Lächerlich

Lächerlich. (Schöne Künste) Die Dinge, worüber wir lachen, haben allemal nach unserem Urteil etwas ungereimtes oder etwas unmögliches und der seltsame Zustand des Gemüts der das Lachen verursacht, entsteht aus der Ungewissheit unseres Urteils, nach welchem zwei wiedersprechende Dinge gleich wahr scheinen. In dem Augenblicke, da wir urteilen wollen, ein Ding sei so, empfinden wir das Gegenteil davon; in dem wir das Urteil bilden, wird es auch wieder zerstört. Man lacht beim Kitzeln, über die Ungewissheit, ob man Schmerzen oder Wollust empfinde; bei seltsamen Taschenspielerkünsten, weil man nicht weiß, ob das was man sieht, wirklich oder eingebildet ist. Wenn ein Narr klug, ein junger Mensch alt, ein furchtsamer Hase beherzt tut; oder wenn einer etwas sucht, das er in der Hand hat; so fühlen wir uns zum Lachen geneigt; weil wir Dinge beisammen zu sehen glauben, die unmöglich zugleich sein können. So lächelt jeder Anfänger der Geometrie, wenn er den Beweis des euklidischen Satzes von dem vermeinten Winkel, den die Tangente des Zirkels mit dem Bogen macht, gelesen hat: sein Auge sieht einen Winkel und sein Verstand sagt ihm, dass keiner da sei. Nichts ist wunderbarer und überraschender als dass man zwei einander gradeentgegengesetzte Handlungen zugleich tun, dass man zugleich ja und nein sagen soll. Dieses scheint man doch in erwähnten Fällen zu tun und daher kommt das Belustigende in der Sache, wenn sie bloß als ein Gegenstand der Neugierde betrachtet wird. Warum lacht bisweilen ein junges unschuldiges Mädchen, wenn es seine Einwilligungen in eine Sache geben soll, die es lebhaft verlangt? Eben deswegen, weil die Schamhaftigkeit Nein und die Liebe Ja sagt. Wie soll beides zugleich statt haben können?

 Das Lachen hat seinen Grund bloß in der Vorstellungskraft, insofern sie die Beschaffenheit der Sachen als einen Gegenstand der Neugierde beurteilt: so bald das Herz Anteil daran nimmt, hört das Lachen auf. Ich habe bei der unvermuteten Erscheinung einer innigst geliebten Person, die man hundert Meilen entfernt glaubte, ein lautes Lachen gehört, das bald den Thränen der zärtlichsten Freude Platz machte. In dem ersten Augenblick der Erscheinung wirkte blos die Vorstellungskraft, die das Seltsame und Unmögliche der Sache fühlte, dass eine Person abwesend und doch gegenwärtig sein sollte. So bald die wirkliche Gegenwart entschieden und das Ungewisse verschwunden war, überließ man sich den Empfindungen des Herzens. Also dauert das Lachen nur, so lange die Ungewissheit dauert und so lange die Sache rätselhaft ist. Darum belustiget sich kein Mensch mehr an den seltsamsten Taschenspielerkünsten, so bald er weiß, wie es damit zugeht; darum lachen einige Menschen über Dinge, wobei andere völlig gleichgültig bleiben; die Lacher haben nicht Scharfsinn oder Aufmerksamkeit genug, das Räthsel aufzulösen oder die Ungewissheit zu heben. Deswegen wird schon eine künstlichere Verwicklung der Sachen erfordert, scharfsinnige als einfältigere Menschen lachen zu machen.

 Es scheint, dass die verschiedenen Arten des Lächerlichen sich auf zwei Hauptgattungen bringen lassen, die den zwei Hauptgattungen des Wahren entgegengesetzt sind.

 Die erste Gattung entsteht aus Vereinigung solcher Dinge, die nach unseren Begriffen unmöglich zugleich sein können; weil eines das andere aufhebt. Die zweite aus Vereinigung der Dinge, für welche kein Grund anzugeben, deren Zusammenhang unbegreiflich und abenteuerlich ist. Wir wollen der ersten Gattung den Namen des ungereimsen, der anderen, des abentbeuerlichen Lächerlichen geben. Jede fasst mehrere besondere Arten in sich; aber es würde zu weitläufig sein, alle auseinander zu setzen. Folgendes kann zur Probe hinlänglich sein.

 Das ungereimt Lächerliche entsteht auf verschiedene Weise: zuerst aus dem Wiedersprechenden. Wenn ein Gek klug, ein Furchtsamer beherzt; eine hässliche Alte schön und jung, ein Unwissender gelehrt tut und dergleichen; so fallen sie völlig ins Lä cherliche. Beispiele davon sind überall im Überfluss anzutreffen. Man macht also die Menschen lächerlich, deren Reden und Handlungen so vorgestellt werden, dass dieses Wiedersprechende darin auffält. Sehr oft macht man uns in der Komödie lachen, wenn man Leute gerade das Gegenteil von dem tun lässt, was sie sich zu tun einbilden; oder wenn ihnen das Gegenteil von dem begegnet, was sie erwarten; wenn wir nur nicht uns im Ernst für sie intreßiren. Voltaire hält ohne Grund dieses für das einzige Lächerliche, das ein lautes Lachen erwecke.1 Es fällt aber meistenteils ins Niedrige. Wenn Personen von Geschmack über dergleichen Ungereimtheiten lachen sollen, so müssen sie doch etwas feines haben, der Wiederspruch muss nicht sogleich in die Augen fallen, es muss einiger Scharfsinn dazu gehören, ihn zu fühlen oder das Ungereimte muss seltsam und ausserordentlich sein.

 Hernach wird auch das bloß Unwahre oder Unvollkommene, wenn es bis zur Ungereimtheit steigt, lächerlich; wie man an vielen übertriebenen Karikaturen sieht. Und denn bekommt es noch einen stärkern Reiz, wenn es unter dem Schein des Ernstes noch mit Nachdruck ausgezeichnet wird. So ist die ungeheure Prahlerei des Miles gloriosus beim Plautus lächerlich, wenn er sagt: Postridie natus sum ego – quam Jupiter ex Ope natus erat.

Und wird es noch mehr, wenn sein Knecht mit ernsthafter Mine hinzutut:

Si hic pridie natus foret quam ille, hic haberet regnum in cœlo.2 Drittens wird dieses Lächerliche auch durch ungereimte Anwendung oder Deutung an sich richtiger Gedanken oder Worte hervorgebracht. Dadurch wird entweder der, dessen Worten man einen ungereimten Sinn andichtet oder der, welcher sie auf eine ungereimte Weise versteht, lächerlich. Als Antiochus, den Hannibal gegen die Römer aufwiegelte, diesem Feldhern sein Heer zeigte, welches ungemein prächtig und reich gerüstet, sonst aber vermutlich schlecht war und ihn danach fragte, ob er nicht glaubte, dass dieses für die Römer hinlänglich wäre, antwortete der schlaue Carthaginenser: die Römer seien ihm zwar als ein sehr habsüchtiges Volk bekannt, doch glaube er, dass sie sich damit begnügen werden. Hier dichtete Hannibal den Worten des Königs einen völlig ungereimten Sinn an. So sind in dem Geizigen des Moliere lächerliche Mißdeutungen, da Harpagon von seinem Schatzkästchen Dinge sagt, die ein anderer auf ein Mädchen deutet. Dieses Lächerliche steigt aufs höchste, wenn die Mißdeutungen ernstlichen Streit zwi schen den Personen verursachen, die einander ihre Worte so ungereimt auslegen.

  Viertens entsteht das ungereimte Lächerliche auch aus Vergleichungen der Dinge, die in keine Vergleichung kommen können; wenn große Dinge mit kleinen oder kleine mit Großen vergliechen werden, wie wenn Scarron in dem bekannten Sinngedicht den Verfall großer und mächtiger Staaten mit seinem zerrissenen Wammes vergleicht. Die meisten Parodien gehören zu dieser Art des Lächerlichen. Auch das Naive das ins Lächerliche fällt, gehört zu dieser Art.3

 Vielleicht gibt es noch mehr Arten des ungereimt Lächerlichen.

 Das abenteuerlich Lächerliche, macht die zweite Hauptgattung aus. Es bekommt seine Kraft von einer höchstseltsamen Verbindung der Dinge, davon kein Grund anzugeben ist. Dieses ist die Gattung, derer Horaz im Anfang seines Schreibens über die poetische Kunst erwähnet.

Humano capiti cervicem pictor equinam Jungere si velit et varias inducere plumas, Undique collatis membris et turpiter atrum Desinat in piscem mulier formosa superne. Spectatum admissi risum teneatis Amici? Hierher gehören erstlich die seltsamen Abenteuer, wovon kein Mensch den Zusammenhang, einsieht, dergleichen in den Ritterbüchern und in den komischen Romanen vorkommen, possierliche Verwicklungen und Vorfälle, dergleichen man in einigen Komödien sieht. Hernach das abenteuerliche und possierliche in Einfällen, Reden und Handlungen solcher Menschen, die wahre Originale sind, welche ganz außer die Ordnung der Natur treten, die immer so denken und handeln, wie sonst kein Mensch tun würde.

 Ferner das Seltsame und Abenteuerliche in Vergleichung solcher Dinge, zwischen denen nur eine wilde und ausschweifende Phantasie, Ähnlichkeiten entdeckt, die keinem ordentlich denkenden Menschen eingefallen wären. Von dieser Art des Lächerlichen findet man eine sehr reiche Ärndte in Buttlers Hudibras. Nicht nur seine Helden sind possierliche und abenteuerliche Narren, sondern die beständigen Anspielungen der albernsten Handlungen dieser niedrigen Originale, auf sehr ernsthafte Begebenheiten und Unternehmungen derselben Zeit, machen dieses Gedicht ungemein ergötzend.

 Dieses sei von der Beschaffenheit der lächerlichen Gegenstände gesagt.

 Auch das Lachen selbst ist von verschiedener Art; rein und bloß belustigend; oder mit anderen Empfindungen vermischt, nach Beschaffenheit der Veranlassung dazu. Wenn wir das Lächerliche in zufälligen Dingen entdecken, so tut es eine ganz andere Wür kung als wenn wir es an Personen wahrnehmen, deren Einfalt oder Narrheit der Grund davon ist. Im ersten Fall ist es rein und bloß belustigend, wie bei seltsamen possierlichen Begebenheiten. Entsteht es aber aus Einfalt, so mischt sich schon ein kleiner Hang zum Spotten in dasselbe; wir sehen gerne, dass andre sich weniger scharfsinnig zeigen als wir sind. Hat es aber Narrheit zum Grunde oder fällt es auf Personen, denen wir nicht gewogen sind oder die wir gar hassen, so mischt sich Spott oder Hohn darein. Schon die Freude Personen, denen wir nichts gutes gönnen, gedemütiget zu sehen, ist hinlänglich, uns lachen zu machen.

 Hieraus entsteht die verschiedene Anwendung des Lächerlichen in den schönen Künsten. Es dient entweder zur Belustigung oder zur Warnung oder zur Züchtigung.

 Von dem Wert und dem Rang der Werke, die bloß zur Belustigung dienen, ist anderswo gesprochen worden.4 Hier ist bloß der Stoff zu diesen Werken und dessen Behandlung in Betrachtung zu ziehen. Das reine Lachen entsteht aus dem Ungereimten, das keine Narrheit zum Grund hat, die wir verspotten könnten. Hierher gehören die Arten des abenteuerlichen Lächerlichen, wovon so eben gesprochen worden.

 Alle Hauptzweige der schönen Künste können dieses Lächerliche brauchen. Die Dichtkunst auf man cherlei Weise, vorzüglich in scherzhaften Erzählungen und in der Komödie; die Tanzkunst und Musik, in komischen Balleten; die zeichnenden Künste auf mancherlei Art, am vorzüglichsten aber in historischkomischen Stücken.

 Soll aber diese Art des Lächerlichen auf eine den schönen Künsten anständige Art gebraucht werden, so muss es nicht in das Abgeschmackte oder grobe Niedrige fallen, sondern mit feinem Geschmack durchwürzt sein. Es wird abgeschmackt und albern, so bald es den Schein der Wirklichkeit oder die Wahrscheinlichkeit verlieret. Nur der nie denkende Pöbel lässt sich verblenden, dass er grob erdachte Ungereimtheiten für wirklich hält und lacht, wenn in schlechten Possenspielen ein Mensch über einen anderen wegstolpert, den er gar wohl gesehen hat; oder wenn er sich blind und taub stellt, wo jedermann sieht, dass er es nicht ist; oder wenn jemand etwas naives sagt oder tut, wobei jedermann merkt, dass es bloß possenhafte Verstellung ist. Unsere deutsche Schaubühne hat zwar glücklich angefangen, sich von solchen Possen, wovon selbst Moliere nicht rein ist, zu reinigen; aber die komischen Opern führen es nicht selten wieder ein. Um es zu vermeiden, muss der Künstler sich vor dem Übertriebenen und Unwahrscheinlichen hüten. Der Karikaturmaler muss dem Menschen die menschliche Physionomie lassen und sie auf eine geschickte und wahr scheinliche Weise mit der Physionomie eines Schaafs oder einer Nachteule verbinden, dass nicht alberne Köpfe, sondern verständige Menschen die Sache für wirklich halten. Setzt man einen wirklichen Katzenkopf auf einen menschlichen Körper, so ist die Sache bloß unsinnig und nicht mehr lustig.

 Will der Dichter oder Maler uns mit Schilderung solcher Menschen belustigen, deren Charakter und Sitten einen lächerlichen Gegensatz mit den Unsrigen machen, so muss er uns nicht völlig alberne und abgeschmackte Menschen zeigen. Diese verachten wir auf den ersten Blick; auch keine, an deren Wirklichkeit wir gleich zweifeln; denn diese ziehen unsere Aufmerksamkeit nicht an sich.

 Niemand bilde sich ein, dass zu dieser Art des Lächerlichen bloß eine abenteuerliche Phantasie gehöre; ohne feinen Witz und großen Scharfsinn wird keiner darin glücklich sein. Es ist eben so schwer einen Roman, wie der Gil-Blas ist, zu schreiben als ein Heldengedicht zu machen; und die Geschichte der Kunst selbst beweißt, wie wenig Zeichner sind, die in Karikaturen das Geistreiche eines da Vinci oder eines Hogarths zu erreichen vermocht haben. Wirkliche nicht erdichtete Ähnlichkeit und Contrast, zwischen Dingen, wo wir sie nicht würden gesehen haben, sehen nur Menschen, die scharfsinniger sind als wir und dadurch setzen sie uns in den zweifelhaften Zu stand und in die Art der Verwunderung, die zum Lachen notwendig ist. Die Kunst zu scherzen ist so selten als irgend ein anderes Talent, das die Natur nur wenigen gibt.

 Wichtiger ist die Anwendung des Lächerlichen zur Warnung und Besserung der Menschen. Wer Empfindung von Ehre hat, dem ist nichts fürchterlicher als die Gefahr verachtet oder gar verspottet zu werden und es ist kaum eine Leidenschaft mit der so viel ausgerichtet werden kann als mit dieser. Mancher ließe sich eher sein Vermögen oder gar das Leben rauben als dass er lächerlich sein wollte. Hier ist also für den Künstler Ruhm zu erwerben: er kann die Menschen von jeder Torheit, von jedem Vorurteil, von jeder bösen Gewohnheit heilen und jede schädliche Leidenschaft im Zaum halten; wenn er nur die Furcht lächerlich zu werden, zu rechter Zeit in ihnen rege macht. Das Lächerliche der ersten Gattung schickt sich vorzüglich zu diesem Gebrauch; es darf nur auf Menschen, die man lächerlich machen will, angewendet werden. Die komische Schaubühne kann hierzu die beste Gelegenheit geben; denn alle andren Arten rühren weniger, weil ihnen das Schauspiel fehlt, wodurch jeder Eindruck lebhafter wird.5 Auf die spottende Komödie kann man anwenden, was Aristoteles vom Trauerspiel sagt: sie reinigt durch Narrheit von der Narrheit. In dem sie den Toren und Narren dem öf fentlichen Gelächter bloß stellt, erweckt sie die Furcht lächerlich zu werden. Rousseau spricht ihr diesen Nutzen ab; aber er hat hier die Sachen in einem etwas falschen Lichte gesehen. Es gibt allerdings Narren, die nie empfinden, dass sie lächerlich sind; diese kann man nicht bessern. Aber wie mancher Mensch findet sich nicht, der bloß anderer Narrheit nachahmet? Wir können Torheiten und ungereimte Vorurteile an uns haben, die nicht in unseren eigenen Geist erzeugt, nicht aus unserer verkehrten Art zu sehen, entstanden sind; wir haben sie eingeführt gefunden und es ist uns nur nicht eingefallen, sie an dem Probierstein der Vernunft zu prüfen. Kommt ein klügerer, der uns das Lächerliche davon aufdeckt, so erkennen wir es und reinigen uns davon. Mancher Mensch würde sich aus Mangel der Überlegung, aus Leichtsinn, Torheiten und Vorurteilen überlassen; kommt man ihm aber mit dem Lächerlichen zuvor, so verwahrt er sich dagegen. Wie mancher verständige Gelehrte, würde nicht ein Pedant sein, wenn nicht die Pedanterei wäre lächerlich gemacht worden? Rousseau hat nicht bedacht, dass die Narrheit nicht bloß den Narren eigen ist, sondern auch Verständige ansteckt; so wie das Laster nicht bloß den verworfenen Menschen, in deren Herzen es entspringt, eigen ist, sondern auch gute Menschen übereilen kann. Einen geborenen Narren von verkehrtem Sinne, kann man freilich nicht heilen;

aber verständige Menschen sind von Torheiten und Vorurteilen, die sie durch Anstekung gewonnen haben, zu befreien oder vor der künftigen Anstekung zu verwahren. Sollte dieses nicht weit leichter und natürlicher sein als dass sie davon angesteckt werden? Oft kommen Narrheiten eines ganzen Volks, von einem einzigen verwirrten Kopfe; warum sollten sie nicht auch, durch einen klugen Kopf vertrieben werden können? Hievon aber habe ich anderswo ausführlicher gesprochen.6

 Wo man die Besserung zur Absicht hat, muss die Narrheit selbst, nicht die Person des Narren, den man bessern will, lächerlich gemacht werden. Man muss sich so gar in Acht nehmen, dass er sich nicht gleich persönlich getroffen glaube; er muss erst brav mitlachen und erst am Ende muss man ihm sagen:

–– Quid rides? mutato nomine de te Fabula narratur.

Überhaupt aber muss man um Menschen von Torheiten zu heilen oder dafür zu warnen, nie ganz verworfene und grobe Narren auf die Bühne bringen. Sie sind unheilbar und gehören ins Tollhaus; für andere sind sie unschädlich, weil sie nicht anstecken. Kein Mensch, der noch einigen Verstand hat, glaubt sich in dem Falle zu finden, äußerst lächerlich zu sein oder zu werden. Er macht also keine Anwendung auf sich, wenn ihm gar zu grobe Narrheiten vorgehalten werden. Man muss da eben so behutsam verfahren, wie bei den Drohungen mit den Strafen der Vergehungen. Einen Menschen der noch Empfindung von Ehre hat, kann man nicht durch Galgen und Rad schrecken, sie liegen außer seinem Kreis; und so ist auch das Tollhaus keine Warnung, die man verständigen Menschen geben könnte. Wer in Molieres Tartüffe oder Harpagon sich selbst erkennt, wird dadurch nicht gebessert; denn er hat alle Scham bereits verloren; ein feinerer Tartüffe und Harpagon aber, wendet dieses grobe Lächerliche nicht auf sich an.

 Darum soll der komische Dichter, der die Menschen von Torheiten befreien oder sie dafür warnen will, sowohl in der Wahl des Lächerlichen als in der Schilderung desselben vorsichtig sein. Er soll uns nicht grobe Narrheiten, die wir selbst auch hinlänglich bemerken, sondern unsere eigene Torheiten, die wir aus Unachtsamkeit oder aus Mangel des Scharfsinns nicht bemerkt haben, lebhaft fühlen lassen, um uns davon zu heilen. Entdeckt er ausgebreitete Torheiten, die wir übersehen könnten, die wir noch nicht haben, aber vielleicht annehmen würden, so warne er uns bei Zeiten dafür; vor groben Narrheiten halten wir uns durch uns selbst schon genug verwahrt.

Hier ist leicht zu sehen, dass nur die scharfsinnigsten Köpfe, die viel weiter als andre, auch nicht un verständige Menschen, sehen, zu diesem Werk aufgelegt sind. Wer nicht über alle andere Menschen weg sieht, muss sich daran nicht wagen. Daher kommt es, dass komische Dichter dieser Art, so sehr selten sind. Wo es auf bloße Belustigung ankommt, wovon vorher gesprochen worden, da hat es so viel nicht auf sich; eine gute komische Laune ist dazu hinlänglich, wiewohl auch diese schon eine ziemlich seltene Gab ist. Aber hier muss noch allgemeine, überwiegende Beurteilung der Menschen und Sitten dazu kommen. Wir erinnern dieses, um junge komische Dichter zu warnen, dass sie sich nicht zu früh in dieses Feld wagen; sie mögen erst versuchen uns zu belustigen; aber ehe sie uns vom Lächerlichen zu heilen versuchen, müssen sie sehr gewiss sein, nicht, dass sie gemeine Narren, sondern auch klügere Menschen, übersehen. Dazu gehört eine ungemeine Kenntnis der Menschen und der Welt, von den tiefsten Einsichten der Philosophie unterstützt. Die aber diese Kenntnis und Einsicht durch langes beobachten und scharfes Nachdenken erlangt haben, besizen denn selten noch die komische Laune den Gebrauch davon zu machen.

 Dieser Schwierigkeit ist es noch mehr zuzuschreiben als dem Mangel an Torheiten, wie einige glauben, dass die deutsche Schaubühne noch so wenig gutes in dieser Art aufzuweisen hat. Es ist wahr, dass Deutschland bloß zur Belustigung weniger komische Originale hat als andere Länder, wo man freier lebt und sich weniger nach anderen umsieht, um es so zu machen, wie sie. Der Deutsche scheuhet sich ungeschickt zu scheinen und hat nicht Mut genug sich ganz seinem Gutdünken zu überlassen; darum ist er weniger Original als mancher andrer. Aber an Vorurteilen und Torheiten fehlt es ihm wahrlich nicht. Non deest materia, sed artifex. Es fehlt uns an Geistern, die von einer gewissen Höhe auf uns herabsehen und dann Lust und Laune genug hätten, sich mit uns abzugeben und uns das Lächerliche, das sie entdeckt haben, vorzuzeichnen. Wieland steht hoch genug um seine Nation zu übersehen und auch an Laune fehlet es ihm nicht. Aber er hält den Spiegel so hoch, dass nur die, die das schärfste Gesicht haben, deütlich darin sehen: man muss schon über die gemeinen Torheiten weit weg sein, um sich von ihm von versteckteren heilen zu lassen. Lessing scheint einen stärkern Hang zur tragischen Muse zu haben; und sein Lachen zieht meistenteils ins bittere. Liscow würde der komischen Bühne in dieser Art große Dienste geleistet haben, wenn er sich dieses vorgenommen hätte.

 Die Behandlung dieser Gattung scheint einer der schwersten Teile der Kunst zu sein. Die größte Sorgfalt muss auf die Wahrscheinlichkeit gewendet werden; denn der Zweck wird notwendig verfehlt, so bald der Zuhörer glaubt, dass es solche Narren, wie man ihm vorstellt, nicht gebe. Zugleich aber muss das Ungereimte darin völlig hervorstechen. Es wäre vielleicht nicht unmöglich die verschiedenen Arten hierbei zu verfahren, aus einander zu setzen. Im Grunde müssen sie mit den verschiedenen Arten den Irrtum zu wiederlegen übereinkommen: die Torheit ist ein Irrtum, dessen Wiederspruch an den Tag zu bringen ist. Wollte sich hier jemand die Mühe nehmen, die Aristoteles genommen, da er seinen Elenchus geschrieben hat; so würden wir alle mögliche Arten das Lächerliche völlig einleuchtend zu machen, erkennen können. Vielleicht ist es nicht ganz ohne Nutzen, nur ein Paar Beispiele davon anzuführen.

 

 Cineas. Die Römer sollen ein sehr kriegerisches Volk sein – doch wir werden sie besiegen. Aber zu was soll uns denn der Sieg helfen, den die Götter uns verleihen werden?

 Pyrr. Das versteht sich von selbst. Haben wir uns einmal die Römer unterworfen, so wird uns in ganz Italien niemand mehr wiederstehen weder Grieche noch Barbar. Also werden wir Meister von ganz Italien sein.

Cin. Gut und wenn wir nun ganz Italien werden erobert haben, was werden wir denn tun?

 Pyrr. Siehst du nicht, dass wir dann auch Sicilien haben können? Was sollt' uns nun hindern, diese glückliche und volkreiche Insel zu eroberen.

Cin. Das lässt sich wohl hören. Es ist so jetzt alles da in Unordnung, nachdem Agathokles Tod ist. –

Dieses soll also denn das End' unserer Eroberung sein?

  Pyrr. Du überlegest die Sachen nicht, Cineas. Dies alles soll nur ein Vorspiel größerer Unternehmungen sein. Wer sollte, wenn er einmal Italien und Sicilien hat, nicht nach dem so nahe liegenden Afrika und Carthago Lust bekommen? – Hast du nicht gesehen, dass Agathokles, der doch mit so wenig Schiffen und nur, wie verstohlner Weise aus Sicilien dahin geseegelt war, sich beinahe davon Meister gemacht hat. Wer wird denn uns, da wir eine so große Macht haben, Wiederstand tun?

 Cin. Kein Mensch. Denn können wir auch wieder zurückekehren, Macedonien wieder einnehmen und über alle Griechen herrschen. Das ist sicher. Aber was werden wir denn zulezt, nach allen diesen Siegen und Eroberungen tun?

 Pyrr. (lächend.) Mein guter Cineas! denn wollen wir recht ruhig leben; täglich Gastereien und Lustbarkeiten anstellen und recht lustig sein.

 Cin. Was hindert uns denn dieses gleich jetzt zu tun? Warum sollen wir mit so viel Arbeit, mit so viel Gefahr, mit so viel Blutvergießen etwas in der Ferne suchen, was schon jetzt in unserer Gewalt ist, da wir wirklich alles besizen, was zu jenem lustigen Leben nötig ist?

 

 Auf eine ähnliche Weise kann man auch andere Arten der Wiederlegung anwenden, das Lächerliche herauszubringen; wovon die Induktion oder Anführung ähnlicher Fälle keine der geringsten ist. Man könnte eine Art von Topik geben, die alle Mittel enthielte, das Lächerliche in helles Licht zu setzen; doch müsste allemal der Scharfsinn und die komische Laune beim Gebrauch derselben vorausgesetzt werden. Denn ohne Genie lernt man die Kunst zu spotten, so wenig als andere Künste. Cicero wünschte ein System dieser Kunst zu haben; ob er gleich wohl sah, dass die Natur das beste dabei tun müsste.7

 Wiewohl die Komödie die vorzüglichste Gelegenheit hat, dieses Lächerliche anzuwenden, so kann es in allen anderen Arten auch gut gebraucht werden; in allen Dichtungsarten; im Gespräch, welche Art Lucian vorzüglich geliebt; im Sinngedicht. Dass es auch in den zeichnenden Künsten angehe, kann man am deutlichsten aus Hogarths Werken, besonders aus seinen Zeichnungen zum Hudibras sehen. Dem Redner kann es höchst vorteilhaft sein: wenn er seine Gegner lächerlich zu machen weiß, so hat er seine Sache meist gewonnen; denn man ist geneigt sich auf die Seite des Lachenden zu wenden. Bisweilen vertritt auch ein Wort, wodurch ein langer Beweis der Gegenpartei lächerlich gemacht wird, die Stelle der gründlichsten Wiederlegung.

  Einen sehr großen Nutzen hat die Kunst, fein über Torheiten zu spotten, auch im gemeinen Leben; nicht nur um sich gegen Narren in Sicherheit zu setzen, sondern auch um die Menschen von Torheiten und Vorurteilen zu reinigen. Es ist ein wahres Glück unter seinen Bekannten einen zu haben, dem keine Torheit entgeht und der sie auf eine feine und nicht beleidigende Art, fühlbar zu machen weiß. So wie der Umgang mit dem schönen Geschlechte die Männer höflicher und gefälliger macht und sie von der ihrem Geschlecht anklebenden Rauhigkeit reinigt; so dient auch der Umgang mit feinen Spöttern, uns von Torheiten zu befreien.

 Aber es wäre zu wünschen, dass diese Gabe zu spotten nur redlichen Menschen zu teil würde; weil leicht ein großer Mißbrauch davon gemacht wird Rousseau hat Molieren mit Recht vorgeworfen, dass er oft einen unsittlichen Gebrauch davon gemacht habe; und wer kennt nicht berühmte Spötter, die verehrungswürdige Gegenstände lächerlich zu machen suchen? Vergeblich hat der berühmte Graf Schaftesbüry sich bemüht die Welt zu bereden, dass das Lächerliche, das man Wahrheit und Verdienst anzuhängen sucht, nicht darauf hafte; sondern vielmehr ein Probierstein desselben sei.8 Die Erfahrung lehrt das Gegenteil. Cicero merkt irgendwo an, dass er so viel über jemand gelacht habe, dass er beinahe selbst darüber zum Narren worden sei.9 Um so viel leichter ist es, wenn man oft versucht, sich etwas von der lächerlichen Seite vorzustellen, es zulezt lächerlich zu finden. Man hat ja Beispiele genug, dass aus Scherz Ernst wird. Also ist es doch immer gefährlich, in Dingen, die man verehren soll, etwas Lächerliches zu suchen. Mancher, der gewohnt ist, die possenhafte Äneis des Scarrons zu lesen, wird schwerlich die Äneis selbst mit dem Ernste lesen können, den er sonst dabei würde gehabt haben.

 Wir haben noch die dritte Anwendung des Lächerlichen zu betrachten, da es zur Züchtigung der Bosheit gebraucht wird. Cicero hat diese wichtige Anwendung des Lächerlichen verkannt; er sagt ausdrücklich, man müsse Missetäter härter als mit Spott bestrafen.10 Aber dieses geht nicht allemal an. Es gibt Bösewichte, die über die Gesetze erhaben sind; andere sind eine Pest der menschlichen Gesellschaft und wissen ihre Bosheit so listig auszuüben, dass man die Gesetze gegen sie gar nicht brauchen kann. Diese können nur mit der Geisel des Spötters gezüchtiget werden; es ist die einzige Art sich an ihnen zu rächen. Bessern kann man sich nicht dadurch; dieses ist auch nicht die Absicht des Spötters, er will ihnen nur wehe tun; und er tut wohl daran. Denn kann doch noch das gute daraus erfolgen, dass der Bösewicht in allgemeine Verachtung kommt, die ihm in fernerer Ausübung seiner Bosheit doch große Hindernisse in dem Weg legen kann. Wer in allgemeiner Verachtung steht, ist selten fürchterlich.

 Wer unternimmt einen großen Missetäter, dem man durch die Gesetze nicht beikommen kann, verächtlich zu machen, hat auch nicht nötig in seinen Spöttereien so sehr sorgfältig zu sein. Auch der Pöbel muss seiner spotten; folglich ist alles, was ihn beschimpfen kann, gut gegen ihn. Können feinere Köpfe nicht lachen, wann Tartüffe sich in seiner verliebten Tollheit so grob hintergehen lässt; so sehen sie es doch gerne, dass der Pöbel darüber lacht. Auch die unwahrscheinlichste Narrheit, der man ihn beschuldiget, kann gute Wirkung tun. Aristophanes beschuldiget den Sokrates in seinen Wolken so viel grober Narrheiten, dass kein Verständiger darüber wird gelacht haben; aber manchem einfältigen Manne mag der Philosoph dadurch verächtlich worden sein.

 Die sogenannte alte Komödie in Athen, gab den Dichtern Gelegenheit das Lächerliche zu diesem Gebrauch anzuwenden. Vielleicht war nie ein Mensch in dieser Art Spötterei geschickter als Aristophanes. Unsre heutigen Staatsverfassungen haben diesen Gebrauch entweder völlig oder doch größtenteils gehemmet. Hievon aber wird an einem anderen Orte gesprochen werden.11

 

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1 J'ai cru remarquer qu' il ne s'élève presque jamais des éclats de rire universels qu' à l'occasion d'une meprise – Il y a bien d'autres genres de comique – mais je n'ai jamais vu ce qui s'apelle rire de tout son coeur – que dans ces cas approchans de ceux, dont je viens de parler. In der Vorrede zum Ensant prodigue.

2 Mil. Glor. Act. IV. s. 2.

3 S. Naiv.

4 S. Scherzhaft.

5 S. Schauspiel.

6 S. Reflexions philosophiques sur l'utilité de la poesie dramatique, in den Memoires der Preuß. Academie der Wissenschaften für das Jahr 1760. S. 337 u. s. f.

7 Cujus utinam artem aliquam haberemus! sed domi na natura est. De Oratore Lib. II.

8 Essay on the freedom of Wit and Humer.

9 Adeo illum risi, ut pene sim sactus ille.

10 Facinorosos majori quadam vi quam ridiculi vulnerari volunt. De Orat. L. II.

11 S. Satyre.

 


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