Phantasie

Phantasie (gr. phantasia = Darstellung, Erscheinung, Vorstellung, Vorstellungskraft) oder Einbildungskraft heißt das Vermögen unseres Geistes, Anschauungen in freier Weise zu reproduzieren, sie apperzeptiv mit Vorstellungen zu verbinden und nach einem bestimmten Plane umzugestalten. Sie wirkt mehr bewußt oder mehr unbewußt, mehr passiv oder mehr aktiv, ist an die Anschauung von Raum und Zeit wie auch an die wirkliche Welt als an ihre Quelle gebunden und wird sowohl durch sensible Reize, als auch durch lebhafte Gefühle und fesselnde Gedanken besonders erregt. Ihr Einfluß läßt sich auf physischem, physiologischem, logischem, ästhetischem und ethischem Gebiet verfolgen. Ihre Kraft ist auf allen diesen Gebieten schöpferisch. Vom logischen Denken ist die Phantasietätigkeit durch ihre sinnliche Lebendigkeit unterschieden, und Wundt nennt sie daher in »Denken in Bildern« (Grundz. der phys. Psychol. II, S. 397ff.). - Zunächst beeinflußt sie unser Leibesleben ; ansteckende Krankheit, Nervosität und Ekstase können vereinzelt durch die Phantasie übertragen werden; unsere Sinne empfangen oft durch sie täuschende Reize. Der Hungernde schmeckt die vorgestellte Speise, der Furchtsame sieht und hört den Räuber, der Verfolgte fühlt die Faust des Verfolgers. Illusion, Vision, Halluzination sind zum Teil das Werk der Phantasie, ebenso das Traumleben, der Somnambulismus und die Psychose. Auch die Wissenschaft steht unter ihrem Einfluß, und die Philosophie, soweit sie schöpferisch ist und eine Weltanschauung konstruiert, bedarf ihrer. Es ist kein größeres System ohne die Phantasietätigkeit aufgestellt, auch keine wichtigere Erfindung ohne sie gemacht worden. Auf ethischem Gebiete schafft sie die Ideale, welche zum Handeln begeistern, verstärkt sie die Macht des Beispiels und befördert sie die Freiheit der Wahl. Die Kunst verdankt ihr fast alles. Auch die Religion, welcher die Kunst vielfach verwandt ist, bedarf ihrer, wie die Geschichte der Religion bezeugt. So erweist sich die Phantasie als eine schöpferische Grundkraft der Seele, die, passiv, beständig in uns wirksam ist und die logische Tätigkeit vorbereitet, begleitet und unterstützt, aktiv, die verstecktere und nicht unter Regeln und Gesetze zu bringende Schaffensweise des menschlichen Geistes bildet.

  Aristoteles versetzt die Phantasie zwischen die Wahrnehmung (aisthêsis) und das Denken (dianoia, noêsis) (De an. III, 3, p. 427 b 14) und sieht in ihr eine psychische Nachwirkung der Empfindung, eine abgeschwächte Empfindung (aisthêsis tis asthenês), die sich auf Vergangenheit und Zukunft bezieht (Rhet. 1, II, p. 1370 a 28). Die Stoiker unterscheiden zwischen dem Bewußtsein der Affektion (phantasia d.h. pathos en tê psychê genomenon) und dem Objekte, der Ursache derselben, (phantaston, to poioun tên phantasian), der bloßen Einbildung, der nichts zugrunde liegt (phantastikon) und demjenigen, was solche Einbildung in Träumen veranlaßt (phantasma). Augustinus (353-430) kennt drei Arten der Phantasie: die reproduktive, produktive und synthetische (Ep. ad Nebrid. 62). Die Phantasievorstellungen gehören bei Descartes (1596-1650) zu den von dem Menschen selbst gebildeten (factae). Die neuere Philosophie hat sich nur wenig mit diesem höchst wichtigen Seelenvermögen beschäftigt. Erst Kant (1724-1804) tat es, indem er die Einbildungskraft zwischen Sinnlichkeit und Verstand einschob (Kr. d. r. Vernunft, S. 137 ff.); sie hat den Stoff, den jene herbeischafft, synthetisch zur Einheit zu bringen. Auf ihr beruht der Schematismus der reinen Vernunft (s. d.). J. Frohschammer (1821-1893) bezeichnet die Phantasie als das schöpferische Weltprinzip (Die Phantasie als Grundprinzip des Weltprozesses, München 1877); ähnlich, wenn auch mehr nur auf die organische Welt beschränkt, faßten sie Krause, J. H. Fichte und Ulrici auf.

 Man unterscheidet determinierende, abstrahierende und kombinierende Phantasie; doch sind diese Unterscheidungen mehr künstliche als natürliche, da sich bei jedem Vorgange mehr oder weniger alle Seiten der Phantasie zeigen. Die Einbildungskraft ist auch die Hauptquelle des Irrtums, vgl. Sinnestäuschungen. Vgl. H. Cohen, Die dichterische Phantasie und der Mechanismus des Bewußtseins. Berlin 1869. H. Sibeck, Das Wesen der ästhet. Anschauung. Berlin 1875. S. Rubinstein, Psychologisch-ästhet. Essays. Heidelberg 1878. J. Frohschammer, Bedeutung der Einbildungskraft in der Philosophie Kants und Spinozas. München 1879.


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