lücken zwischen zwei Auftritten unangenehm werden und deswegen dem Dichter die Regel vorgeschrieben, dass die Schaubühne während eines Aufzuges nicht müsse leer werden und dass die gegenwärtigen Personen nicht abtreten müssen, bis die folgenden sich zeigen. Man fühlt leichte, dass der Zusammenhang der Handlung auf diese Weise am genauesten bemerkt wird. Im Drama muss der Zuschauer nie müßig sein, damit seine Aufmerksamkeit nicht zerstreuet werde. Nur wenn eine Hauptperiode der Handlung zu Ende gekommen, kann man die Vorstellung unterbrechen, wie am Ende eines Aufzuges geschieht.1

 Indessen haben auch große dramatische Dichter nicht allemal die Lücken vermieden. Man findet sie beim Plautus und beim Euripides: aber beim Sophokles erinnere ich mich keiner. Wenn man den Dichter auch keines Hauptfehlers beschuldigen will, wenn er irgendwo eine Lücke gelassen hat; so wird man doch gestehen, dass es besser gewesen wäre, wenn er sie vermieden hätte.

  Aber anstößiger und schädlicher als diese Lücken, die im Grunde nur das äußerliche betreffen, sind diejenigen, die der Dichter in der Handlung selbst oder der Redner in den Gedanken lässt. Wenn z.B. ein Mensch, den wir in gewissen Gesinnungen oder in einem gewissen Vorhaben begriffen sehen, sich ändert, ohne dass wir den geringsten Grund dafür entdecken, so werden wir verdrießlich. Darum müssen alle Schritte der Gedanken und Handlungen der Menschen, von dem Künstler uns so vorgelegt werden, dass wir überall begreifen, wie der folgende aus dem vorhergehenden entsteht. Je genauer alles zusammen hängt und gleichsam in einander geschlungen ist, je besser sind wir damit zu frieden.

 Dazu gehören von Seite des Künstlers zwei Dinge: die Gründlichkeit, die eigentlich auf den wahren Zusammenhang der Dinge geht und die Sorgfalt wohl zu untersuchen, ob man auch alles, was man hat sagen oder vorstellen wollen, wirklich gesagt und vorgestellt habe. Denn gar oft entstehen in dem Werk des Künstlers Lücken, wo in seinen Gedanken keine gewesen sind; nur weil er nicht sorgfältig genug gewesen ist, zu überlegen, ob er auch wirklich alles gesagt hat, was er gesagt zu haben sich vorstellt. Darum muss er sich oft an die Stelle seines Lesers oder Zuhörers setzen und sein Werk als ein solches beurteilen.

Dieses ist ein Teil der Ausarbeitung.

 

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1 S. Aufzug.

 


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Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
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