Wahrnehmen ohne Schließen


Überhaupt gibt es gar nichts Banaleres als die Wahrnehmung durch eine besondere Wirkung. In der Schule wird freilich gelehrt, dass z.B. eine Rose zugleich durch den Gesichtssinn nach Form und Farbe, durch den Geruchssinn, unter Umständen auch durch den Tastsinn, Geschmacksinn, möglicherweise sogar auch durch den Gehörsinn zugleich wahrgenommen werde. Diese Gesamtbeobachtung liefert uns dann freilich den gesamten Inhalt des Begriffs Rose und die auszeichnenden Merkmale eines bestimmten Rosenindividuums dazu. Aber wir nehmen doch eine Rose auch durch eine einzelne Sinneswahrnehmung schon wahr. Wer den Schnupfen hat und die Rose nicht riechen kann, sagt dennoch, er sehe eine Rose. Und der Blinde nimmt die Rose durch den Geruch allein ebenso sicher wahr. Wird nun irgend ein Mensch die Behauptung des Blinden oder die des verschnupften Mannes "das da sei eine Rose" eine logische Operation nennen? Sicherlich nicht.

Man wird mir einwenden, diese Fälle beträfen zwar immer Teilwahrnehmungen, durch die man an die ganze Wahrnehmung erinnert werde, aber es seien doch immer direkte Mitteilungen einzelner Sinne. Ich sehe keinen großen Unterschied, aber ich kann auch mit indirekten Wahrnehmungen, mit der Wahrnehmung indirekter Wirkungen dienen. Wenn ich des Morgens ans Fenster trete und die Blätter der Bäume sich bewegen, die Zweige hin und her schwanken sehe oder wenn ich nur das Rauschen der Bäume vernehme, so denke ich sofort: es ist windig, der Wind bläst oder: es windet. Wenn ich die ganze Straße naß erblicke oder wenn ich das eigentümliche Trommeln auf die Fensterscheiben höre, so denke ich: es regnet. Ist dieser Gedanke, dass es windig sei oder dass es regnet, der Schlußsatz einer logischen Denkoperation? Hier scheine ich mich gefangen zu haben, denn der Logiker wird allerdings ausrufen: jawohl, da haben Sie logische Schlüsse gemacht. Auf die Schnelligkeit des Schließens kommt es nicht an.

Auf die Schnelligkeit wohl nicht, doch aber darauf, ob — wenn auch noch so blitzschnell, noch so unbewußt — der Weg von der Wahrnehmung zu dem Gedanken, dass es windig sei oder regne, durch einen Syllogismus hindurchgegangen ist.

Dass wir bei solchen schlichten Gedanken keine bewußte Schlußfolgerung vollziehen, das wird wohl von allen Seiten zugestanden. Der Weg der Schlußfolgerung ist sogar so schwer, dass ihn selbst ein Professor der Logik nicht immer auffinden könnte. Und nur die Karikatur eines solchen Professors könnte also überlegen: "Ich nehme wahr, dass der Erdboden naß ist; die Nässe muß eine Ursache haben, denn keine Veränderung geschieht ohne Ursache; wenn es regnet, ist es naß; wenn gesprengt wird, ist es auch naß, aber nur auf dem Straßendamm; wenn es regnet, ist es überall naß, wo kein Dach ist; ich nehme wahr, dass es überall naß ist, wo kein Dach ist; also regnet es." Ich gebe zu, dass alle unsere Beobachtungen und ihre Zurückführung auf die Ursachen in solche Kettenschlüsse hineingezwängt werden können. Ich kann es nicht leugnen, denn ich kann die Existenz einer logischen Wissenschaft nicht leugnen. Wohl aber leugne ich, dass unserem Gedanken "es regnet" jemals ein solches Schema vorausgegangen ist. Ginge eine solche logische Denkoperation jetzt schnell und unbewußt in unserem Gehirn vor, so müßte sie früher einmal, bevor sie eingeübt war, langsam und bewußt vor sich gegangen sein.

Was eingeübt wurde und uns so zur Gewohnheit geworden ist, dass wir es gleichzeitig und beinahe wie eine Tautologie denken oder sagen: "es ist naß, es regnet" oder "es rauscht in den Bäumen, es ist windig" — das ist nicht eine logische Denkoperation, sondern Erinnerung oder Sprache. Das Kind nimmt Regen wahr. Von der Richtung der Aufmerksamkeit hängt es ab, ob es den Regen wahrnimmt durch die Augen als eine Veränderung des Straßenbildes oder durch die Augen als Streifen fallender Tropfen oder ob es immer denselben Regen wahrnimmt durch das Tastgefühl als Klatschen auf den eigenen Körper oder durch die Wärmeempfindung als Abkühlung verbunden mit gewissen eigentümlichen Nebenumständen oder ob es immer denselben Regen wahrnimmt durch das Gehör als das wohlbekannte Trommeln auf die Fensterscheiben oder ob jemand, der zugleich taub und blind wäre und unter einem schützenden Dache stünde, immer denselben Regen wahrnähme durch seinen Geruchssinn als Wasserdampf. Nichts, gar nichts Anderes ist in unserem Gehirn vorhanden als die Erinnerung an solche Sinneseindrücke, und nichts vollzieht sich als ein Wandern der Aufmerksamkeit von einer Erinnerung zur anderen. Was eingeübt wird, das ist einzig und allein die Schnelligkeit, mit der wir im Dienste unseres Interesses die eine Empfindungserinnerung durch die andere wachrufen. Das Schema "wenn es regnet, ist es naß" ist eine tote Formel. Die Chinesen besitzen kein "wenn", und sie wissen doch alle, dass es regnet, wenn es naß ist.  


 © textlog.de 2004 • 27.04.2017 16:58:20 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.05.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright