Leben

Leben. (Malerei) Es ist in der Malerei der äußerste Grad der Vollkommenheit, wenn lebendige Gegenstände so gemalt sind, das man das Leben, die athmende Brust, die Wärme des Blutes und besonders das wirklich sehende und empfindende Auge darin wahrzunehmen glaubt. Dann schreibt man dem Gemälde ein Leben zu. Für die Malerei ist es von der höchsten Wichtigkeit, dass man auf das besondere Achtung gebe, woraus eigentlich dieses vermeinte Gefühl des Lebens entsteht. Wenn man einen Menschen in der größten Vollkommenheit in Wachs abbilden und ihn mit den natürlichsten Farben bemalen würde, so wäre doch schwerlich zu erwarten, dass man in der Nähe durch das Bild hinlänglich würde getäuscht werden, um es für eine lebendige Person zu halten. Es scheint, dass der Ausdruck des Lebens von mancherlei kaum nennbaren Umständen abhange.

 Etwas davon muss durch die Zeichnung bewirkt werden, das übrige durch das Kolorit. Der höchste Grad dessen, was man eine fließende Zeichnung nennt, kann viel dazu beitragen; weil in der Natur selbst alles, was zur Form gehört, höchst fließend ist. Dieses kann auch bei dem besten Genie nur durch eine unermüdete und anhaltende Übung im Zeichnen nach der Natur erhalten werden. Man empfiehlt dem Historienmaler mit Recht das Studium und Zeichnen des Antiken; sollt' er aber dabei die Natur selbst aus der Acht lassen, so wird er zwar edle, auch wohl große Formen und einen anständigen Ausdruck in seine Gewalt bekommen; aber das Leben wird er seinen Figuren nicht geben können. Man wird, wie in Poußins Gemälden nicht selten geschieht, in den Personen das Leblose des Marmors zu fühlen glauben.

 Da auch die Natur, selbst da, wo sie nicht schön gezeichnet hat, doch nichts unausgeführt lässt und selbst in den geringsten Teilen der Form etwas besonderes bestimmtes oder individuelles hat, so muss auch der Zeichner, um sich dem Leben so viel als möglich ist, zu nähern, nichts unausgeführt noch unbestimmt lassen. In den kleinsten Teilen, in Augen, Ohren, Haaren, Fingern, muss in den Umrissen nicht nur alles vollständig, sondern auch für jede Figur besonders bestimmt sein. Wer nur allgemeine Gliedmaßen zu zeichnen weiß, Augen und Finger, die nicht einem Menschen besonders zugehören, sondern das Ideal der menschlichen Augen und Finger sind; kann das Leben nicht erreichen. »Man muss, wie Mengs von Raphael sagt, sich begnügen, von dem Antiken (oder von dem Ideal) die Hauptformen zu gebrauchen, viel öfters aber in dem Leben das wählen und nachahmen, was jenem am nächsten kommt. Man muss, wie jener, erkennen, dass gewisse Gesichtsstriche auch gewisse Bedeutungen haben und allgemein ein gewisses Temperament anzeigen; auch dass zu einem solchen Gesichte eine gewisse Art Glieder, Hände und Füße gehören.«1

 Darum tun auch die Maler nicht wohl, die sich beständig nur an einem oder an zwei Modelen im Zeichnen üben. Man sollte damit öfters abwechseln und jedes Model so lange nachzeichnen, bis man auch die geringsten Kleinigkeiten desselben nicht nur ins Aug, sondern auch in die Hand gefasst hat und danach ein anderes nehmen. Und hieraus sollten junge Maler lernen, was für anhaltender und brennender Fleis dazu erfordert wird, dasjenige im Zeichnen zu lernen, was zur Darstellung des Lebens notwendig ist. Das beste Zeichnungsbuch und wäre es auch von Raphael selbst, das schönste Model und einige der ausgesuchtesten Antiken, sind nicht hinlänglich, ihn im Zeichnen festzusetzen. Wenn er dieses alles besizt, denn muss er erst sein Auge auf die Natur wenden. Er braucht nicht immer die Reißfeder in die Hand zu haben; aber sein Auge muss unaufhörlich beobachten, erforschen, abmessen und jede Kleinigkeit gegen das Ganze halten. Zu dieser Übung des Auges findet er die Gelegenheit den ganzen Tag hindurch. Noch schwerer scheint es, durch das Kolorit das wirkliche Leben zu erreichen. Auch dieses hat sein Ideal,2 das der Maler nach der wirklichen Natur abändern muss. Darum kommen die Portraitmaler dem Leben allemal näher als die Hi storienmaler. Aus dieser Ursache findet man unendlich mehr Leben, auch in Vandyks Historien als in Rubens seinen. Aber man würde vergeblich versuchen, die Zauberstriche des Pensels zu beschreiben, wodurch die Haut ihre Weichheit, das Fleisch seine duftende Wärme, das Auge seine Feuchtigkeit und selbst seine Gedanken und Empfindungen bekommt. Vermutlich würden Titian und Vandyk selbst nur wenig von einer Kunst die sie vorzüglich besessen, gestammelt haben. Es kommt hier, außer der allgemeinen Behandlung, einer glücklichen Anlage und einer guten Wahl der Farben, auf unbeschreibliche Kleinigkeiten an. Die kleinsten kaum merklichen Lichter, Blicker und Wiederscheine, tun fast das meiste zu dem Leben. In den Werken der größten Koloristen, scheinen diese noch leichter als in der Natur selbst zu entdecken. Die Natur ist die Originalsprache, das gemachte Bild eine Übersetzung. Man muss hier, wie in wirklichen Sprachen, die, in welche man übersetzt vollkommener besizen als die Grundsprache. Mancher Maler entdeckt in dem Kolorit der Natur kräftige Kleinigkeiten, empfindet ihre Wirkung, kann sie aber mit seinen Farben nicht erreichen. Da ist es gut, wenn er in den Werken der größten Meister entdecken kann, wie es ihnen gelungen ist, das darzustellen, was ihm bei Nachahmung der Natur nicht möglich war. Es kommt hier einerseits auf ein erstaunlich scharfes und empfindsames Aug und denn auf eine, durch tausend Versuche unterrichtete und noch glückliche Hand an.

 Bisweilen erhält man durch Umwege, was man geradezu nicht erreichen vermag. Manche Stelle des Gemäldes, die das wahre Leben noch nicht hat, erhält es, durch die Bearbeitung einer anderen Stelle.

Dergleichen Beobachtungen ist man oft dem Zufall schuldig. Also muss der Maler bei der Arbeit des Pensels seinen Geist unaufhörlich zur Beobachtung der zufälligen Wirkungen der Farben, der Lichter und Schatten, des Hellen und Dunkeln gegen einander, gespannet halten, damit ihm nichts davon entgehe. Arbeitet er in einiger Zerstreuung der Gedanken, so gelinget ihm bisweilen etwas, das er danach mit keinem Suchen wieder nachmachen kann. Hätte er aber damals als es ihm gelungen ist, auf alles, was er tat Achtung gegeben, so würde er nun diesen Teil seiner Kunst besizen. Darum muss der Maler, so gut als der Philosoph seine Stunden haben, wo er sich in ein stilles Kabinet verschließt, um die höchste Aufmerksamkeit auf die Bemerkungen zu richten, die ihm die Übung seiner Kunst entdecken lässt. Aber auch außer dem Kabinet und in der Gesellschaft muss er überall mit einem forschenden Auge den Ton und die Farben des Lebens beobachten.

 

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1 Mengs Gedanken über die Schönheit S. 46. 47.

2 S. Kolorit.

 


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