Wertlosigkeit des Schließens


Noch deutlicher womöglich wird die Wertlosigkeit eines solchen formalen Schließens, wenn wir bemerken, dass es uns doch eigentlich bei allen solchen Denkoperationen um Wahrheit zu tun sei, das heißt um die Übereinstimmung unseres Denkens oder unserer Sprache mit der Wirklichkeitswelt. Dann fällt uns ein, dass nicht nur die Wahrheit des Satzes "alle Planeten seien abgeplattet" unmöglich sei vor den Einzelwahrheiten "jeder Planet ist abgeplattet", sondern dass sogar das Wort oder der Begriff Planet erst durch solche Einzelbeobachtungen gewachsen sei und dass für unsere gegenwärtige Welterkenntnis oder unseren gegenwärtigen Sprachschatz die Abplattung bereits zum Begriff Planet gehöre. Wir erkennen daraus, dass der Schlußsatz "der Mars ist abgeplattet" nicht nur bereits in der Prämisse "jeder Planet ist abgeplattet" enthalten sei, sondern auch schon in dem Worte Planet allein und in dem Worte Mars allein. Wer sich bei Planet oder bei Mars die Abplattung nicht mit vorstellt (sobald seine Aufmerksamkeit darauf gerichtet ist), der hat das Wort Planet oder Mars noch gar nicht in seinem Sprachschatz. Mein Kerl im Wirtshaus braucht keine astronomische Bildung zu besitzen, und für ihn wird der eben vorgenommene Syllogismus gewiß eine Neuigkeit enthalten, eine Vermehrung seiner Erkenntnis. Aber diese Vermehrung verdankt er ja nicht dem Syllogismus, sondern der Mitteilung einer ihm fremden Beobachtung. Die Erkenntnisvermehrung besteht in der Mitteilung, dass der Mars an den Polen abgeplattet sei. Weiß der Kerl von der Volksschule her, dass die Erde ein Planet und an den Polen abgeplattet ist; erfährt er nun, dass Neptun, Uranus usw. ebenfalls Planeten und abgeplattet seien — so wird er allerdings zu dem zusammenfassenden Begriffe kommen (was man eine Induktion nennt): Komisch, alle Planeten sind ja abgeplattet! Er wird sich, wenn es ihn überhaupt interessiert, den Begriff Planet zugleich mit dem Merkmal der Abplattung merken. Wollte sein gelehrter Freund nun aber plötzlich den Weg zurückmachen und etwa sagen: "Siehst du, mein lieber Hanswurst, der Mars ist also abgeplattet, alle anderen Planeten sind es auch, und daraus, dass alle Planeten abgeplattet sind, kannst du schließen, dass auch der Mars abgeplattet ist!" — dann wird mein Kerl im Wirtshaus mit der Faust auf den Tisch schlagen und rufen: "Selbst Hanswurst! Davon sind wir ja ausgegangen, das weiß ich ja schon."

Sollte mein Kerl im Wirtshaus aber ungewöhnlich dumm sein, dann konnte der gelehrte Freund ihm allerdings vorreden, er müsse den Satz "alle Planeten sind abgeplattet" auf Treu und Glauben hinnehmen und aus dieser Prämisse ergebe sich mit logischer Notwendigkeit die Abplattung des Mars. Dann hat aber der Kerl nur nicht wahrgenommen, dass sein Freund eben — das Bild kann nicht oft genug wieder- holt werden — ein Taschenspieler war, der ihm aus der Tasche zieht, was der Schelm selbst vorher hineingesteckt hatte.

Der Unterschied an Wissen oder Sprachumfang ist entscheidend dafür, wer Lehrer und wer Schüler ist, wer eine Beobachtung mitteilt und wer sie mitgeteilt erhält. Für das Wesen des Schlusses macht Wissen oder Sprachumfang keinen Unterschied. Hat doch der Kerl im Wirtshaus seinen Syllogismus eben so tadellos und eben so hanswurstmäßig gemacht.

Jeder Käse ist ein Kas,

Chester steht unter Käse,

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also: muß Chester ein Kas sein.

In dem Planetenbeispiel ist das Vorausgehen des Schlußsatzes, also seine völlige Wertlosigkeit, darum so einleuchtend, weil der Umfang des Begriffes Planet so klein ist. Zwar wurden zu den sieben Planeten, die man schon früher kannte und beobachtete, im Laufe des 19. Jahrhunderts über 200 neue kleine Planeten hinzu entdeckt, aber die Zahl ist immer noch sehr gering im Verhältnis zu den Einzeldingen, die unter die meisten anderen Begriffe fallen. Unzählbar sind die Vorstellungen, die unter Baum, Tanne, Tier, Schwalbe, Wohlstand, Diebstahl usw. verstanden werden. Es ist für jedermann, der ein wenig an abstraktes Denken gewöhnt ist, schon lange selbstverständlich, dass auch diese letzten Begriffe nur durch sogenannte Induktion entstanden sind, dass also alle Schlußfolgerungen aus Merkmalen ihrer Begriffe der Begriffsbildung vorausgegangen sind. Natürlich kommen bei solchen Schlußfolgerungen, die in dem Worte schon enthalten waren, gewöhnlich nur alberne Tautologien heraus. Dass jede Schwalbe ein Tier sei, weil jede Schwalbe ein Vogel und jeder Vogel ein Tier, das ist gewiß ebenso sicher eine Albernheit, wie es ein guter Syllogismus ist. Man bemüht die Logik allerdings gewöhnlich nur in solchen Fällen, wo der Besserwisser dem Unwissenden etwas Neues mitteilen will, wie wenn er die Mitteilung, dass der Walfisch lebendige Junge zur Welt bringe, in die Form der Schlußfolgerung kleiden wollte: alle Säugetiere bringen lebendige Junge zur Welt, der Walfisch ist ein Säugetier, also bringt er lebendige Junge zur Welt. Ich brauche nicht erst zu wiederholen, dass auch diesmal die neue Beobachtung oder Mitteilung eben nur in den lebendigen Jungen besteht und dass das Übrige nur Sprachbereicherung ist.  


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