Unmittelbare Schlüsse


Schlüsse nennen wir eine besondere Art von Urteilen oder Sätzen. Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass wir uns nur um solche Sätze kümmern, von deren Wahrheit wir überzeugt sind, die auf richtige Begriffe zurückgehen und dadurch mit unseren Vorstellungen von der Wirklichkeit übereinstimmen. Einen Unterschied in diesen Sätzen macht nur: die psychologische Herkunft der Überzeugung von ihrer Wahrheit. Für solche Sätze, deren Grundlage noch in unserer Vorstellung gegenwärtig ist, die auf unmittelbarer Beobachtung beruhen, haben wir keinen besonderen Namen; die unmittelbaren Urteile heißen einfach Urteile. Ist uns aber die Grundlage, die ursprüngliche Beobachtung nicht mehr gegenwärtig, muß unsere Erinnerung mehr oder weniger Haltepunkte machen, um sich auf die Vorstellungen zurückzu-besinnen, ist also unsere subjektive Überzeugung von der Wahrheit eines Satzes nicht unmittelbar, so gelangen wir zu vermittelten Sätzen, und diese nennt die Logik Schlüsse. Alle Schlüsse sind also mittelbare Urteile, und da scheint es mir doch eine arge Schulfuchserei, dass man diese mittelbaren Urteile wieder in unmittelbar-vermittelte und in mittelbarvermittelte einteilen will. Der ganze Unterschied scheint mir in der Zahl der Stationen zu bestehen. Die geographische Lage von Berlin und Potsdam bleibt dieselbe, ob ich den Weg im Schnellzug ohne Aufenthalt zurücklege oder ob der langsame Lokalzug einigemal anhält. Wer langsam denkt, wer ein langsames Gedächtnis hat, wird dasselbe Urteil, das ein anderer unmittelbar fällt, nur mit Hilfe von Pumpstationen erreichen. Wir verstehen also unter unmittelbaren Schlüssen diejenigen Urteile, die psychologisch so entstehen, dass das Gedächtnis entweder gar nicht oder doch nicht an allen Stationen hält. Die mittelbaren Schlüsse, die Syllogismen, diese Paradestücke der alten Logik, erinnern darum auch an die langweiligen Bummelzüge, die nur für Kinder einen Reiz haben, den Reiz der Verzögerung.

Unter den unmittelbaren Schlüssen führt die Schullogik zuerst diejenigen auf, die unmittelbar aus Begriffen hervorgehen und die analytische Schlüsse heißen. Ich habe über sie nur kurz zu sagen, dass sie mit meinen wertlosen, apriorischen, tautologischen Urteilen durchaus zusammenfallen. Es wird da immer von einem Begriff etwas ausgesagt, was im Begriff mitverstanden worden ist. Wenn ein Tischgenosse zu später Stunde die Worte lallen würde "Käse ist ein Nahrungsmittel", so würde man das törichtes Geschwätz nennen und annehmen, der Freund sei seiner Sinne nicht mehr mächtig; dieselben Worte wären aber für den Logiker ein musterhafter analytischer Schluß. Nach allem Vorhergesagten braucht hier nur daran erinnert zu werden, dass zwischen analytischen Schlüssen und analytischen Urteilen gar kein Unterschied aufzufinden ist, dass ferner alle analytischen Urteile zurückgehen auf ehemalige synthetische Urteile, das heißt auf Beobachtungen, welche seinerzeit das Gedächtnis oder die Sprache bereichert haben. Auch Kant hätte zugeben müssen, dass seine "Erläuterungsurteile" in statu nascendi, beim ersten Erfassen, "Erweiterungsurteile" gewesen waren. Die Summe aller solchen einstigen Beobachtungen ist eben Gedächtnis oder Sprache; wer auf diesen Schatz eine Anweisung ausstellt, wer aus der Sprache heraus ein analytisches Urteil fällt, der leistet so wenig Denkarbeit, als es Bergmannsarbeit ist, ein ererbtes Goldstück aus dem Kasten zu holen.

Ich glaube bestimmt, dass Locke diesen Mangel an Gedankenarbeit im Auge hatte, als er für analytische Urteile einmal die seltsame Bezeichnung "frivole Sätze" wählte.

Die übrigen unmittelbaren Schlüsse werden also danach so benannt, dass sie nicht ganze Ketten von Urteilen bilden, dass sie nicht bei jeder Kreuzung auf dem Wege anhalten, sondern als beschleunigte Gedächtniszüge nur Eine Station kennen. Ich möchte gern weniger bilderreich reden; ich mache aber darauf aufmerksam, dass auch die Erklärung, der unmittelbare Schluß sei eine Ableitung aus einem einzelnen Urteile, nur ein Bild ist, noch dazu ein verblaßtes, unvorstellbares, während mein Bild von den Stationen vielleicht im Gehirn eine Analogie vorfindet. Nur dass alte Bilder, die ver-blaßt und unvorstellbar, gespensterhaft geworden sind, eben darum schon für fertige Gedanken gelten.

Diese unmittelbaren Folgerungen aus einzelnen Urteilen — die doch für uns immer noch Tautologien, wenn auch verstecktere Tautologien sind und bleiben — werden von der Schullogik in sieben Gruppen mit sieben hübschen Namen eingeteilt. Ich will an dem einfachsten Beispiel aus der ersten Gruppe zeigen, wie sich die Logik auch mit diesen Spielereien selbst belügt und wie auch diese unmittelbaren Folgerungen zu keinen neuen Urteilen führen können, sondern nur die alten Begriffe, wie bei jeder Urteilsbildung, auseinanderlegen, so zwar, dass die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Merkmal den Satz bestimmt.  


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