Lichter (Malerei)

Lichter. (Malerei) So werden in einem Gemälde diejenigen Stellen genannt, auf welchen das einfallende Licht ohne einige Schwächung seine ganze Stärke behält. Auf einer Kugel, worauf das ganze Licht fällt, ist, wie im vorhergehenden Artikel gezeigt worden, nur eine einzige kleine Stelle, die dasselbe in seiner ganzen Stärke bekommt; also nur ein solches Licht: aber auf einem vielförmigen Körper, sieht man allgemein mehrere Lichter. Ein Gesicht, worauf ein streifendes Seitenlicht fällt, wird auf allen erhabenen Stellen, z. B. auf der Stirn, auf der Nase, auf dem Kinn und auf der höchsten Rundung der Baken Lichter zeigen, wenn diese Teile gegen die Fläche des einfallenden Lichts so hervorstehen, dass sie vom ganzen Lichte getroffen werden, da es vor den weniger hervorstehenden Teilen vorbeiglitschet.

 Man muss sich das eingeschränkte Licht als einen Strom vorstellen, der seine bestimmte Ufer und Grenzflächen hat. So ist das Licht, das durch eine viereckige Öfnung, wie ein Fenster, in einen dunklen Raum fällt, ein in vier gerade Flächen eingeschlossener Lichtstrom. Steht ein Körper, an welchem Erhöhungen und Vertiefungen sind, so neben diesem Strom, dass nur einige herausstehende Teile sich in denselben eintauchen, da andere außer ihm liegen, so erscheinen die Lichter auf diesen Teilen.

 Die richtige Austeilung der Lichter in einem Gemälde ist eine Sache, wozu eine mathematische Genauigkeit erfordert wird, die, wie die Regeln der Perspektive nur durch wirklich geometrische Bestimmungen kann erreicht werden. Weil die Maler selten das Licht mit dieser Genauigkeit behandeln, so sieht man gar oft Lichter auf Gemälden verstreut, deren Dasein aus dem einfallenden Hauptlicht unmöglich kann erklärt werden.

 In einem Gemälde, wo nur einzelne Teile von dem vollen Hauptlichte getroffen werden, da es auf allen anderen mehr oder weniger durch Schatten gedämpft wird, können die Lichter ohne jene geometrische Genauigkeit nicht angebracht werden. Deswegen sollten die, welche Anleitungen zur Perspektive für die Maler schreiben, auch diese Materie etwas genau abhandeln. Um nur einigermaßen eine Probe der Behandlung dieser Materie zu geben, wollen wir folgendes anmerken.

 Vor allen Dingen muss bei eingeschränktem Lichte der Lichtstrom nach seiner Größe, nach seiner Figur und nach seiner Richtung genau bestimmt werden. Er kann conisch, cylindrisch, prismatisch u.s.w. sein. Nächst diesem muss die eigentliche Lage des Lichtstroms in Absicht auf die Szene oder den ganzen Raum des Gemäldes bestimmt werden. Hat denn der Maler einen richtigen Grundriss von seinem Gemähl de und ist die Höhe jedes Gegenstandes darauf bestimmt, so kann er genau sagen, welche Teile des Gemäldes in dem Lichtstrom und welche außer demselben liegen.

 Hiernächst kommen sowohl der Horizont des Gemäldes als der dafür angenommene Augenpunkt in Betrachtung, weil alles was über dem Horizont ist, sein Licht niedriger hat als was unter ihm steht und das, was zur Rechten des Augenpunkts liegt, keine Lichter haben kann als auf seiner linken Seite.

 Wir berühren diese Sachen hier nur obenhin, weil ihre Ausführung, wie gesagt, in die Abhandlung der Perspektive gehört. Wenn in einem historischen Gemälde alles nach dem Leben könnte gemalt werden, so hätte der Künstler diese Theorie zur sichern Anbringung der Lichter nicht nötig. Die bloße Beobachtung würde ihm dieselben zeigen. Aber der Historienmaler setzt seine meisten Figuren, entweder aus der Phantasie hin oder nimmt sie aus gesammelten sogenannten Studien: da kann er bloß der Zeichnung halber sicher sein; aber Licht und Schatten muss er aus genauen perspektivischen Regeln bestimmen.

 Ungemein viele Fehler, sowohl gegen die Perspektive als insbesondere gegen die wahre Setzung der Lichter, entstehen daher, dass die Maler ihre historischen Stücke aus Studien zusammensetzen, davon jedes aus einem eigenen Gesichtspunkt und in einem eige nen Lichte gezeichnet und schattiert worden und dann glauben, sie können ohne genaue Bestimmung der perspektivischen und optischen Regeln, diese Studien, durch ohgefähre Schätzung so verändern, dass sie in die Perspektive und Beleuchtung des Gemäldes passen.

 


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