Kreisbilder der Logik


An dieser Stelle wird es nützlich und darum vielleicht auch lobenswert sein ("einiges Nützliche ist lobenswert"), auf das räumliche Bild zurückzukommen, mit welchem die Logiker alle Verhältnisse der Begriffe zu beweisen vorgeben. Wir haben schon im allgemeinen gesehen, dass die sogenannte Sphärenvergleichung nur ein falsches Bild von den wirklichen Gehirnvorgängen gibt, dass sich aus der Einzeichnung von Kreisen durchaus nichts beweisen lasse. In unserem Falle, der in der Logik der erste Schlußmodus (Darapti) der dritten Figur heißt, würde der Beweis aus der Sphärenvergleichung etwa so heißen: der Begriff Tugend gehört zugleich der Sphäre des Lobenswerten und der Sphäre des Nützlichen an, die beiden Sphären müssen also etwas Gemeinsames haben, es muß also einiges Nützliche lobenswert sein oder umgekehrt. Ich lasse beiseite, dass — wie wir gesehen haben — der Mittelbegriff der Tugend gar nicht gedacht wird, dass also bei einer eventuellen Sphärenvergleichung das Gemeinsame der beiden Sphären gar nicht zum Bewußtsein kommt. Ich will jedoch nur an das Falsche des Bildes erinnern. Denkt man bei den beiden Begriffen des Lobenswerten und des Nützlichen an den Inhalt, das heißt an die wenigen Begriffsmerkmale, so läßt sich überhaupt an eine geschlossene geometrische Figur nicht denken. Man könnte dann höchstens das Bild von Linien gebrauchen, die einen Punkt gemeinsam haben, was dann (wohlgemerkt) immer nur ein Bild wäre. Denkt man nun an den Umfang der beiden Begriffe, das heißt an den Haufen von Dingen oder Tätigkeiten, die wir da durch den Begriff lobenswert, dort durch den Begriff nützlich zusammenzufassen pflegen, so ist dann für jeden einzelnen Begriff eine geschlossene geometrische Figur nicht ganz so sinnlos, obgleich mir das Bild von einer Kugel besser gefiele. Wie in aller Welt aber soll die sogenannte Seele dazu kommen, innerhalb ihres Gehirns die beiden Kugeln oder Kreise miteinander zu vergleichen, wenn diese Kugeln oder Kreise nur Bilder des wirklichen Sachverhalts sind? Bilder sind ja nur Erinnerungszeichen für das, was der Bildner vorher gesehen hat. Findet er zwischen zwei Bildern Ähnlichkeiten, die er vorher nicht gesehen hat, so wird er den Bildern fürs erste mißtrauen und erst nach Vergleichung der wirklichen Originale auszusprechen wagen, ob diese Ähnlichkeit ein Zufall sei oder nicht. Ohne Beachtung der Originale gibt es keine Gewißheit, ohne Zurückerinnerung an die allem Denken zugrunde liegenden Sinneseindrücke kann es kein Urteil, kein Schließen, kein Denken geben. Die Dinge und Tätigkeiten, die wir vom Standpunkt unseres Interesses alle nützlich nennen, liegen doch im Gehirn nicht als Kugel oder Kreis wie in der Vorstellung eines Mathematikers beisammen ; ebensowenig liegen die Tätigkeiten oder Handlungen, die wir von einem ganz anderen Standpunkt aus, vom Standpunkte der Moral, lobenswert nennen, in unserem Gehirn zu Kugeln oder Kreisen geordnet da. Da ist irgendwo die Erinnerung an ein Ding oder an eine Tätigkeit, die wir uns gewöhnt haben, sehr schnell und sehr leicht mit dem abstrakten Begriff "nützlich" zusammen auszusprechen; da sind Erinnerungen an Handlungen an irgend ein Gehirnteilchen geknüpft, die wir uns gewöhnt haben, leicht und schnell mit dem abstrakten Begriff "lobenswert" zusammen zu denken oder auszusprechen. Wird nun unsere Aufmerksamkeit zum ersten Male oder wiederholt darauf gerichtet, ob es unserem Gehirn und seinen Assoziationen leicht oder schwer fällt, die Begriffe lobenswert und nützlich zusammen zu denken oder auszusprechen, so werden wohl im Gehirn zahllose Versuchsmeldungen hin und her ziehen, das Gedächtnis (ich muß es in diesem Augenblick wieder und zu meinem Schmerze mythologisch gebrauchen) wird unter seinen Erinnerungen diejenigen heraussuchen, die sich schnell und leicht sowohl mit dem Abstraktum nützlich als mit dem Abstraktum lobenswert zu vereinigen pflegen, und wird dann, ohne Kreis und ohne Kugel und ohne den eingeschriebenen kleineren Kreis "Tugend", je nach Erfahrung, Stimmung, Unabhängigkeit und Aufmerksamkeit dazu kommen, das Urteil auszusprechen "einiges Nützliche ist lobenswert" oder am Ende gar das neue lachende Urteil "wir nennen das Nützliche immer lobenswert".


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Seite zuletzt aktualisiert: 31.05.2006 
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