Pessimismus

Pessimismus (nlt. v. lat. pessimus = der schlechteste) heißt die durch Schopenhauer (1788-1860) und von Hartmann (1842-1906) begründete Theorie, nach der unsere Welt die schlechteste unter allen möglichen Welten sein soll. Schopenhauer bezeichnet den Optimismus (s. d.), die dem Pessimismus entgegengesetzte Weltstimmung, als eine sinnlose und ruchlose Denkungsart. Von Glückseligkeit könne hieniden nicht die Rede sein. Das irdische Leben biete höchstens Illusionen. Unser Dasein trage den Charakter einer Tragödie, einer Verirrung, einer Schuld. Die Welt ist vernunftloser, zielloser Wille. Seine Hemmung ist Leiden; aber die Erreichung eines vermeintlichen Zieles bringt nie Befriedigung, sondern weckt nur neues Streben. So bewegt sich das menschliche Leben zwischen Schmerz und Langweile. Wahrhafte Güter existieren nicht. Jugend, Freiheit, Gesundheit gewähren auch nach v. Hartmann keine positive Lust; was aber sonst an Glück etwa aufgeführt wird, ist Illusion. Alles ist eitel, die Unlust überwiegt bei weitem die Lust; völlige Vernichtung des Willens durch die Intelligenz ist daher der höchste Zweck des Daseins. - Der Pessimismus ist im Wesen nur der leidenschaftliche Ausdruck für unbefriedigte Ansprüche des Menschen an das Leben. Mit der ethischen Einsicht in das Unberechtigte dieser Ansprüche und mit der Beherrschung der Leidenschaften schwindet er von selbst. Die Summe des menschlichen Glücks kann mit Recht weder, was den einzelnen, noch was die gesamte Menschheit betrifft, zum Maßstab für das Werturteil über die Welt gemacht werden. Es wäre dies ein der ganzen Tendenz der Philosophie widersprechendes anthropozentrisches Urteil. Von einem allgemeinen »Weltelend« zu sprechen ist unzulässig, wo wir nur von den Ansprüchen der Menschheit und nicht einmal der ganzen Menschheit ausgeben. Und auch für die Menschheit ist alle Befriedigung nicht bloß negativ; Arbeit, Erwerb, Streben, Selbstbetätigung, Gesundheit, Liebe, Ehe, Freundschaft u. dgl. sind nicht nur Illusionen, sondern geben uns faktisch Glück. Auch Erinnerung, Hoffnung, Ruhm und Phantasie sind eine Quelle des Genusses selbst für den, der erkannt hat, daß sie objektiv nichts sind. Kunst, Wissenschaft, Moral und Religion mehren den geistigen Genuß des menschlichen Lebens. Vergeblich beruft sich auch der Pessimismus auf die unbewiesene Lehre, daß die Welt blinder, zielloser Wille sei, und mit Unrecht wirft er dem Optimismus vor, daß er oberflächlich, der Pessimismus dagegen die tiefere Denkweise sei. Man kann vom Pessimismus frei sein, ohne Anhänger eines oberflächlichen, die Mängel des Daseins übersehenden oder ableugnenden Optimismus zu sein. Vgl. Übel, Eudämonismus, Moralprinzip.

 Man kann übrigens praktischen und theoretischen Pessimismus unterscheiden; jener wäre die Maxime, an sich schlechte Zustände auf die Spitze zu treiben, um dadurch eine Besserung zu erzielen. Dieser hat mancherlei Formen: Der soziale Pessimismus findet, mit Malthus, eine Disharmonie zwischen der Volksvermehrung und der Nahrung; auf die Idee des Kampfes ums Dasein, wie ihn Darwin annimmt, gründet sieh der zoologische Pessimismus; der dichterische Pessimismus findet sich als Stimmung bei Jünglingen und poetisch veranlagten Menschen; der oben geschilderte endlich ist der metaphysische Pessimismus. Vgl. A. Taubert, der Pess. u. s. Gegner. Berlin 1873. Pfleiderer, d. moderne Pess. Berl. 1875. Plümacher, der Pess. in Vergangenheit u. Gegenwart. Heidelberg 1888.


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